
Björn Kühnicke: Musikkritiker stellt man sich ja gern wie die beiden nörgelnden Alten aus der Muppet-Show vor. Manchmal stimmt das sogar, auch wenn wir beide noch nicht ganz so alt und grau sind wie Statler und Waldorf und auch selten zu zweit ins Konzert gehen. Und nun kommen wir zu zweit und auch noch beide hold lächelnd aus der »Götterdämmerung« am Vorabend der Dresdner Musikfestspiele … Was geht dir durch den Kopf nach dem Abschluss dieser vierjährigen Forschungsexpedition auf der Suche nach dem wagnerischen Originalklang?
Martin Morgenstern: Außer den Nornen weiß niemand, was die Zukunft bringt und wie die Vergangeheit klang. Das macht ein Forschungsprojekt wie “The Wagner Cycles” ja gerade so spannend. Es könnte passieren, dass am Ende, nach jahrelanger musikhistorischer, quellenkritischer, musikpraktischer Schufterei der Vorhang fällt – und alle Fragen offen sind. Denn das wurde mir während dieser konzertanten »Götterdämmerung« allmählich klar: so richtig kann wohl niemand sagen, wie eine am sogenannten Originalklang orientierte Wagner-Oper heute aufzuführen wäre. Selbst wenn die originalen Bühnenbilder, das statische Rampensingen in den Originalkostümen des 19. Jahrhunderts von der Diskussion ausgespart bleiben, ist und bleibt recht nebulös, wie die Suche nach dem Originalklang uns in der heutigen Rezeption einer Wagner-Oper so recht weiterbringen sollte.
BK: Du meldest also Zweifel an?
MM: Entrückt uns das authentische Lautmalen des kruden Wagner-Librettos in der Sprech-Art des 19. Jahrhunderts diesen Charakteren nicht noch weiter? Oder anders gefragt, ist es nicht völlig logisch, dass wir Wagner in unseren heutigen Konzertsälen auch mit den subtil technisch weiterentwickelten Instrumenten, mit den Klappentrompeten und den edel goldbedampften Bratschensaiten, mit den fluiddynamisch optimierten Fagott-Bögen aufführen? Dass wir nicht auf kreuzgefährliches und nur matt flimmerndes Gaslicht setzen, um die Szenerie zu erhellen, sondern auf feuersichere LEDs?
BK: Fürs Gaslicht würde ich schon allein wegen des Brandschutzes meine Hand nicht ins sprichwörtliche Feuer legen wollen. Für historische Instrumente und die größere Bandbreite der sängerischen Mittel kann ich mich allerdings durchaus erwärmen. Und das Ergebnis war ein musikalisches Fest! Besonders diese vielen Nuancen der Stimmbehandlung zwischen Singen, Sprechen und Keifen, aber auch Wohlklang und beißender Spott sind zu hören. Hier wurde nicht nur gesungen, sondern die Stimme in allen Modalitäten ausgeleuchtet.
MM: Zu begrüßen ist es allemal, dass der lauter-höher-dramatischer-Wettlauf der Wagnerstimmen einmal hinterfragt wird. Die stimmliche Bandbreite bis hinunter zum Flüstern und Jammern, die es ermöglicht, sich in die Charaktere auf der Bühne hineinzufühlen, und nicht der durchgängig aseptisch-stählern strahlende Tenor.
BK: Stimmt, da liefert Young Woo Kim als Siegfried einen wunderbaren Gegenentwurf. Natürlich kann er auch tenoral strahlen, aber er kann so viel mehr. Wenn er Brünnhilde am Ende des ersten Aufzugs verstellt als Gunther bezwingt, trägt er den Tarnhelm in der Stimme. Kim spricht hier mit einer überzogen schrillen Gesangsstimme. Er traut sich in anderen dramaturgischen Gemengelagen auch mal nach Tauber oder einem italienischen Tenor zu klingen.
MM: Klar, zu Wagners Zeiten war es die italienische Oper, an der sich die Stimmen der Sänger schulten. Ein schlanker, sinnlicher Belcanto-Klang steht den kichernden Rheintöchtern ja beispielsweise auch viel besser als dunkelgrün-gutturale Schlamm-Gluckser. Hier haben sich die sicherlich aufwendigen und sorgfältigen Probenzeiten mit den Sängerinnen und Sängern ausgezahlt. So manche Entwicklung der letzten Jahrzehnte in Richtung ewig sich verströmender, vibratogeschwellter, eben über-reizter Wagnerstimmen ist hier überzeugend ausgehebelt und die Zeit zurückgedreht worden.
BK: Weißt du was? Eine wirkliche Überraschung war für mich der Hagen von Patrick Zielke. Er hat 2020 den Faust für seinen Ochs im Bremer Rosenkavalier gewonnen und letzten Sommer sein Bayreuth-Debüt gegeben. Er kann einen Anzug tragen wie einen lässigen, ausgenuddelten Jogginganzug – und genau so singt er den Hagen – schnoddrig präzise. Ich meine das als das ultimative Kompliment. Mit jeder Phrasierung, jeder stimmlichen Färbung erlaubt er Einblicke in die Absichten und Abgründe seiner Figur.
MM: Oh ja, ein völlig überzeugender Hände-in-den-Hosentaschen-Fiesling! Oder auch die lavaglutvolle, bisweilen vor Wut zitternde Stimme von Åsa Jäger als Brünnhilde! Überhaupt sind den Sängerinnen und Sängern und auch dem durch Matthias Jung einstudierten Chor ausnahmslos fantastische, wirklich fantastische Leistungen zu bescheinigen. Was die Gesangsstimmen und ihre klugen Zugänge zu den Rollen angeht, ließ der Abend keine Wünsche offen.
