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„Die Dresdner Hofkapelle hat sich bei dieser Gelegenheit mit Ruhm bedeckt“

Meister Strauß am Pult – das bedeutet für Dresden, die Strauß-Stadt, jedesmal ein Ereignis; schon das Vorkonzert am Morgen ist dicht besetzt, und am Abend drängt sich das Publikum, festlich in Stimmung, in Rängen und Parkett. Meister Strauß am Pult – das bedeutet für die Musiker höchste Anspannung der Kräfte, das bedeutet für sie, die genialen An-Deutungen dieses Dirigenten in unbedingter Gefolgstreue auszuführen. Es bedeutet für die Dresdner Staatskapelle, die Strauß-Kapelle, etwas ganz Besonderes.“ (Karl Laux in den DNN v. 18.11.1934). Abb.: Postkarte, ca. 1910 (Quelle: Unbekannter Fotograf, Wikimedia Commons)

Es ist eine verwirrende Grundkonstellation: der Komponist Richard Strauss widmet ein neues, mit Spannung erwartetes Werk Nikolaus Graf von Seebach, dem Intendanten des Dresdner Hoftheaters und Generaldirektor der Königlich-sächsischen musikalischen Kapelle, „in Dankbarkeit“; und jene „Königliche Kapelle zu Dresden“, die als zusätzlicher Widmungsträger genannt ist, führt das Werk nicht wie von Seebach vorgeschlagen an ihrer Wirkungsstätte in Dresden auf, sondern – in Berlin? In der Stadt, in der Strauss 1888 erstmals die Berliner Philharmoniker mit großem Erfolg dirigiert hatte, und in der er seit 1898 als Preußischer Hofkapellmeister fungierte (und ab 1908 als Generalmusikdirektor der Berliner Königlichen Kapelle wirkte)?

Jener Richard Strauss, der seit der Uraufführung seiner Serenade Es-Dur op. 7 im Jahr 1882 und bis zu seinem Tod 1949 ein freundschaftliches Verhältnis zu Dresden und dem Orchester pflegte, jonglierte die finanziellen Rahmenbedingungen seiner Engagements bekanntlich virtuos und – auf ausgedehnten Konzertreisen – vor allem auch zum eigenen Vorteil. Für die Uraufführung der Alpensinfonie köchelte er, was das Orchester betraf, in der Tat mehrere Möglichkeiten an. Seinem Berliner Vorgesetzten, dem Generalintendanten Georg Graf von Hülsen-Haeseler gegenüber, schien er im Kriegswinter 1914/15 mit seinen Forderungen nach Extra-Aufführungsterminen der Königlichen Kapelle, nach Repertoireänderungen und am Ende gar „Benzin und Reifen für seinen Privatwagen“ den Bogen schlicht überspannt zu haben. Sein Wunsch, die Berliner für die Uraufführung der Alpensinfonie zu gewinnen, wurde dem Kaiser zwar vorgetragen, aber der mit der Weiterleitung der Bitte betraute Minister August Graf zu Eulenburg hielt nicht hinterm Berg und berichtete Seiner Majestät auch gleich von den Bedenken des Generalintendanten, der „dem Antrage [von Richard Strauss] mit gemischten Empfindungen gegenüber [stehe],“ da hier ja wohl „das Privatinteresse des Komponisten“ deutlich im Vordergrund stehe.

Das Schlimmste – nämlich eine kühle Ablehnung seiner Bitte – befürchtend, wandte sich Strauss, der im Begriff gewesen war, sich im Umfeld der Uraufführung eine ganze Berliner »Strauss-Woche« zu organisieren, im Juni 1915 an seine „lieben Dräsdner“, namentlich an den Ersten Kapellmeister Hermann Kutzschbach, verhandelte Honorare und Spesen und stellte gar eine kleine Orchestertournee mit dem neuen Werk und Konzerten „in den umliegenden Dörfern: Chemnitz, Halle, Magdeburg, Prag, Breslau“ in Aussicht. Dass er auch bei diesen organisatorischen Planungen stets mit spitzer Feder rechnete, beweist seine strenge briefliche Nachfrage bei Kutzschbach, die Heimreise der Musiker aus Berlin betreffend: „Das Orchester muß übernachten? Geht denn der Nachtschnellzug Berlin ab 11.20 nicht mehr?“

Bekanntlich wurde dieses erste große Gastspiel der Dresdner nach Überwindung aller politischen und organisatorischen Hürden am Ende kein rauschender Erfolg. In den „Dresdner Nachrichten“ berichtete der Rezensent Eugen Schmitz zwei Tage später in einem Vierspalter:

