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Mehr Weihnachten geht nicht

Foto: M.M.

Eine schöne Tradition von »Musik in Dresden« ist der kleine Geschenkesack zum Jahresende, der von unseren Autoren vor dem geneigten Leser ausgeschüttet wird, auf dass er sich hörend die Vorweihnachtszeit versüße und vielleicht die ein oder andere Platte den Lieben unter den Baum legt. Dieses Jahr nun hat eine Tridemie aus Corona- und anderen unschönen Viren ganz schön unter den Autoren gewütet und eine rechtzeitige Veröffentlichung des „Gabentischs“ verhindert. Wir möchten aber gern doch eine kleine Auswahl von Texten veröffentlichen und hoffen, dass sie den einen oder anderen neugierig machen. Beim kleinen Musikhändler um die Ecke lassen sich die Tonträger vielleicht noch rechtzeitig zum Fest bestellen, bzw. – das ist die neue Zeit! – sind die Aufnahmen bis auf die Freiberger Orgelplatte bei den einschlägigen Streaming-Diensten ja jederzeit anhörbar (die „Fünf Räuber“ – s.u. – übrigens seltsamerweise als „The Five Thieves and the Secret in the Sack“ betitelt).

Gerade für jüngere Klassikhörer ist es manchmal nicht so leicht, ein passendes Geschenk zu finden. Vielleicht wissen die Nichten und Enkel aber auch noch nichts von ihrer Begeisterung für sinfonische Musik, lieben aber ihre Hörspielkassetten und Märchenbücher. Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks arbeitet für seine Familienkonzerte seit Jahren mit dem für seine Harry-Potter-Hörbücher geschätzten Schauspieler Rufus Beck zusammen. Mit »Die fünf Räuber und das Geheimnis im Sack« kann man sich nun eines dieser Familienkonzerte ins Dresdner Wohn- oder Kinderzimmer holen. Rufus Beck erzählt ein wunderbar witziges Märchen, das Motive aus 1001 Nacht frei kombiniert und dabei alle Fallen eines kruden Orientalismus geschickt umschifft. Dazwischen spielt das BR-Orchester unter der Leitung des Kanadiers Yannick Nézet-Séguin Auszüge aus Rimski-Korsakows sinfonischer Dichtung »Scheherazade« so märchenhaft schön, dass man Lust auf mehr bekommt. Eine Geschenkempfehlung für die ganze Familie!   

Björn Kühnicke


Rossini & Donizetti, French Bel Canto Arias, Lisette Oropesa,
Dresdner Philharmonie, Corrado Rovaris (Pentatone, 2022)

Es gibt diese winterlichen Abende, an denen man sich in Musik legen möchte wie in eine warme Badewanne. Sollte man beides verbinden wollen, eignet sich diese Bel-Canto-CD perfekt, zudem atmet sie noch heimatlichen Kolorit mit dem Philharmonie-Klang aus dem Kulturpalast.

Die Amerikanerin Lisette Oropesa betört mit einem glockenklaren und einprägsamen Sopranklang, das Orchester hat bei Rossini und Donizetti viele Begleitaufgaben und strahlt dennoch Empfindsamkeit aus. Und dennoch: erwünscht wäre bald wieder ein profilstärkender Schwenk der Philharmonie zurück zur Sinfonik auf Tonträgern.

Weihnachten im Freiberger Dom
Albrecht Koch, Orgel und Leitung, Freiberger Domchor, Kurrende u.a.
(auris subtilis, 2022)

Mehr Weihnachten geht nicht. Und wenn man denkt, man hätte schon alle Sätze gehört, kommt der Freiberger Domorganist Albrecht Koch und stellt vor allem auch einige unbekanntere, sehr schlichte Orgel- und Chorweisen so schön zusammen, dass einem nur noch nach Lebkuchen, Stollen und Baumschmücken zumute ist. Der berühmte Silbermannklang und das über Jahrhunderte gepflegte Chorgut des Erzgebirges erklingt hier sowohl im einfachen Kanon wie auch in voller festlicher Pracht. Schön!

