
Ein Septemberdienstag vor fünfundzwanzig Jahren. Ich war gerade in London angekommen, wo ich für ein Studium der Musikwissenschaft angenommen worden war. Neugierig auf die überbordende Kulturstadt, bin ich zuerst in die Nationalgalerie am Trafalgar Square gestürmt. War die Galerie am Vormittag noch gut gefüllt, so wurden es am Nachmittag weniger und weniger Besucher. Ich habe es genossen, fast allein zu sein mit Turner, Gainsborough, Constable, mit Renoir, Rembrandt und Cézanne. Am Abend erfuhr ich, warum an diesem Tag keiner mehr ins Museum gegangen war. Londons Wolkenkratzer waren evakuiert; die Flughäfen hatten ihren Betrieb eingestellt. Panik aber ließen sich die Londoner nicht anmerken. Mit mir sind an diesem Abend über fünftausend Besucher in die Royal Albert Hall geströmt, zum 68. Prom-Konzert der Saison. Der Dirigent Christoph Eschenbach richtete zu Beginn einige Worte an das Publikum, den Inhalt seiner Rede kann man sich denken. Er kündigte an: das Orchester spiele nun – statt der »Geschöpfe des Prometheus« – den Trauermarsch aus Beethovens »Eroica«. Totenstille. Manche weinten.
Danach kam Hélène Grimaud auf die Bühne. Sie sollte an diesem Abend Beethovens Viertes Klavierkonzert spielen. Es wurde ein erschütterndes, aufwühlendes, einzigartiges Ereignis. Grimaud gelang es auszudrücken, dass es ja immer noch Kultur gab, dass das Leben weitergehen würde! Ihren Auftritt kann man bis heute, 25 Jahre später, im Internet finden. Man sieht zu Beginn, wie ihre Finger zittern; wir hören, wie dennoch der erste Satz langsam erblüht, wie das kantable Klavierthema sich über das Orchester erhebt, wie es schwebt.
Und dann, nach wütenden Trillern, Arpeggien und taumelnden chromatischen Läufen, dieser jenseitige Moment: ein leiser, inniger Trauergesang, dolce, pianissimo, cis-moll. Die Welt ist aus den Fugen. Wir sind ganz allein. Wann immer ich seitdem das 4. Klavierkonzert höre, muss ich bei dieser Stelle an Grimaud denken. Nach ein paar Herzschlägen verdoppelt sich die Melodie, oktaviert erklingt sie stärker, die Flöte wagt zaghaft einen Neuanfang, die Oboe springt ihr bei. Klarinette und Fagott bestärken, dann die Hörner. Irgendwie geht es weiter.
Harsch und bitter klingt das Orchester am Beginn des zweiten Satzes, stellt die Töne hin wie Stelen. Das Klavier singt eine langsame Klage, erhebt uns, die Welt versinkt leise unter uns. Immer höher, immer höher geht es, langsam setzt die Dämmerung ein. Grimaud schrieb später: „Ich habe beim Spielen noch nie geweint, außer in jener Nacht des 11. September 2001. Ich hatte einen Kloß im Hals… Ich wusste, dass wir alle dieselben Bilder im Kopf hatten, denselben Schmerz. Aber wir spielten, spielten zu Ehren des Lebens. Vom ersten Takt an spürte ich eine warme Flüssigkeit, die meine Hände und die Tasten benetzte – meine Tränen. Ich glaube, das ganze Publikum weinte mit.“
Es gibt keinen bequemen Weg von der Erde zu den Sternen. Aber es gibt immer Hoffnung. Im Finalsatz ist es die Klarinette, die in Vorahnung der Neunten Sinfonie ein schlichtes, liedhaftes Thema anstimmt. Wenige Momente später fängt die Kamera den Dirigenten ein. Eschenbach schaut konzentriert. Dann lächelt er.
