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Von Wunden, die sich nicht schließen

“Die Wunde sah ich bluten, nun blutet sie in mir!” singt Parsifal im zweiten Akt von Wagners gleichnamigem Bühnenweihfestspiel. Diese verinnerlichte Wunde, unsere innere Wunde, was wäre das für uns? Trauma bedeutet bekanntlich im Altgriechischen auch nur Wunde oder Verwundung. Sicherlich eine Metapher, aber der niederländische Regisseur Floris Visser scheint folgerichtig über kollektive Traumata nachzudenken, wenn er auf der Bühne der Semperoper Bilder von marschierenden Wehrmachtssoldaten, hungernden Kindern in Afrika, Umweltprotesten der Letzten Generation, Demonstranten der Black-Lives-Matter-Bewegung, bis hin zum Atompilz projizieren lässt. Assoziativ, vielleicht auch plakativ, doch die Frage nach Heilung und Erlösung scheint mir gerade der interessantestes Zugang zu Parsifal. Es wäre eine Frage danach, woran wir heute leiden, und diese Frage, ehrlich gestellt, wäre auch die Grundlage für jeden Versuch einer Antwort, und einen gesamtgesellschaftlichen, wie auch individuellen Weg in die Zukunft.

Michèle Losier (Kundry) (Foto: Jochen Quast)

In Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz haben AfD und CDU, rechnerisch wie es immer heißt, Mehrheiten gewonnen. Nicht nur in den Landtagen von Sachsen, Thüringen und Bayern, sondern auch im Bund, war diese Majorität längst Realität. Und für mindestens zwei der drei verbleibenden Landtagswahlen in diesem Jahr, in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern, projizieren Wahlforscher ähnliche Ergebnisse. Wir leben in konservativen Zeiten! Wie uneinheitlich die Formen des Konservativen auch seien mögen, sie zeugen von einem mehrheitlichen Wunsch nach Stabilität, nach dem sicheren Alten. Wie die Brüderschaft der Gralsritter sehnen wir uns kollektiv nach Erlösung, nach dem Gral—und kennen ihn doch nicht. Zukunftsoptimismus und humanistische Gleichheitsversprechen haben derzeit einen schweren Stand, obwohl wir auch ahnen, dass ein stures Weiterso keinerlei Lösung für die politischen, ökologischen und gesellschaftlichen Krisen unserer Zeit bieten kann. “Wann Alles ratlos steht, … und kaum ihr nur wisst wohin,” diagnostiziert Gurnemanz also auch unseres Lage am Fuße der Gralsburg.

Jenseits der Projektionen verfolgt die Neuinszenierung an der Semperoper diese Befragung der Gegenwart allerdings kaum. Sie rettet sich in eine Märchenwelt voller geflügelter Engel und glänzender Ritterrüstungen. Legitimiert wird dies alles als Spiel im Spiel. Ein Schulbub träumt sich, wie einst Bastian Bux in der Unendlichen Geschichte, ins Reich seiner Lektüre. Das Ergebnis ist eine an Kitsch berstende Parsifal-Welt. Die Mönchskutten der Gralsritter wirken wie vom Kostümverleih und die Rüstungen wie aus dem Lego-Land. Vissers Inszenierung im Bühnenbild von Jan Philipp Schlößmann ist damit weder Fisch noch Fleisch. Der konservative Opernliebhaber bekommt seine Wagner-Ritter nur in Anführungszeichen und muss sich irgendwie mit Dreadlocks und Rucksack tragenden Sinnsuchern arrangieren, die ebenso durch diese kindliche Fantasiewelt geistern. Diejenige, die sich vom Theater Denkanstöße erhofft und einem intelligenten Regietheater offen gegenüber steht, quält sich durch zähe, lähmende fünf Stunden ohne großen Erkenntnisgewinn. Visser serviert allen einfach Biberschwanz als Fastenspeise zur Karwoche.

Die Inszenierung wird somit selbst zum Symptom für unser aller Ratlosigkeit. Weder konservativ noch innovativ. Ästhetisch gaukelt sie uns Ruhe und Linderung vor, als könnten wir uns im Opernhaus vor der Welt verstecken. Halbgare heile Welt. Hatte uns Timothée Chalamet und der erboste Aufschrei der Theater nicht gerade noch daran erinnert, dass wir immer behaupten Oper (und Ballett) seien relevant, auch politisch und gesellschaftlich. Aber glauben das die Häuser selbst noch? Oder setzten sie vielmehr auf Auslastung und 28 Zauberflöten in der Saison, um ihre eigene Existenzberechtigung zu verteidigen. Und wer mag es ihnen verübeln. Mittelkürzungen oder auch das unglücklichen Gebaren des Kulturstaatsminister senden klare Botschaften. Kritisches Theater als Zukunftslabor hat es schwer.

Die Opernhäuser stehen vor enormen Veränderungsdruck. Nichts belegt dies deutlicher als die Verkaufszahlen für die österlichen Parsifal-Vorstellungen. Vor nicht allzu langer Zeit wäre ein Parsifal an Karfreitag oder Ostermontag ein sicherer Verkaufsschlager gewesen, zu Festivalpreisen! Schaut man allerdings auf die Seiten der großen Häuser, sieht man ein ganz anderes Bild. Heuer gibt es selbst in Wien noch problemlos Karten. Auch in München, Berlin und Prag ist noch Platz für ganze Busladungen von Wagnerianern. Karfreitag bietet die webseite der Semperoper zwar nur noch wenige Restkarten, doch Ostermontag klafft auf dem Saalplan der Semperoper noch immer ein Wunde, ein Meer von orangen und blauen Punkten, das auf Erlösung durch willige Käufer hofft.

Vielleicht verschafft das veränderte Konsumverhalten (eher spontaner Abendplanungen) der Semperoper noch ein Osterwunder. Musikalisch bekommt man die Staatskapelle immerhin in ihrem Kernrepertoire. Bei der Premiere hatte es mehreren Berichten zufolge zwar noch heftig geklappert und gehakt. In der zweiten Vorstellung fanden sich Daniele Gatti und die Kapelle jedoch bereits wohlig zu einem grundsoliden Wagnerklang zusammen. Der Chefdirigent liebt überspitzt dynamische Bögen, sein Klang ist zupackend und die Tempi eher zügig. Womöglich bringt das Osterwunder auch noch eine Prise mehr Klangzauber und Exzentrik. Georg Zeppenfeld verwandelt den Gurnemanz mit gewohnter stimmlicher und szenischer Spielfreude von einer Nebenfigur in eine Hauptfigur. Und im zweiten Akt entsteht zwischen Eric Cutler in der Titelpartie und Michèle Losier als Kundry ein intensives Kammerspiel — den bemühten Bebilderungsversuchen der Regie zum Trotz …

Besuchte Vorstellung: 25. März 2026

Nächste Aufführungen: 31. März (ausverkauft); 3. April (Tickets ab 135 EUR), 6. April.

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