Alexander Keuk


Ob es wirklich die letzte Platte von Ludwig Güttler, dem „populärsten E-Musiker der DDR„, bleiben wird? Die rebellisch „wuschelige Beethoven-Mähne“ wich irgendwann in Wendezeiten einer staatsbürgerlicheren Frise und ist nun schon seit vielen Jahren altersweiß. Und diese Doppel-Platte, »In allen meinen Taten« betitelt, möchte ja auch ein Vermächtnis sein. Auf ihr enthalten ist, „jetzt, wo ein Künstlerleben zu Ende geht“ (Güttler im Beiheft), das Spätwerk sozusagen, die letzten Aufnahmen, die der Trompeter im Juni dieses Jahres in der Frauenkirche machte, gemeinsam mit dem zwei Jahre älteren Partner-in-Crime, Friedrich Kircheis. Abgemischt sind diese schlichten – nun, sagen wir, hörbar altersmilden – Stücke mit deutlichem Ewigkeitsbezug, mit „letzten Worten“, mit Choralhöhepunkten, die uns noch einmal quer durch ein langes Künstlerleben führen und in einem episch breiten „Dona nobis pacem“ gipfeln (mit dem Rundfunkchor Leipzig, dem Neuen Bachischen Collegium Musicum Leipzig, dem Trompetenensemble Ludwig Güttler & Peter Schreier). Zweites beigelegt ist – das Cover beruhigt: ohne Altersbeschränkung freigegeben – ein Fernsehmitschnitt des Galakonzerts zur Einweihung der Frauenkirche vom 22. November 2005, sicherlich ein absoluter Höhepunkt in Güttlers Musikerkarriere; hier ein kurzer Eindruck.

Andererseits – an einen ruhigen Alterssitz mag ich bei Güttler nicht glauben. Als Kurator früherer Aufnahmen, als Autor und Sprecher werden wir ihn vielleicht einmal wiederhören? Auch von Peter Schreiers Platten erschienen ja bei Berlin Classics in den letzten Jahren zahlreiche Neuauflagen. Ich erinnere mich an „Peter Schreier singt Weihnachtslieder“ (Wiederauflage 2018), das legendäre 1974er Weihnachtsoratorium (remastered, Wiederauflage 2019), „Lieder zur Weihnacht“ (Wiederauflage 2021, mit Norman Shetler) oder „Schöne, strahlende Welt“ (Wiederauflage 2021)

Martin Morgenstern


Und dann gibt es noch jene auserwählten Gaben, bei denen man sich jetzt schon auf das nächste Weihnachtsfest freuen kann. Wer etwa, weil in den vergangenen Jahren zu laut von der bei Carus erschienenen Heinrich-Schütz-Gesamteinspielung durch den Dresdner Kammerchor unter Hans-Christoph Rademann geschwärmt, nun mit einer weiteren Schütz-Vierer-CD bedacht worden ist, dürfte rasch zu grübeln beginnen, wie diese möglichst freundlich weitergereicht werden kann. Vom »Kaleidoskop der Räume« ist die Rede, einer elektronischen Fingerspielerei, in der Schütz-Kompositionen wie die »Psalmen Davis«, die »Johannespassion« sowie die »Exequien« und »Verleih und Frieden« so kräftig gerührt und geschüttelt worden sind, dass Schütz-Puristen wahrscheinlich umgehend die Flucht antreten werden.

Dem verbal als Orchestronik-Kompositionen aufgehübschten »Kaleidoskop« liegen zwar ebenfalls exzellente Aufnahmen mit Rademann und seinem Kammerchor zugrunde. Davon ist aber nicht viel übrig geblieben, da dieses Material durch Fabian Russ „reworked“ worden ist. Also mit elektronischen Plattheiten zerstampft, hier und da einem Vogelschrei unterlegt, in die Urgründe ambitionierter Filmmusik gestoßen – wer hier zum Festjahr SCHÜTZ22 auf junges Publikum gezielt hat, dürfte verkannt haben, dass die jungen Leute verständig genug und schon längst auf ganz anderen Klangpfaden unterwegs sind. Wie bei so mancher Schenk-Idee gilt wohl auch hier: Gut gemeint ist alles andere als gut gemacht.

