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Denkmal und Zeitdokument

„Vollendet ist das große Werk“ heißt es in Joseph Haydns »Schöpfung«, und vermutlich brauchte auch Michael Sanderling im übertragenen Sinne kürzlich einen „siebten Tag“ des Ruhens, denn sein großes Werk war dann doch zumindest zeitlich am Ende etwas sportlich unterwegs. Etliche Masterbänder wollten noch abgehört werden, dabei lag schon die nächste Sinfonie auf dem Pult… Und doch, man darf ruhig einmal mit Respekt feststellen, was da Großartiges und Einmaliges mit der Veröffentlichung der 15 Sinfonien von Dmitri Schostakowitsch, die an diesem Freitag bei Sony Classical erscheinen und in den Handel gelangen werden, gelungen ist.

Es war ohne Übertreibung ein Mamutprojekt des am Ende dieser Saison nach acht Jahren scheidenden Chefdirigenten der Dresdner Philharmonie, die Aufnahme des sinfonischen Werks zweier Komponisten (die Beethoven-Gesamtaufnahme ist bereits erschienen) mit insgesamt 24 Sinfonien. Das hat in den vergangenen fünf Jahren alle Kräfte der Dresdner Philharmonie gefordert, noch dazu bis April 2017 im Interim ohne Saal, wobei in einigen Fällen mit Waldschlösschen (Probebühne), Albertinum (Konzertort) und Lukaskirche (CD-Aufnahmeort) drei völlig unterschiedliche akustische Umgebungen als Projekt-Surrounding dienten.

Angesichts dessen äußerten Sanderling und die Intendantin Frauke Roth beim Pressegespräch zur Vorstellung der Schostakowitsch-Box größten Respekt und Dank gegenüber ihren Musikern, dem Aufnahmeteam um Tonmeister Wolfram Nehls und allen weiteren Beteiligten. Für Sanderling stellt die Veröffentlichung dieses Zeitdokumentes einen besonders emotionalen Moment dar, nicht nur wegen des bevorstehenden Scheidens, sondern natürlich auch wegen der lebenslangen, durch die Familie geprägten intensiven Beziehung zur Musik des russischen Komponisten, der in besonderer Weise eine Art innerer Zeitzeuge von fast zwei Dritteln des letzten Jahrhunderts gewesen ist, und – das bewiesen ja auch beispielsweise Aufführungen verschiedender Sinfonien zum Dresdner Gedenktag – dessen Musik eben auch heute zeitlose, wichtige Botschaften des Humanismus zu vermitteln vermag. Keinen Zweifel hegt Sanderling an der Aktualität der Musik: „Wir haben uns ein Denkmal gesetzt“, sagt Sanderling und er meint dies im Wortsinn – die CD-Edition der 15 Sinfonien ist ein musikalischer Beitrag zum Denken, zum Hinweis auf die Äußerung verschiedenster Meinungen, die in respektvoller Form betrachtet werden können. Darum hat Schostakowitsch in seinem Werk auch gekämpft und die Musik bringt auch eine gewisse Freiheit der Kunst trotz aller Unbill immer wieder zum Leuchten und verursacht Hoffnungsmomente.

Natürlich, wie in aller Musik, ist diese CD-Edition eine Momentaufnahme eines Interpretationsansatzes – für jede Sinfonie, jeden Satz neu formuliert. Sie zeigt aber auch die außerordentlichen Fähigkeiten der Dresdner Philharmonie und ein sich permanent weiterentwickelndes Verstehen und Verständnis für die Spezifik der Schostakowitsch-Musik und sicherlich auch eine mit jeder Aufnahme wachsende Vertrautheit mit den Absichten des Dirigenten, so Peter Conrad, Mitglied des Orchestervorstands. Aber selbst innerhalb der 15 Sinfonien gibt es unbekanntes Terrain – die 2. und 3. Sinfonie (hier mit dem fabelhaften MDR Rundfunkchor), aber auch die in dieser Edition zum Höhepunkt geratenen 14. Sinfonie mit den Solisten Polina Pastirchak und Dimitry Ivashchenko werden recht selten aufgeführt.

Weitere Neuerscheinung: die 15. Sinfonie auf DVD

Quasi nebenbei führte das CD-Projekt auch zu einem Konzertzyklus aller Sinfonien, der weitere exorbitante Momente der Live-Aufführung für die Konzertbesucher bereithielt. Nicht alles konnte aus den enormen Spannungsbögen etwa der Aufführungen der 11. und 12. Sinfonie oder etwa der zum Gedenkkonzert noch im Albertinum erklungenen 8. Sinfonie konserviert werden, aber die mit vielen, im einzelnen nicht bezeichneten Live-Aufzeichnungen angereicherte CD-Box lädt erneut ein, sich mit dem unerschöpflichen Kosmos des sinfonischen Schaffens zu beschäftigen. Dabei stehen die älteren Aufnahmen aus der Lukaskirche denen des Kulturpalast-Saales in nichts nach – man wird sie unterscheiden können, aber ein Genuss sind beide und der wechselnde Klangraum ist überhaupt nicht störend. Immer wieder wird man in den Sinfonien auf Schostakowitschs kostbare Adagio-Landschaften stoßen, die Sanderling auch dank seiner in den großen Soli brillant agierenden Musiker intensiv auskostet wie auch die sanft ausschwingenden leisen Finali etwa der 4. und 8. Sinfonie.

Sanderling zeichnet auch die Charakteristik der avantgardistischen, widerborstig-widerständigen Momente etwa in den frühen Werken bis zur 4. Sinfonie, oder, untergründiger, in der 5. und 10. Sinfonie nach und ist durchaus zu Exzess, unerbittlichem Pulsieren und manchem Risiko bereit, wo es der Komponist nachgeradezu einfordert. Explizit kann man dies etwa im besonders klanggewittrigen Finale der 11. Sinfonie »Das Jahr 1905« nachhören, die bei allem äußerlichen Bombast von einem gewaltigen inneren Druck geschüttelt scheint.

Schließlich ist das Projekt auch derzeit fast konkurrenzlos und gleichsam im Hinblick auf das Orchesterjubiläum 2020 und den 50. Todestag Dmitri Schostakowitschs im Jahr 2025 maßstabsetzend – die letzte Gesamtaufnahme eines deutschen Orchesters ist die des Gürzenich-Orchesters Köln mit Dmitri Kitaenko gab es vor 11 Jahren, ansonsten darf man für aktuelle Vergleiche Einspielungen aus Liverpool (Vassily Petrenko) und Tatarstan (Alexander Sladkovsky) nennen; ob Andris Nelsons seine Aufnahmen in Boston komplettieren wird, ist nicht bekannt.

Die bislang fünf veröffentlichten Einzel-CDs, die mit Beethoven-Sinfonien gekoppelt sind, sind weiterhin erhältlich, die Aufnahmen der Sinfonien 2-4, 7-9, 11, 12, 14 und 15 sind nur in der Box erhältlich. Am 14.6. erscheint außerdem der auch filmisch exzellente Konzertmitschnitt der 15. Sinfonie Opus 141 auf DVD – es war das diesjährige Gedenkkonzert der Dresdner Philharmonie zum 13. Februar, das arte concert aufgezeichnet hat.

 

 

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