In der Berliner Philharmonie ging es gestern zu, wie weiland „auf Korinthus Meeresenge“. Zwar einen „Kampf der Wagen und Gesänge“ gab es nicht, wohl aber die Uraufführung eines Werkes von Richard Strauß, und wenn dabei auch die Engländer und Franzosen, sonst besondere Freunde der Straußschen Musik, diesmal fehlten,* so waren trotzdem der Völker und Namen noch genug zu zählen, „die gastlich da zusammenkamen“. Ein Blick auf die glänzende Versammlung künstlerischer und gesellschaftlicher Größen von nah und fern, die das Ereignis vereint hatte, zeigte, daß die äußere Anziehungskraft des Namens und der Kunst von Richard Strauß jedenfalls auch in der Kriegszeit keine Einbuße erlitten hat […] Man gewann den Eindruck, daß es sich unsere Dresdner Künstlerschar Ehrensache sein ließ, ihrem jüngsten Patenkind zu einer Verlebendigung zu verhelfen, die an hinreißender Wirkungskraft wohl kaum zu überbieten ist. […] Es ist kein Zweifel, daß diese Vollendung der Aufführung ein sehr wesentlicher Faktor des Erfolges der Neuheit war, und Strauß tat darum Recht daran, daß er an den ihm gebrachten Beifallshuldigungen auch das Orchester teilnehmen ließ, das dieses „Gastspiel“ in der Reichshauptstadt jedenfalls zu seinen schönsten Triumphen zählen darf. […] Besonders zahlreich war neben der Berliner Künstlerwelt, mit Intendant Hülsen an der Spitze, die  D r e s d n e r  Gesellschaft vertreten, in deren Reihen man auch Graf Seebach bemerkte.

Der Besprechung auch der Dresdner Erstaufführung durch denselben Kritiker ließen die „Dresdner Nachrichten“ Anfang November einen Überblick nachfolgen, wie das Gastspiel der Kapelle denn eigentlich bei den Hauptstadtkollegen angekommen war, aus dem wieder ganz deutlich der lokalpatriotische Stolz auf die ‚eigenen‘ Musiker, auf ‚unsere Kapelle‘ spricht. Unter dem fett gesetzten Titel „Die Dresdner Königl. Kapelle im Urteil der Berliner Fachpresse“ heißt es ausschnittsweise: 

Anläßlich der Uraufführung der „Alpensinfonie“ von Richard Strauß durch die Dresdner Königl. Kapelle in Berlin hat die Kritik der dortigen Tageszeitungen, von Ausnahmen abgesehen, mit größter Anerkennung der außerordentlichen Leistung unserer einheimischen Künstlerschar gedacht. Ihr schließen sich nun auch bedeutsame Stimmen in musikalischen Fachblättern an. […] August Spanuth [betont] in einem Leitartikel der „Signale für die musikalische Welt“ das ganz Außerordentliche des Dresdner Orchestergastspiels, wenn er schreibt: „Die Aufführung aber, die man am letzten Donnerstag genoß, wird schwerlich zu übertreffen und nicht einmal leicht zu erreichen sein. Die Dresdner Hofkapelle hat sich bei dieser Gelegenheit in Berlin mit Ruhm bedeckt. […] Nicht vielerwärts wird sich das ohne diese Kapelle ebenfalls erreichen lassen.“

Trotz aller Kritik an der musikalischen Qualität des neuen Werks, die auch bei den Wiederaufführungen während der zwanziger Jahre nicht abebben sollte, nahm die Kapelle die Alpensinfonie in ihr engstes Kernrepertoire auf. Denkwürdige Aufführungen „zuhause“ schließen ein Konzert mit „Meister Strauß am Pult“ im November 1934 ein und ziehen sich bis in die Gegenwart, in der sie sich übrigens auch – trotz der umfangreichen Besetzungsliste – auf vielen Tourneen des Orchesters großer Beliebtheit erfreut.

*Nicht zuletzt tobte gerade die Herbstschlacht in der Champagne und die Schlachten bei bei La Bassée und Arras, in denen die Preußische Armee, darunter das IV. Armee-Korps unter General Sixt von Armin und die 6. Armee unter Kronprinz Rupprecht von Bayern den französischen und britischen Truppen gegenüberstanden. 

Literatur:
Damm, Peter. Richard Strauss und Dresden. Richard Strauss-Blätter Heft 59, 2008, hrsg. von der Internationalen Richard-Strauss-Gesellschaft, Hans Schneider (S. 6-25).
Schmidt, Carsten. Die Uraufführung der Alpensinfonie im Licht bisher unbeachteter Quellen. In: Richard Strauss – Der Komponist und sein Werk. Überlieferung, Interpretation, Rezeption. Symposium zum 150. Geburtstag (München, 26.–28. Juni 2014). Herausgegeben von Sebastian Bolz, Adrian Kech und Hartmut Schick. Allitera, 2017.
Steindorf, Eberhard. Die Konzerttätigkeit der Königlichen musikalischen Kapelle zu Dresden Teil II (1858-1918). Nomos, 2022.
Walter, Michael. Richard Strauss und seine Zeit. Laaber, 2000.

Pünktlich zum Kapellgeburtstag, dem 22. September, wird ein beim Verlag Klaus-Jürgen Kamprad erscheinender Jubiläumsband die Kapellgeschichte ab 1923 im Detail behandeln.

5. September 2023, 19 Uhr
1. Symphoniekonzert der SSKD in der Saison 2023/2024

Christian Thielemann DIRIGENT
Antoine Tamestit VIOLA
Paul Hindemith: »Der Schwanendreher«
Richard Strauss: »Eine Alpensinfonie« op. 64

Wenige Restkarten (43-94 EUR) hier.

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