Michael Ernst


Eine Empfehlung für die Zeit der Stille, nach Stollen, Pasteten und Punsch: Jetzt auf DVD, aus der Oper in Graz, »Die Passagierin« von Mieczysław Weinberg

Als am 7. August 2022 die polnische Autorin und Rundfunkjournalistin Zofia Posmysz kurz vor ihrem 99. Geburtstag in Oświęcim verstarb, lagen die Internierungen in den Konzentrationslagern Auschwitz und Ravensbrück 77 Jahre hinter ihr. Michael Ernst schrieb einen so persönlichen wie bewegenden Nachruf.
Darin erwähnt er auch die Begegnung mit der damals 93jährigen in Dresden anlässlich der Dresdner Premiere der Oper »Die Passagierin« mit der Musik von Mieczysław Weinberg zu einem Libretto von Alexander Medvedjev. Diese Oper folgte dem gleichnamigen autobiografischen Roman, dessen Thematik Zofia Posmysz zuvor schon 1959 im Hörspiel »Die Passagierin aus Kabine 45« beschäftigt hatte. 

Der stark autobiografisch grundierte Roman war bereits 1959 in deutscher Übersetzung in der DDR erschienen. Michael Ernst verwies auch darauf, dass er in Polen verfilmt wurde, und dass es Dmitri Schostakowitsch war, der den polnischen Komponisten Mieczysław Weinberg auf diese Vorlage hinwies, die er für einen geeigneten Opernstoff hielt. Die erste Aufführung, 2010 in Bregenz mit den Wiener Philharmonikern unter der Leitung von Teodor Currentzis, erlebte der Komponist nicht mehr.

Vor fünf Jahren, am 24. Juni, gab es die Dresdner Premiere der Oper »Die Passagierin« in der zeitlich begrenzten Übernahme einer Inszenierung der Oper Frankfurt. Für Friedbert Streller wurde diese Aufführung unter der Überschrift „Licht der Menschlichkeit in dunkler Zeit“ zum finalen Höhepunkt der Saison.

Jetzt liegt beim Label NAXOS eine Aufnahme der Inszenierung an der Oper Graz vor, mitgeschnitten bei Aufführungen, am 11. und 12, Februar letzten Jahres. Ganz unvorbereitet sollte man sich nicht vor den Bildschirm setzen. Informationen finden sich, s.o., aber auch im Text von Jens F. Lauerson im Booklet mit knappen, hilfreichen Hinweisen zur Handlung beider Akte. Für die Grazer Aufführung verlegt Regisseurin Nadja Loschky die Handlung auf der Bühne von Etienne Plus in einen surrealen Raum: Ein Archiv, dessen Regale gründlich leer geräumt sind. Was aber dennoch in den Schubladen verborgen ist, das weiß die stets anwesende, gealterte Person dieser Lisa, als Figur dieses surrealen Realismus.  

In diesem Symbolraum des Verdrängens und Vergessens kommt es eben zu jener Begegnung der ehemaligen KZ-Aufseherin Lisa, die sich mit ihrem Ehemann auf eine Reise nach Brasilien begeben hat, bei der sie glaubt in einer Passagierin die ehemalige, für tot gehaltene Insassin Marta des Konzentrationslagers Auschwitz zu erkennen. Nicht zuletzt Kraft der Musik, in der so sensiblen wie aber auch verunsichernden und beklemmenden Interpretation unter der Leitung von Roland Kluttig, schrauben sich die Spiralen des Verdrängens in die mitunter schmerzhafte Wahrnehmung dieser Aufführung. Dies nicht zuletzt durch die Kraft der Musik von Mieczysław Weinberg, mit ihren dramaturgisch gesetzten Akzenten der Erinnerungen, den Zuordnungen der Instrumente und auch der bitteren Ironie und sensiblen Klängen der Hoffnung.

Boris Gruhl

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