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In Dresden geboren, aus Dresden vertrieben

Er galt bis zuletzt vielen Musikliebhabern als Österreicher. Aufgewachsen ist er allerdings in Argentinien, wohin seine Familie 1940 emigrieren musste. Geboren jedoch ist er am 20. Juni 1927 in Dresden. Jetzt ist der große Dirigent Michael Gielen im Alter von fast 92 Jahren gestorben.

In Buenos Aires hat er Musik und Philosophie studiert, seine Karriere startete er als Korrepetitor am Teatro Colón. 1950 ging Michael Gielen an die Staatsoper Wien, von 1960 bis 1965 leitete er die Königliche Oper Stockholm. Von 1977 bis 1987 war er Generalmusikdirektor der Oper Frankfurt am Main, dieses Jahrzehnt ist als „Ära Gielen“ in die Musikgeschichte eingegangen. Der am Freitag in seiner österreichischen Wahlheimat im Salzkammergut verstorbene Maestro hat über viele Jahre als kundiger Sachwalter eines umfangreichen Repertoires von Bach bis zur Moderne gewirkt, ist als Komponist tätig gewesen und hat zahlreiche Rundfunk- und CD-Einspielungen sowie musikwissenschaftliche Schriften zu Beethoven und Mahler hinterlassen. Seine Erinnerungen »Unbedingt Musik« sind ein bleibendes Werk dieses arbeitsreichen Lebens.

Geboren ist Michael Gielen in einem kunst- und kulturliebenden Haus im Dresdner Stadtteil Strehlen. Bei unserem letzten Gespräch erinnerte er sich ohne jede Sentimentalität an die Kindheit: „Da gab es ein Schloss mit einem wundervollen Park. Dort sind wir sehr oft gewesen. Die Nazis haben eine Luftwaffenkaserne daraus gemacht, den Rest haben die Bomben erledigt. Ich habe nie versucht, mir das anzusehen, es würde nur all die guten Erinnerungen zerstören. Denn bis zu meinem neunten Lebensjahr habe ich eine schöne Zeit in Dresden gehabt. 1936 sind wir dann nach Berlin gegangen.“ Und von dort aus notgedrungen weiter gen Südamerika.

Seine Geburtsstadt hat Michael Gielen nur sehr selten wieder betreten. „In all den Jahren bin ich nur zweimal wieder ganz kurz dortgewesen. Einmal in den 70er Jahren während meiner Frankfurter Zeit, da wollten wir Harry Kupfer zu einer »Lulu«-Produktion einladen, die DDR-Künstleragentur hat das aber nur als Austausch zugelassen. Also habe ich einen »Rosenkavalier« dirigiert, übrigens im Schauspielhaus, nicht so toll, das Notenmaterial noch mit den Strichen der Uraufführung, mir also nicht so geläufig, denn ich kenne vor allem die Wiener Strauss-Tradition, wo ich den »Rosenkavalier« noch unter Erich Kleiber korrepetiert hatte.“

Gielens zweiter Dresden-Besuch war ein Gastspiel mit dem SWF-Orchester Ende der 1980er Jahre in einem, wie er sich erinnerte, „hässlichen Saal, wo damals wohl alle Konzerte stattfanden.“ Gemeint war natürlich der alte Kulturpalast mit seinem sogenannten Festsaal, dem der Dirigent noch nachträglich dies attestierte: „Eine schlimme Akustik!“ Beide Male fand er keine Zeit für ein Wiedersehen mit der Stadt, die er auch nie touristisch besucht hat. „Gewiss war ich früher auch mal als Tourist unterwegs, dann aber in Rom, Florenz, Paris … Ich kenne ja selbst Argentinien nicht, wo ich lange gelebt habe. Erst fehlte das Geld zum Reisen, später waren die Reisen immer mit meiner Arbeit verbunden.“

Ein letztes Mal ist Michael Gielen zu einer Lesung aus seiner Biografie im Dresdner Schauspielhaus gewesen. Nach außen hin ohne jede Sentimentalität, denn wichtiger ist ihm immer die Arbeit gewesen. Sei es am Pult der Wiener Staatsoper, wohin er noch einmal unter Direktor Ioan Holender für Georges Enescus »Oedipe« zurückkehren konnte, sei es  das kompositorische Schaffen: „Das Komponieren hat zu meinem Renommee zwar wenig beigetragen, war aber subjektiv der wichtigste Teil meines musikalischen Lebens. Komponieren ist ja das, was man wirklich ganz aus sich selber macht. Dirigieren geschieht immer durch andere hindurch, selbst ein Instrumentalist ist schon Produzent der physischen Töne. Ein Dirigent alleine erzeugt gar nichts. Deswegen ist mir das Komponieren so wichtig. Ich bin mir aber im Klaren, dass diese Quelle nach meinen Klavierstücken von 2001 erloschen ist. Es hat keinen Sinn, da etwas zu erzwingen.“

Statt dessen habe er seit 2002 an seinem Erinnerungsbuch gearbeitet, „um all diese enormen Bekanntschaften zu beschreiben, denn wie ich als Assistent von Furtwängler und Karajan diese Persönlichkeiten erlebt habe, das ist so untypisch von dem, was sich das Publikum vorstellt. Allein das, oder der damalige Rang des Teatro Colón – der Met ebenbürtig! –, rechtfertigen dieses Buch.“

Es stellt – neben den persönlichen Begegnungen mit und all den Aufnahmen von Michael Gielen – das bleibende Denkmal für diesen großen Künstler dar. Vielleicht findet seine Geburtsstadt ja einen zusätzlichen Weg, um an ihn zu erinnern.

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