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Unterhaltsames Sängerfest

Einen wirklich besonderen Abend erlebten die Gäste der Dresdner Musikfestspiele am Montag im Dresdner Kulturpalast. Erst im letzten Herbst war die kanadische Sopranistin Barbara Hannigan im Palastkonzert endlich und erstmals in Dresden aufgetreten – damals als Solistin in Hans Abrahamsens Liederzyklus „Let me tell you“. Nun kehrte sie als Dirigentin, aber auch als Mentorin eines jungen Sängerensembles zurück und führte mit einem solchen Igor Strawinskys abendfüllendes Opernwerk „The Rake’s Progress“ (Der Wüstling) aus dem Jahr 1951 auf.

Wenngleich der Begriff Ausnahmekünstlerin strapaziert und oft leichtsinnig deplatziert scheint, bei Barbara Hannigan füllt er sich mit Sinn, denn sie wählt ihre Rollen und Engagements sorgfältig aus und erfüllt sie mit großer stimmlicher und darstellerischer Präsenz. Seit einigen Jahren dirigiert Hannigan auch und fügte so ihrem Verständnis und Verstehen von Musik weitere Möglichkeiten von Ausdruck und Gestaltung hinzu – ihre Programme bleiben besonders. 2017 gründete sie »Equilibrium Young Artists«, ein Mentoringprogramm für junge Sänger, um ihre Erfahrungen weiterzugeben und den hoffnungsvollen Nachwuchs auf Herausforderungen der Bühnen vorzubereiten, sie dabei aber auch quasi ganzheitlich und in ihrer Individualität zu erkennen und mitzunehmen – das Programm umfasst eben auch Workshops, Yoga, Coaching und viel Praxisarbeit wie die gerade durchgeführte Tour.

Sofie Asplund (Anne Trulove), Barbara Hannigan (Fotos: Robert Jentzsch)

Die Strawinsky-Oper ist nun ein erstes Ergebnis des Ausbildungsprogramms und atmet bereits den hochprofessionellen Geist, den Hannigan selbst ausstrahlt und auch einfordert. Leider war der Kulturpalast nur halb gefüllt – schade, dass es so für die jungen Sänger nur wenig Unterstützung gab, dafür aber äußerten sich die anwesenden Zuhörer am Ende sehr begeistert. Und das Sängerensemble war wirklich herausragend gut, denn bei allen Schwierigkeiten, die man mit dem Werk haben kann und haben darf, garantieren die anspruchsvollen Partien und die einkomponierten Lieder und Arien im besten Fall für ein unterhaltsames Sängerfest.

Die halb konzertante Fassung nahm natürlich dem Stück ein wenig die Luft, die man ihm ohnehin erst einmal einhauchen muss, denn Geschichte und Musik tragen sich wirklich nur durch gute Darstellerinnen und Darsteller. Die in Partitur gegossenen Whiskylaunen von Librettist und Komponist reichen zwar für manchen Geistesblitz und Anleihen von der Commedia dell’arte bis zum Broadway, aber das durchintellektualisierte Wollen ist ein Hauptproblem des Stückes, das man nur mit viel Theaterblut und Sinn für den sprichwörtlichen Teufel im Detail ausgleichen kann: »Sadness is charming« und das gemeinsame Lachen am Ende des theatralisch wenig wirksamen ersten Teils wirkte fast wie eine Befreiung.

Gyula Rab (Tom Rakewell), Marta Swiderska (Baba the Turk)

Über weite Strecken gelang aber die Abendunterhaltung hervorragend, weil man große Freude an der sorgfältigen stimmlichen Ausarbeitung des übrigens schon international an bekannten Häusern wie Göteborg oder dem Münchner Gärtnerplatztheater aktiven Ensembles haben konnte: die Schwedin Sofie Asplund gab eine mädchenhafte, berührende Anne Trulove, die sich noch ein bisschen mehr freisingen darf, die Voraussetzungen sind wunderbar. Marta Świderska verortete ihre geschwätzige Türken-Baba mit volltönender Dunkelheit in die unteren Bereiche ihres Mezzo-Soprans, das machte ebenso Spaß wie Douglas Williams (Nick Shadow) zuzuhören, der über eine sehr flexible und toll geführte Baritonstimme verfügt. In der Hauptrolle als Tom Rakewell brillierte der Ungar Gyula Rab, und auch bei ihm war auffallend zu hören, wie sinnvoll Kraft und Ausdruck über den ganzen Abend so verteilt waren, dass dramatische Spannung und feinster Lyrismus nahezu unanstrengend wirkten.

An keiner Stelle des Abends war zu bemerken, dass die jungen Sänger hier größtenteils ihre Rollendebüts gaben, und als Ausbildungsöperchen ist Strawinsky auch nun wahrlich nicht geeignet- alle wuchsen über sich hinaus. Auch Erik Rosenius (Trulove) und James Way (Sellem) fügten sich überzeugend in das Ensemble ein, und die Spiel-Elemente auf der Kulturpalastbühne waren so behutsam eingearbeitet, dass es zu Strawinskys Minimalismus passte. Manche Durststrecken des Werkes wie etwa der Seelenverkauf per Karteziehen auf dem Friedhof ließen sich allerdings trotz des tapfer zwischen den Gräbern im Akkorddschungel navigierenden Cembalisten nicht ausmergeln.

Douglas Williams (Nick Shadow), Barbara Hannigan

Barbara Hannigan hielt die Fäden der musikalischen Gesamtleitung in fester Hand, was aber im Wortsinn auch oft den dirigentischen Ausdruck an diesem Abend betraf, und das war nicht immer überzeugend.  Das LUDWIG Orchester – ein freies niederländisches Ensemble – atmete zwar aufmerksam gemeinsam mit den Sängern, die von Hannigan freien Raum zur Entfaltung bekamen. Doch das fast durchweg in mittlerer Lautstärke vermutlich unter seinen Möglichkeiten agierende Orchester blieb insgesamt farblos und nur an pointierten Stellen einmal bissig, im Solo von Trompete und Cello auch einfühlsam, während schnelle Passagen etwa der Auktionsszenen im dritten Akt sich verhaspelten. Hingegen verriet die Cappella Amsterdam in den wenigen sehr überzeugend dargebotenen Chorszenen, wie die schwungvolle Leichtigkeit des Werkes mühelos zu erreichen ist.

Erik Rosenius, Gyula Rab, Sofie Asplund, Barbara Hannigan, James Way, Marta Swiderska, Douglas Williams beim Schlussapplaus

 

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