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Fünfzig vernünftige Leute

Als 2019 die neue Spielzeit der Philharmonie vorgestellt wurde, die ganz im Zeichen Beethovens stehen würde, waren wir Musikkritiker begeistert. „Für die Dresdner Philharmonie hatte Marek Janowski die wunderbare Idee, die Sinfonien mit Streichquartetten Beethovens aus der Entstehungszeit zu koppeln […] Auf diese Konzerte und so manche hoffentlich gute Überraschung freue ich mich“, schrieb etwa Mareile Hans damals.

Fotos: Oliver Killig

Ja, damals. Das wirkt nun alles schon so weit weg. Ein Großteil der Konzerte des Jubiläumsjahrs musste entfallen. Umso schöner, dass die neue Spielzeit nun mit einem nachgeholten Beethovenprogramm eröffnet wurde. Und auch die Idee, ein orchestrales Werk mit einem Quartett zu koppeln, war wieder im Spiel… Aber der Reihe nach.

Die erste Konzerthälfte war ein leiser Paukenschlag! So einer, wie er am Anfang des Violinkonzerts steht. Die Solistin María Dueñas kennt Dresden nur allzu gut – hier hat sie ihre geigerische Karriere begonnen, bevor sie zum legendären, heute 72jährigen Boris Kuschnir nach Österreich wechselte. Vor mehr als sechs Jahren hatte ich mit Maria zwei gesprochen – jetzt haben wir sozusagen ‚Maria drei‘ gehört, die spätestens seit ihrem Ersten Preis beim Menuhin-Wettbewerb 2021 (ehemalige Preisträger sind Julia Fischer, Kuschnir-Schüler Nikolaj Szeps-Znaider, Isabelle van Keulen oder Ray Chen) zu den vielversprechendsten Talenten auf diesem Instrument zu zählen ist.

Dueñas‘ Ton ist herrlich strahlend, er glänzt und wogt. Ein dichtes, vorwiegend schnelles Vibrato, in allem ein leidenschaftlich-sangliches Spiel, bei dem die organische Tongebung im Mittelpunkt steht, machen ihre Interpretation aus. Ihr Verständnis des Beethovenschen Konzerts kondensiert in den Kadenzen, die sie selbst geschrieben hat: sie sind virtuose Spaziergänge durch die Themen des Konzerts, gebrochene Akkorde, auch hier ein Akzent auf der Entstehung eines dichten, webenden Klangs (für meine Geschmack vielleicht ein Tick zuviel Brahms…), der bis in die patriotisch angehauchte Zugabe der Granadina (hier einer, der die nämlichen »Recuerdos de la Alhambra« ähnlich leidenschaftlich spinnt…) anzuhalten schien.

Wer – wie ich, lausig informiert – nun nach der Pause den Saal in der Erwartung betrat, für Beethovens cis-Moll-Quartett op. 131 vier einsame Stühle auf der Bühne zu sehen, zuckte zusammen. In voller Streicherbesetzung nahm sich das Orchester unter Janowskis Dirigat des Werkes an, viereinhalb-stimmig zwar (die Bässe ergänzten passagenweise die Celli), aber vom Ton her breit und voll. Das funktioniert anfänglich im Adagio wunderbar und gibt dem Kopfsatz eine Wagnerianische Schwere – aber andere Sätze wie etwa das Presto oder die brutalen Fortissimo-Ausbrüche im abschließenden Allegro verlieren durch den Orchestersatz ihren dialektischen Charakter. So wird aus einem verschlungenen Wechselspiel von vier Individuen, die sich in ihren Argumenten bisweilen finden, einander zustimmen, um dann doch wieder „eins gegen drei“ auszubrechen, ein chorischer Fluss von fünfzig – ja, Choristen. Es ist doch ein himmelweiter Unterschied, ob ein einzelnes Cello den hohen Streichern im trotzigen Ausbruch in die Parade fährt, oder ob ein Cello-Hornissenballett einen choreographierten Tanz darbietet. Da treten bisweilen fast kuriose Klangeffekte auf: wenn zum Beispiel eine dreizehnköpfige Bassgruppe ein einzelnes Pizzicato zupft. Da treten einem dreizehn Prometheus-Klone vor Augen, die im selben Moment von dreizehn Adlern ihre Lebern… in diesem Sinne.

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