
Heghine Rapyan spielt im Coselpalais Dresden Klavierwerke von Stephan Elmas
Der „Chopin von Armenien“ sei Stephan Elmas – solche Beinamen sind bequem und ein bisschen ungerecht. In diesem Fall führen sie immerhin in die richtige Gegend. Elmas liebte Chopin, Schumann und Liszt. Er schrieb Walzer, Mazurken, Nocturnes, Préludes, Sonaten und Klavierkonzerte. Seine Musik blieb dem 19. Jahrhundert verhaftet, und das ist vielleicht auch der Grund, warum die Musikwelt, die immer neue, individuelle und eben unvergleichliche Kompositionen schätzt, Elmas aus dem Blick verloren hat.
Geboren wurde er 1862 in Smyrna, dem heutigen Izmir, in eine armenische Kaufmannsfamilie. Die Mutter starb bei seiner Geburt, er wuchs bei seiner Großmutter auf und galt früh als pianistisches Wunderkind. Mit siebzehn ging er nach Wien, studierte Klavier und Komposition, suchte den Rat Franz Liszts und gab 1885 sein Wiener Debüt. Konzertreisen führten ihn bald durch Frankreich, England, Deutschland, Österreich und Italien. Auf seinen Programmen standen eigene Werke neben Beethoven, Chopin und Schumann.
Die armenische Pianistin Heghine Rapyas hat Elmas nicht als hübsche Repertoire-Rarität entdeckt; sie lebt seit Jahren mit seiner Musik. 2002 gewann sie den ersten Preis beim Stéphan-Elmas-Klavierwettbewerb. Später nahm sie seine bis dahin kaum gespielten Klaviersonaten auf. Das Album »The Soul of Smyrna« erschien 2023 bei Solo Musica und Naxos als Weltersteinspielung sämtlicher Klaviersonaten. Das BBC Music Magazine nannte die Aufnahme „eine sensationelle Entdeckung“, der American Record Guide zählte sie zu den besten CDs des Jahres 2023.
Wie Elmas wurde Rapyan in Armenien geboren. Mit drei Jahren begann sie mit dem Klavierspielen. Sie wurde zunächst in ihrem Heimatland ausgebildet, später am Mozarteum bei Peter Lang und Rolf Plagge im Fach Klavier sowie bei Imre Rohmann und Tünde Kurucz in Kammermusik. Ihr Masterstudium schloss sie 2017 mit Auszeichnung ab. Mit sechzehn ging sie auf ihre erste internationale Tournee durch Deutschland, Österreich und die Niederlande; später konzertierte sie unter anderem in der Beijing Concert Hall und 2024 in der Tonhalle Düsseldorf, wo sie mit Florence B. Prices Klavierkonzert debütierte.
Das Dresdner Konzert ist auch ein persönlicher Abend. Rapyan schreibt, ihr Leben sei „auf einzigartige Weise mit Stéphan Elmas verwoben“. Nach dem Wettbewerb von 2002 habe sie „die faszinierende Welt des Komponisten“ entdeckt. Seine Sonaten, so beschreibt sie es, bestächen durch ihre Form, ihre harmonischen Strukturen, ihre Melodien und jene Emotionen, die er in sie einfließen ließ. Auch ein Publikum ohne Vorkenntnisse reagiere oft überrascht, weil diese unbekannte Musik auf merkwürdige Weise vertraut erscheine.
Auch wenn Elmas’ Musik kaum direkt erkennbare armenische Elemente enthält, verstand er sich als armenischer Komponist. Die Katastrophen von 1915 und der Brand von Smyrna 1922 erschütterten ihn. Seine Familie floh nach Griechenland. Elmas schrieb zahlreiche Trauermärsche. In einem Brief ist der Satz zu finden: „Meine Musik ist dem armenischen Volk gewidmet.“
Am 29. Mai 2026, spielt Heghine Rapyan im Robert-Schumann-Saal des Coselpalais ein Elmas-Rezital. Auf dem Programm stehen Préludes, Walzer, eine Mazurka, Nocturnes, die Fantasie Polonaise Des-Dur, das Scherzo Nr. 1 c-Moll und nach der Pause die Klaviersonate Nr. 1 h-Moll. Das Konzert beginnt um 19 Uhr.
(entstanden im Rahmen eines studentischen Workshops an der Hochschule für Musik Dresden)