
O alte Kastenherrlichkeit,
Wohin bist du geschwunden?
Ach längst vergangen bist du heut’
Wie wir einst dich gefunden!
Vergebens spähe ich umher,
Den Kasten finde ich nicht mehr,
O jerum, jerum, jerum.
O quae mutatio rerum!
Diese Zeilen, gedichtet von Dr. M. für den 2. Mai 1891, auf Liedzettel gedruckt von der Lehmann’schen Buchdruckerei in Dresden-Neustadt wurde vor heute 135 Jahren von feiernden Kruzianern gesungen – ein Loblied auf ihren damals gerade fünfundzwanzig Jahre alten ‘Kasten’, den neogotischen Bau des Gymnasiums zum Heiligen Kreuz in Dresden. Die Melodie entstammte dem bekannten Studentenlied „O alte Burschenherrlichkeit“. Der Kasten war nun schon etwas in die Jahre geraten: Im Schuljahr 1889/90 gab es “im Nov. mehrfache Besichtigung des Schulgebäudes durch die Behörde behufs baulicher Veränderungen, Einrichtung von Kleiderschränken außerhalb der Klassenzimmer.” (Kleine Chronik der Kreuzschule, 1891, S. 53).
Tafellieder sind ja etwas in Vergessenheit geraten: Neu verfasste Liedtexte gesungen auf bekannte Melodien, so dass jede und jeder mitsingen kann – oft mit Anspielungen auf Anwesende und Anekdoten, die der singenden Runde bekannt gewesen sein dürften. Auch Festgesänge, Stiftungs- und Festlieder funktionierten auf diese Weise und wurden im 19. und 20. Jahrhundert beauftragt oder anlassbezogen von einem Vereinsmitglied bzw. Gast gereimt, gedruckt und dann gemeinsam gesungen.
| Zwar steht noch an dem alten Ort Des Kastens grau Gemäuer, Indeß schon heißt’s: Mit dem auch fort, Der Bauplatz ist zu teuer! Das antiquierte Material Verschändet nur das Areal! O jerum, jerum, jerum. O quae mutatio rerum! | Ach freilich, als man ihn einst baut’, Hat man wohl nicht beim Rathe Verlangt mit Donnergrollen laut Nach einer Kraftfaçade Vom Zippel-Zappelstil auch weit Entfernt sah man ihn alle Zeit, O jerum, jerum, jerum. O quae mutatio rerum! | Nein, prunklos war er, ohne Zier, Das musste man ihm lassen. Nur scheibchenweise wurde hier Das Taglicht zugelassen! Dieweil der Schüler böser Chor Die Fensterscheibchen oft zerstor, Macht’ man sie möglichst kleine, Für dreissig Pfennig eine! |
Handschriftliche Tafellieder gibt es übrigens auch! Und auf ein Tafellied folgte nicht selten ein zweites: So auch am 2. Mai 1891. Melodie: Freude, schöner Götterfunken etc. ‘Denkst Du dran?’ sangen die Kruzianer am 2. Mai 1866 zur Melodie: Steh’ ich in finst’rer Mitternacht etc. Wer findet ein drittes und viertes von 1891?
| Trotzdem war eins ihm sicherlich Hellleuchtend vorbehalten: Zur freien Blüte konnte sich Des Jünglings Geist entfalten. War düster auch das alte Haus, Hell ging des Wissens Strahl doch aus Von unsrer schola crucis. Die all’ Zeit schola lucis! | Man pflegte dort seit alter Zeit Nicht blos der Alten Dichtung, Nein, wenn auch in Verborgenheit, Die Kunstgewerberichtung! Denn bei den Schülern stand in Gunst Gar hoch all’ Zeit die Holzschnittkunst; Das sah sofort ein Jeder An Bänken und Katheder. | Nicht minder wurde die Chemie Vom Cötus hoch gehalten, Denn öfters fand man in der Früh’ Der Kohlensäure Walten, Wenn einer hatt’ mit frevler Hand Den Tintenfässern zugewandt Die ganze Anschreibkreide: Ei, war das eine Freude! |
Heute stecken Tafellieder in Bibliotheken, Archiven, Familienchroniken und, zumindest erwähnt, in digitalisierten Zeitungen in den Berichten von Vereinsfesten, Jubiläen und anderen gesellschaftlichen Höhepunkten. Nur selten wurden sie in Zeitungen abgedruckt. Als Gelegenheitsschriften und Verbrauchsmaterial verschwanden die meisten nach dem Fest – sogenannte Ephemera: Vergängliche Literatur, geschaffen für den Augenblick in feiernder und singender Gesellschaft. Mancher Einblattdruck samt Tafellied hat doch überlebt, wird heutzutage gescannt, transkribiert und kann wieder gesungen werden. Die SLUB Dresden und andere Bibliotheken digitalisieren für die Forschung.
