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„Ich bin im Team Anna Magdalena“

"Die alte, grummelige Casals-Aufnahme hatte es mir angetan" (Foto: Irène Zandel)

Nils Mönkemeyer, mit den "Cellosuiten" wildern Sie in fremdem Repertoire. Immerhin könnte Bach selbst die Suiten auf der Bratsche ausprobiert haben, wie Sie im Begleitheft zu Ihrer neuen CD "Bach und Mehr" vermuten. Haben Sie sich eigentlich einmal mit Cellisten über die Werke ausgetauscht?

Die Bach'schen Suiten liebe ich schon seit meiner Kindheit. Die alte, grummelige Casals-Aufnahme hatte es mir angetan. Später war dann Peter Wispelwey mein großer Favorit. Im Vorfeld zu meiner eigenen Aufnahme habe ich aber komplett aufgehört, Aufnahmen anzuhören. Ich möchte ja keinen Celloklang imitieren, sondern eine eigene Art finden, wie es für mich auf der Bratsche klingen soll.

Leider ist der Autograph verschollen, wir haben es also mit einer Menge Abschriften zu tun, die sich teilweise auch widersprechen. Jan Vogler schwor etwa bisher auf die "Anna-Magdalena"-Abschrift. Am Ende der Sarabande der II. Suite entscheiden Sie sich nun manchmal für unübliche, aber harmonisch verlockende Varianten. Können Sie beschreiben, wie man sich als Interpret so einem Werk nähert, an dem schon Generationen von Cellisten geknabbert haben?

Ich bin definitiv im Team Anna Magdalena. Da gibt es natürlich die Gegner, die sagen, sie sei nichts weiter als eine dilletierende Hausfrau gewesen. Dagegen spricht aber die Sorgfalt, mit der sie die Suiten abgeschrieben hat und dassihre etwas verqueren Bogenstriche praktisch immer genau funktionieren. Im Endeffekt ist es für mich immer eine Erleichterung zu sehen: es gibt keine allgemeingültige Version, keine "Wahrheit". Das ist eine immense Befreiung, weil es mir als Interpret einen Freiraum gibt.

Daran anknüpfend: Wie nähern Sie sich Fragen von Vibrato, Trillern, Verzierungen, möglichen Ausschmückungen bei Wiederholungen? Mein Eindruck, auch von der CD, ist: das Zeitalter der strengen "Urtext"-Apologeten ist zu Ende – und einer lebendigen, persönlichen und selbstbewussten Interaktion von Interpret und Komponisten gewichen… Oder sind das Ausnahmen?

Mit Bachs Musik sind wir immer so wahnsinnig vorsichtig. Jedes Werk ist von unglaublicher Schönheit und Komplexität. Bach ist die "heilige Kuh" unter den Komponisten, der Maßstab für jeden Interpreten und Komponisten. Dann müssen wir uns mit den verschiedenen Interpreationsansätzen auseinandersetzen: spielen wir "barock" oder "romantisch", alte Instrumente ja oder nein, die Tempi der Tänze…? Im CD Laden liegen hunderte von Einspielungen. Was kann ich Persönliches sagen mit den Stücken?

Nach einigen Wochen von totaler Überforderung hat es mir dann gereicht mit allen diesen lähmenden Prämissen, und ich habe angefangen auszuprobieren und zu experimentieren. Eine Sarabande ist langsam? Ich spiele sie jetzt erstmal schnell! Im Barock vibriert man nur selten? Jetzt fahre ich erstmal meine innere Monserat Caballé auf.
Nach und nach wurde es wieder besser, und ich konnte mich mit mehr Frische und Unbefangenheit den Werken widmen.

Auf "Bach und Mehr" korrespondieren die Suiten mit vier Ersteinspielungen zeitgenössischer Werke, über die im Programmheft nicht allzuviel zu erfahren ist.

Auf der Bonus CD ist eine höchst subjektive Auswahl von vier Solokompositionen. Ich habe den Komonisten nur gesagt, es solle etwas mit Bach zu tun haben und sie dann machen lassen. Pendereckis Stück kannte ich schon vom Bashmet Wettbewerb, damals war es Pflichtstück und ich erinnere mich, dass ich auf der Bühne stand und dachte "tolles Stück – wenn nur mein Bogen nicht so zittern würde!"

Marco Hertenstein ist ein totales Allroundgenie, er schreibt Solowerke für Julia Fischer, Arrangements für die Hiphop Bad Einshochsechs und Filmmusik. Das Stück fängt relatic wild an und ist quasi der Höllenritt Bachs, nachdem er über der Kunst der Fuge das Augenlicht verloren hatte. Am Ende haucht Herr Bach bei ihm sein Leben aus.

Sally Beamish ist in England eine der wichtigsten Komponistinnen nur hier ist sie noch viel zu unbekannt. Ihre Tonsprache klingt ein bisschen nach weiten schottischen Wiesen, Wind, rauchigem Whiskey und einem Hauch von Magie und Poesie. Im Solostück »Ariel« hat sie einen hohen Flageolett-Ton benutzt, der wie eine Geisterglocke durch das Stück klingt. Ariel ist ein androgyner Luftgeist, der lichtvoll über die Elemente herrscht.

Konstantia Gourzi, Griechin, Dirigentin und Professorin in München, hat mich schon während meiner Studienzeit sehr gefördert und unterstützt. Sie ist nicht nur eine inspirierende und schillernde Persönlichkeit, sie hat mir in unzähligen Momenten meines Lebens ihren Rat und Beistand geschenkt. Durch sie habe ich die Kraft der Stille verstanden und zu mehr Klarheit gefunden. Ihre Miniaturen »Nine Lullabies for a new world« greifen für mich zwei Dinge auf, die ich untrennbar mit Bachs Musik verbinde: ein Gefühl von Zeit- und Raumlosigkeit, Trost und Zuspruch.

Worauf können wir uns beim Moritzburg-Festival freuen? Wird es eine "Bach Battle" mit Jan Vogler geben?

Nix da, ich kämpfe doch nicht mit Cellisten! Es wird ein Porträtkonzert geben, wo ich Bach spiele, ansonsten habe ich noch keine Ahnung. Es war so nett letztes Mal, das ich für dieses Jahr quasi die Katze im Sack gekauft habe. Es kommen tolle und nette Kollegen und ich habe vollstes Vertrauen, daß Jan Vogler ein wunderschönes Programm zusammenstellt.

 

Veranstaltungshinweis: 28. März, 19.30 Uhr, Konzertsaal der Hochschule für Musik Dresden:
Meisterkonzert In Zusammenarbeit mit dem Moritzburg Festival

Johannes Brahms: Streichsextett Nr. 2 G-Dur op. 36 / Streichsextett Nr. 1 B-Dur op. 18. Violine: Benjamin Schmid und Mira Wang, Viola: Lise Berthaud und Nils Mönkemeyer, Violoncello: Jan Vogler und Christian Poltéra. Karten zu Euro 25,00/erm. 20,00/Chorrang 15,00 an der Abendkasse.

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