Alle Jahre wieder wird unter Praxisbedingungen präsentiert, was an der Dresdner Hochschule für Musik Carl Maria von Weber gelehrt wird. Diesmal bringt die Opernklasse »Don Giovanni« auf die Bühne im Kleinen Haus des Staatsschauspiels.
»Don Giovanni« ist ein Meisterwerk, keine Frage. Mozarts 1787 in Prag herausgekommenes Dramma giocoso offenbart menschliche Abgründe ebenso wie emotional getriebene Höhenflüge. Liebe und Leidenschaft, Verrat und Trauer, Angst und Rache sowie ein höllisches Finale werden nicht nur in Lorenzo da Pontes Geniestreich-Libretto behandelt, sondern sind auch in der nahezu orgiastischen Musiksprache von Wolfgang Amadeus Mozart ausgedrückt. Eine Partitur der puren Lust.
Freilich auch mit höchsten künstlerischen Ansprüchen an sämtliche Mitwirkenden sowohl im Orchester als auch auf der Bühne. Für die Regisseurin Susanne Knapp als Leiterin der Opernklasse an der Musikhochschule geht es in ihrer Arbeit also um die ausgewogene Balance zwischen Neuinterpretation und praxisnahen Bühnenerfahrungen für die Studierenden.
»Seit sieben Wochen setzen wir uns intensiv mit diesem Stoff auseinander, damit er uns nicht mehr fremd ist, sondern wir jede Begegnung, jede Situation, jeden Konflikt, jeden Impuls und alles, was da verhandelt wird, in unserem Leben quasi neu beleben. Also es ist ein Abgleich mit unserem Leben.«
Dabei hat sie allerdings als Besonderheit zu berücksichtigen, dass hier sehr junge Menschen, die für ihren künstlerischen Beruf erst noch ausgebildet werden, sowohl stimmlich als auch darstellerisch große Herausforderungen zu bewältigen haben. Die Professorin ist jedoch überzeugt, dass sich das Publikum auf diese Neuproduktion freuen darf. Denn sie werde durchaus Überraschendes bieten.
»Das Publikum darf einen sehr jungen Blick auf die Geschichte erwarten, einen Blick, der wirklich etwas mit den Menschen zu tun hat, die diese Figuren verkörpern. Wir dürfen sehr viel Hinterfragen erwarten, Hinterfragen von Klischees, von Persönlichkeiten, von Motivationen. Es ist sehr skizziert, also es ist kein Blick in die Vergangenheit, optisch, uns erwartet viel Dunkelheit.«
Dunkelheit, in der die Musik auf- und die unterschiedlichen Gefühlswelten ausleuchten soll. Denn dieser »Don Giovanni« spielt in der Finsternis. Die Menschen begegnen sich des Nachts und im Dämmerschein, zwischen Wachsein und Träumen, Bewusstheit und Unterbewusstsein. Ein Labyrinth, das nicht an einen Ort führt, sondern zum innersten Kern der von Flucht und Verfolgung getriebenen Akteure. Ein Inszenierungsprozess, der pädagogische Potentiale nie außer acht lässt. Lisa Trendmann freut sich auf die Partie der Donna Elvira: »Bisher hält sich mein Lampenfieber in Grenzen, ich freue mich total, endlich vor Publikum zu spielen, weil das nochmal total viel Energie gibt.« Die junge Sopranistin hat bereits Erfahrungen aus einer früheren Produktion der Opernklasse gesammelt, ist sich aber der großen Anforderungen ihrer Rolle bewusst: »Das ist definitiv schwierig, sehr schwierig, gerade gesangstechnisch. Ich habe großen Respekt vor dieser Partie. Sie hat mich jetzt aber eher weitergebracht, ich hab das Gefühl, dass ich daran wachsen konnte und mir auch in anderen Bereichen hilfreich ist.«
Während die Donna Elvira eine der vielen von Don Giovanni verlassenen Frauen ist – man denke nur an die Register-Arie des Leporello (»ma in Ispagna son già mille e tre!« / »doch in Spanien sind’s schon tausenddrei.«) -, will er die hübsche Zerlina erst noch verführen. Clara-Marie Schade spielt diese Partie, sieht darin allerdings keine Opferrolle.
»Klar, man kann das so sehen, es wird ja auch viel so inszeniert. Aber Frau Knapp und ich, wir waren uns gleich einig, dass das nicht ganz so stimmt. Und ich sehe eigentlich Zerlina eher als Gegenspieler zu Giovanni, also als jemand, der ihm die Stirn bieten kann, jemand, der zeigt, wie es auch andersrum funktioniert.«
Diese Hochschulproduktion gibt den jungen Leuten also auch Raum, sich mit ihren Ansichten einbringen zu können. Clara-Marie Schade schildert ihre Zerlina so: »Ich kann da nur für mich selber sprechen und sehe das gar nicht, dass sie das Opfer ist. Ich denke eher, dass Mozart nie Opfer geschrieben hat, aber ich sehe schon, dass Mozart ein Frauenliebhaber war, in jeder Hinsicht, und dass man seine Musik so auch auf sich projizieren kann. Vielleicht ist diese Opfersicht ja aus einer männlichen Geschichte heraus entstanden – wir jungen Frauen stellen uns dagegen, zumindest in dieser Produktion.«
Zerlina hält Giovannis Verlockungen also stand und steht zu ihrem Bräutigam Masetto. Dessen Basspartie wird in dieser Hochschulinszenierung von Joschua Vlasanek verkörpert: »Für mich ist es tatsächlich die erste große Solopartie auf der Bühne. Ich freue mich einfach, dass es nun bald soweit ist und wir mit der Premiere endlich das Ergebnis unserer Arbeit präsentieren können. Frau Knapp holt aus jedem das Beste raus. Bei Sachen, wo ich nicht gedacht hätte, dass ich das hinbekomme, hatte sie schon längst das Vertrauen, dass es klappen wird. Man fühlt sich gut aufgehoben.«
Es darf also ein heutiger »Don Giovanni« erwartet werden, von jungen Menschen für ein Publikum von heute. Wer aber ist denn nun dieser Giovanni? Da holt Regisseurin Susanne Knapp noch einmal weit aus:
»Daran haben wir uns immer wieder die Zähne ausgebissen und die Köpfe heiß gedacht, das ist wahnsinnig spannend, weil sich ein Stück natürlich verändert durch die Zeit, in der wir das aufführen. Dieser Giovanni bringt ja nicht nur das Leben der Frauen durcheinander, der bringt das Leben der Männer durcheinander, der bringt das Leben aller durcheinander. Die Frage ist letztendlich, wer ist dieser Giovanni, dass er die Macht hat, solche Impulse im Leben anderer zu setzen, die dann entscheiden, einen anderen Weg zu gehen.
Es ist ein Spiegelbild, dem wir alle in unserem eigenen Leben – egal, ob wir Publikum oder Darsteller sind – in vielerlei Formen begegnen. Personen oder Ereignisse, die eine solche Kraft haben, starke Wendepunkte auszulösen.«
Mozarts »Don Giovanni«, die Jahresproduktion der Opernklasse, ist eine Kooperation der Musikhochschule und des von Valtteri Rauhalammi geleiteten Hochschulsinfonieorchesters mit der Hochschule für Bildende Künste Dresden sowie mit dem Staatsschauspiel Dresden. Premiere am 17. April im Kleinen Haus des Staatsschauspiels, weitere Vorstellungen: 24. April sowie 5., 12., 15., 21., 24. und 31. Mai 2026.