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Ein entzeitlichter hypnotischer Sog

Die Unruhe vor dem Opernsturm (Foto: Oliver Killig)

Seit über dreißig Jahren begleitet mich ein Album aus der Serie ECM New Series, das der britische Organist Christopher Bowers-Broadbent an der Hauptorgel des Zürcher Grossmünsters eingespielt hat. Es enthält eine Orgel-Transkription eines Themas aus der Phil-Glass-Oper »Satyagraha« von Michael Riesman, der bis heute das legendäre Philip Glass Ensemble leitet, und den „Dance No. IV“, den Glass 1979 für eine Kollaboration mit der Choreographin Lucinda Childs und dem Künstler Sol LeWitt komponierte.

Dieses gut 15 Minuten währende Stück ist ein zeitloses ikonisches Werk, das nicht gleich und nicht jedem zugänglich ist (ein Kritiker schrieb davon, dass „auch der virtuose englische Organist den hohlen Aufwand dieser Form minimalistischer Spielarten […] nicht ganz vergessen machen [könne]“). Hm. Der Aufwand, der in „Dance IV“ betrieben wird, ist sicher nicht klein, und mitnichten hohl. Ja, es ist ein vordergründig formalistisches Werk, zutiefst intellektuell und doch auch irgendwie gar nicht; man kann sich ihm auf mehreren Ebenen, ohne jegliche Erwartung oder auch mit viel Vorwissen hingeben, ja von ihm einsaugen lassen. Das minimalistische Stück lebt von einem simplen Grundprinzip: streng komponierten Taktwechseln, die nach der x-ten Wiederholung dazu führen, dass man als Zuhörer der Zeit allmählich enthoben wird und auch jegliche Erdenschwere verliert: wie in Trance beginnt man zu schweben und vergisst alles um sich herum. Dieser Effekt ist profund (ja, ganz im Sinne von „bodenlos“) und liegt noch anderen Werken von Glass zugrunde, dem Klavierwerk »Mad Rush« etwa (das auf eine etwas andere Art die Takterwartung auf- und den Hörer der Zeit enthebt) und auch Glass‘ Operntrilogie mit den drei Teilen »Einstein on the Beach« (1975), »Satyagraha« (1979) und »Akhnaten« (1983), in der jeweils durch unendlich lang sich ziehende Wiederholungen, unmerkliche harmonische und melodische Variationen und vor allem subtile Akzentverschiebungen in den einzelnen Stücken allmählich ein hypnotischer Sog entsteht, dem man kaum entkommt.

So ist denn auch eine der seltenen Aufführungen von »Einstein on the Beach« ein Ereignis, das sich niemand entgehen lassen sollte, der im Umkreis weniger Autostunden vom Aufführungsort wohnt. Wenn die Performance dann auch noch direkt vor der Haustür im Rahmen der Dresdner Musikfestspiele stattfindet, ist ein Besuch angeraten! Ich bin mir sicher, dass sie bei den allermeisten Besuchern im ausverkauften Festspielhaus Hellerau am Mittwoch wenn nicht lebensverändernd wirkte, dann doch einen tiefen, tiefen Eindruck hinterlassen hat.

Foto: Oliver Killig

Die äußeren Parameter dieser weitgehend konzertanten Aufführung sind rasch aufgelistet: das belgische ICTUS Ensemble spielte unter der Leitung von Tom de Cock, die Gesangsparts übernahm Collegium Vocale Gent und die rezitierten Stücke Suzanne Vega. So lag der Fokus nicht auf den strengen Choreographien der bereits erwähnten Lucinda Childs (die zum Opernlibretto auch einen Text beisteuerte), sondern noch extremer auf der akustischen Klangdimension. Wobei das Gattungswort „Oper“ diesem Werk sowieso nicht gerecht werden kann. Es gibt ja keinen Handlungsstrang im erwartbaren Sinn, keinen teleologischen Fortgang. Es gibt nur Figuren, es gibt separate Ereignisse oder „Szenen“, in denen etwas passiert. Man muss dieses trotzig- avantgardistische Stück einmal selbst erlebt, durchlebt haben, um am anderen Ende des Abends transformiert in diese unsere Welt zurückzukehren. Eine klassische Rezension verbietet sich deswegen auch irgendwie. Klar, ich könnte erwähnen, dass die Leistungen der Künstler einem in ihrer konzentrierten Präzision und Klarheit den Atem nahmen. Dass ich mir von Suzanne Vegas Vortrag mehr erwartet hätte (er war und blieb mir zu verspielt, zu beliebig, und hatte nicht dieselbe Strenge und Konzentration wie die restliche Musik, und blieb am Ende zu oberflächlich). Und dass man vielleicht dem Publikum hätte deutlicher machen müssen, dass das leise Verlassen des Großen Saals während der Vorstellung, die ja ohne Pause fast vier Stunden dauerte, möglich, ja durchaus angeraten war, um sich hernach mit frischen Kräften diesem Kampf mit der Musik widmen zu können.

Wenn wir über meine Musik reden, reden wir über eine Welt, die nicht diejenige ist, in der wir leben.“ Foto: M.M.

Aber all das tritt zurück hinter die Gravitas dieses Ereignisses, vielleicht das wichtigste überhaupt, das das Team der Musikfestspiele in der fast zwanzigjährigen Intendanz Jan Voglers aufs Programm gesetzt hat. Es ist wirklich kaum zu glauben, dass »Einstein on the Beach« schon vor einem halben Jahrhundert komponiert wurde. In seiner Radikalität ist es mit großem Abstand moderner als all das, was dieses Jahr unter dem Label „zeitgenössisch“ sonst bei den Festspielen läuft, moderner also als Dans Theater, Jazz Fusion, Chilly Gonzales, Cello-Fragmenten oder die Boléro-Arrangements von Cateen.

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