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»Rheingold« in Ravello

Die Weltesche – Scusi, Weltpinie – steht an der Amalfiküste! (Alle Fotos: M.E.)

Wie klingt Richard Wagner hoch über der amalfitanischen Küste? Kent Nagano, das Dresdner Festspielorchester und Concerto Köln wollten es wissen.

Man muss an mystische Orte nicht glauben. Weder Steine noch Bäume sind von früheren Besuchen irgendwelcher Geistesmenschen inspiriert. Auch nicht die Villa Rufolo in Ravello, einem zauberhaften Örtchen hoch über der Küste von Amalfi, in der Richard Wagner allerdings im Frühjahr 1880 die Inspiration zu Klingsors Zaubergarten seines »Parsifal« gefunden haben soll.

Um daran zu erinnern, wurde 1953 das Ravello Festival ins Leben gerufen, das überwiegend unter freiem Himmel im Garten eben dieser Villa Rufolo ausgetragen wird. Naturgemäß steht dort – auch und besondere – Musik von Richard Wagner auf dem Programm. Nun gab es hier ein ganz besonderes Wagner-Konzert: Das Dresdner Festspielorchester (DFO) hat unter der musikalischen Leitung von Kent Nagano gemeinsam mit Musikerinnen und Musikern von Concerto Köln »Das Rheingold« aufgeführt, den Vorabend zum »Ring des Nibelungen«, der in einem musikwissenschaftlich begleiteten Großprojekt möglichst nah am Original seiner Entstehungszeit erklingen soll.

Historische Instrumente beziehungsweise originalgetreue Nachbauten sind die eine Seite bei diesem Vorhaben, der gesangliche Ausdruck, wie er zu Wagners Zeiten üblich gewesen sein dürfte, die andere. Nach jahrelangen Recherchen, begleitet von sprachwissenschaftlicher Forschungsarbeit, kam das Originalklang-»Rheingold« im Sommer zu den Dresdner Musikfestspielen heraus.

Inzwischen gab es eine intensiv erarbeitete Aufnahmesession in der für ihre Musikeinspielungen längst geschichtsträchtigen Lukaskirche, gefolgt von einer internationalen Gastspielreise. Nachdem Orchester und Solisten am 18. August in der Kölner Philharmonie heftig gefeiert worden sind, stand nur zwei Tage später eine Open-Air-Aufführung am Wagner-Ort Ravello an.

»Rheingold« am Mittelmeer

Kein Rhein, keine Elbe, sondern die almalfitanische Küste hoch über dem Tyrrhenischen Meer. Das Publikum blickt auf das Orchester herab. Dahinter erstreckt sich rund dreihundert Meter tiefer gelegen der Strand von Minori. Gegenüber erheben sich gleich wieder die wuchtigen Berge der sorrentinischen Halbinsel, wo sämtliche Urlauberherzen Luftsprünge machen.

Und Wagner – ist ausverkauft! Keine Skepsis in Sachen historischer Aufführungspraxis, sondern größtmögliche Neugierde, wie der auch in Italien bewanderte Maestro wohl zu seinen Lebzeiten geklungen haben mag. Kent Nagano, Inspirator dieser waghalsigen Gigantomanie, gibt sich gelassen und startet mit einem zarten Pianissimo, das die Zikaden ringsum in keiner Weise zu stören vermag. Doch kaum haben die Rheintöchter das wogende, wabernde Sagen, verstummt das Gezirpe, erlischt auch der letzte Handy-Bildschirm und konzentriert sich die Menge auf die Magie der Musik.

Das Orchester trotzt den von Meer her aufkommenden Winden, musiziert so munter wie pittoresk drauflos, fesselt mit Furore ebenso wie mit rossinihaft rosigen Tönen. Und das eigens zu diesem Projekt  gekürte Gesangsensemble beweist, wie spielfreudig eine konzertante Aufführung geraten kann. Da werden Charaktere geformt, wo sonst selbst in szenischen Produktionen mitunter nur Chargen zu erleben sind. Die Goldberge sind förmlich mit Händen zu greifen, als lägen sie auf der Bühne, zum Hort aufgetürmt, auf dass sie nicht in die Tiefe des Mittelmeeres geraten. Es geht ein Bangen durch die Publikumsreihen, wenn Fasolt und Fafner (Christian Immler und Tilmann Rönnebeck) um die bezaubernde Freia ringen (wie immer faszinierend: Nadja Mchantaf), man erfreut sich an Mauro Peters lustig listigem Loge, labt sich am Ehezoff zwischen Wotan und Fricka (Simon Bailey und Annika Schlicht), dankt im Stillen der allwissenden Mutter Erda (Gerhild Romberger) für ihr rettendes Eingreifen und staunt vor allem über das souveräne Hand-Werken von Kent Nagano, der unaufgeregt durch diesen zunehmend stürmischen Abend führt. Obwohl nach gut eineinhalb Stunden das Rheingold mehrfach die Besitzer gewechselt hat und die Meereswinde ins Notenpapier greifen, Kleider und Frisuren verwehen – einen so abwechslungsreich spannenden Wagner-Abend hat man selten erlebt. Vor einer derartig stimmigen Kulisse gleich gar nicht. Vielleicht hat das ja doch mit der Inspiration durch diesen Ort zu tun?

Alessio Vlad, Künstlerischer Direktor des Ravello Festivals, zeigte sich begeistert. Gut möglich, dass binnen Jahresfrist der zweite Teil von Wagners Tetralogie überm Meer klingen kann. Die Premiere der »Walküre« in historisch nicht nur informierter, sondern auch durchdachter Aufführung findet allerdings an der Moldau statt, im März kommenden Jahres an der Staatsoper Prag, bevor sie dann zu den Musikfestspielen nach Dresden kommt und eine weitere Gastspielreise beginnt.

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