Dieses »Tafellied zur Crucianer-Feier am 2. Mai 1891« ist nun in Wikisource zu finden und einige andere auch. Längst eignen sich die Lieder als Unterrichtsmaterial, für Arbeitsblätter, regionale Geschichte oder zum Spaß bei Aufführungen im Musikunterricht oder für Sachkunde.
| Geschätzt nicht minder eh’dem ward Der Jugend Leibesübung, Olymp’sche Spiele eigner Art, Den Schwachen zur Betrübung. Das griech’sche Wort weiss ich nicht mehr, Doch weiss ich, dass wir deutsch sie sehr Prosaisch, „Presswurscht“ nannten Und alle wohl verstanden! | Gewüdigt ward von uns auch tief Die Überbürdungsfrage, Und die Gefahr, die in ihr schlief, Sie lag uns klar zu Tage. Drum manchmal wurde mit Verstand Ein Mittel heimlich angewandt Den Hirnstoff zu ergänzen; Das nennten wir dann „schwänzen!“ |
Bei Bedarf: Das ‘Verzeichnis der Teilnehmer an der Festlichkeit der ehemaligen Kreuzschüler am 1. und 2. Mai 1891 aus Anlass der fünfundzwanzigjährigen Erinnerungsfeier an die Einweihung des Kreuzschulgebäude’ wurde digitalisiert.
Werbeanzeigen professioneller Tafelliedtexter finden wir in den Kollektionen der digitalisierten Zeitungen aus Dresden und Leipzig. Manchmal annoncierten Auftraggeber auf der Suche nach einem ‘hübschen Tafellied’, z.B. in Stuttgart. Mehr Scans bietet die wachsende Sammlung Table songs of Saxony und eine Übersicht im Stadtwiki Meißen.
Das Sächsische Staatsarchiv in Leipzig und Saxorum in Dresden berichteten. Wer in Freundeskreisen fragt, hört vielleicht: Den Brauch, für bekannte Melodien neuen Text zu schreiben und zu singen – auf das Geburtstagskind und andere Jubilare – gibt’s in Dresden heute noch. Wer kennt welche? Hinweise sind willkommen. Gemeinfrei sind solche Tafellieder dann noch nicht und kommen für Transkriptionen in Wikisource nicht in Frage (erst 70 Jahre nach dem Tod einer Autorin/ eines Autors). In jedem Fall geben sie den Nachgeborenen dann Anlass für Ausdeutungen und erfordern Erklärungen. Kreuzspinn’, Mulus, Fuchs, Kamel – die Neulinge unter den Crucianern, angehende Studenten zwischen Abitur und Studienbeginn und jene in den ersten Semestern – und die alten Herren?!
| So ging’ im Kasten schlicht und gut, Bis man ans Ziel gelangte, Mit Frack und mit Cylinderhut Im Actus sich bedankte. Drauf ging die Seelenwand’rung an, Erst Kreuzspinn’ – Mulus – Fuchs alsdann, Bis uns das Schiff der Wüste Als Namensvetter grüsste! | Drum, Freunde, hebt die Gläser hoch: Der Kasten sink’ in Trümmer, Der gute Geist. fort lebt er noch, Ein Kastengeist ist’s nimmer! Es leuchtet aus dem neuen Haus Ja stets der alte Wahrspruch aus, Es bleibt schola crucis All’ Zeit schola lucis! |
Gesammelt werden Tafellieder gelegentlich und nicht nur in Bibliotheken und Archiven. Gesungen und gelesen werden sie noch! Auch am 25. August 1857 beim “Festessen ehemaliger Crucianer zur Feier des (wie man annahm) 300 jährigen Bestehen des Schulgebäudes” (Kleine Chronik, S. 23) und heutzutage am Kreuzgymnasium?
Jens Bemme
Lern- und Lehrmaterial für die Schule: ‚Tafellieder‘, 2026, https://www.schulportal-thueringen.de/media/detail?tspi=18946
Historische Zeitungen aus Sachsen: https://sachsen.digital/sammlungen/historische-zeitungen
Siehe auch https://stadtwiki-meissen.de/wiki/Tafellieder
Sächsische Bibliografie: Stand der Katalogisierung