BK: Ich höre da ein Aber…
MM: Klar wurde schon nach den ersten Takten: es hat auch schon sein Gutes, wenn Musikinstrumente über die Jahrzehnte und Jahrhunderte verbessert werden. Das jämmerliche Intonationsdesaster der ersten vierzig Takte des Vorspiels, direkt nach dem Einstimmen!, zeigte nicht zuletzt, dass Stahlsaiten und Mundstücke aus Hartholz ihren Vorgängern überlegen sind, und dass neue Instrumente und neue Spielarten vielleicht doch auch ein subtileres, technisch anspruchsvolleres Spiel zulassen. Mögen Originalinstrumente und originale Spielweisen, etwa auf Celli ohne Stachel, klanglich interessante Korrektive sein, muss ich mir doch heimlich eingestehen: »Siegfrieds Trauermarsch« unter einem Christian Thielemann mit einer vollbesetzten Staatskapelle auf modernem Instrumentarium mit den erweiterten dynamischen Spektren zu hören, haut allein vom Orchesterklang eben anders rein und wäre wahrscheinlich in seinem Überwältigungsgestus ganz in Wagners Sinn gewesen. Und es passt wahrscheinlich einfach besser in unsere überreizte, überwältigende, supermegadrastische Zeit.
BK: Dem Festspielorchester fehlte es wirklich an Präzision. Und die Intonation erinnerte über weite Strecken an die Anfänge der historisch-informierten Aufführungspraxis. Ich würde das allerdings ungern dem Originalklang ankreiden. Heute klingen gut eingespielte Spezialensembles wie Les Arts Florrisannts, das Freiburger Barockorchester oder das Collegium 1704 wesentlich professioneller. Und die Intonation funktioniert auch auf alten Instrumenten wunderbar. Ich habe solche Rückfälle in die intonatorischen Urgründe in den letzten Jahren bei den Spitzenensembles nur erlebt, wenn fachfremde, ausnahmslos namhafte Maestri aus dem Normalbetrieb am Pult standen.
MM: Ich würde trotzdem argumentieren: für mich ist aufgeklärte Wagner-Rezeption bis ins Heute zu denken. Wie würde Wagner heute inszenieren? Wie würde er klingen? Die Originalklanghörigkeit schneidet eben auch 150 Jahre Aufführungs- und Rezeptionsgeschichte ab. Man geht wieder zum Urvogel zurück, obwohl längst Kraniche die Lüfte bevölkern …
BK: Das ist ein schönes Bild – und eine legitime Meinung – nur eben nicht meine. Ich finde diese ganz andere Balance in den Streichern und auch zwischen Streichern und Bläsern ein wirkliches Hörerlebnis. Ich versuche immer noch zu verstehen, wie dieser Klang gleichzeitig dunkler, geräuschhafter, und trotzdem durchsichtiger sein kann. Über den Klangparcour der letzten vier Jahre hatte ich immer wieder musikalische Einsichten. Heureka-Momente. Ah, so sollte das klingen! Auch wenn es oft bei einem So-könnte-das-klingen stecken blieb. Ich hätte gern einen musikalisch überzeugenderen Urvogel. Der darf auch von den Kranichen lernen – er ist ja sowieso eine moderne Kreation. Die Kraniche fliegen trotzdem und putzen ihr Gefieder in den Gräben aller Opernhäuser – dürfen sie ja auch.
MM: Und warum überzeugt mich der Urvogel nun nicht?
BK: Das ist eine gute Frage. Des Wissens bar, des Wunsches voll … würde ich sagen. Ein Anfang für Dresden wäre sicherlich eine klarere Positionierung der Musikfestspiele in diesen Fragen. Es wundert mich schon, dass diese Götterdämmerung zum 150-jährigen Ringjubiläum am Vorabend versendet wird und die Frage des Spürens nach dem Originalklang danach kaum noch eine Rolle spielt. Die Cellokonzerte im »Late Night Baroque«-Konzert bilden da eine höchst interessante Ausnahme, das verspricht einen spannenden Abend. Aber eine entschiedene und werbende Parteinahme für intelligente Aufführungspraxis sähe anders aus!
MM: Der Welt melden Weise nichts mehr … Ein banales Postskriptum noch, das nichtsdestoweniger ja auch zum Gelingen eines Abends gehört: wenn das Festspielpublikum in den Aktpausen eine halbe Stunde lang am Futtertresen ansteht, endlich seine Weinbestellung vortragen darf und der kreditkartenverwöhnte Schwede oder Däne dann von einem gestressten Ausschank-Mitarbeiter zurechtgewiesen wird, dass man hier mit Bargeld zu zahlen habe, passt das so gar nicht zu dem Geist der international ausstrahlenden Dresdner Musikfestspiele. Dem Vorschlag des Gastes, das bereits eingegossene Glas Wein trotzdem zu trinken und den Deckel in der folgenden Pause zu begleichen, begegnete besagter Mitarbeiter mit schneidig-scharfer Ablehnung – ein Treppenwitz der Originalklangdiskussion rund um die Musik jenes Mannes, der zeitlebens auf Pump durchkam und sich noch aus den verlegensten Situationen alberichsch herauswieselte.
Weitere Aufführungen:
24. Mai 2026 Friedrichsforum Bayreuth
26. Mai 2026 Elbphilharmonie Hamburg
4. Juni 2026 Kölner Philharmonie
10. September 2026 Lucerne Festival
13. September 2026 Théátre des Champs-Èlysées Paris
