Website-Icon Musik in Dresden

Die vergeigte Braut

Hrachuhí Bassénz (Marie), Benjamin Bruns (Wenzel). Alle Fotos: Ludwig Olah

Bedřich Smetanas heitere Oper »Die Verkaufte Braut« wird an der Semperoper in der Inszenierung von Mariame Clément weit unter Wert verkauft. Zur Ouvertüre wird getanzt. Vor dem Vorhang. Vier Paare, Tänzerinnen und Tänzer der Komparserie üben sich in Trachtenkostümen in folkloristischer Manier. Ein wenig müde wirken sie, wie auch die folgenden Choreografien von Mathieu Guilhaumon. Das sprühende Presto der Musik gäbe eigentlich mehr Temperament vor. Aber dieses getanzte Vorspiel könnte schon eine Vorgabe der Inszenierung sein. Die spielt nämlich zunächst nicht zur Kirchweih auf einem Dorfplatz in Böhmen, sondern in einem billig hergerichteten Eventschuppen: „Kezals Village“. In Böhmen also vielleicht schon, aber auf keinen Fall um 1866. Es dürften den Kostümen nach eher die späten 80er Jahre des letzten Jahrhunderts sein. Umbruchszeit und Abbruchzeit, Wendezeit und Nachwendezeit; die Gewieften – wie eben Kezal, der Heiratsvermittler – wissen sie zu nutzen.

Folklore als Touristenfalle, offensichtlich kommen diese auch in Scharen, lassen sich volllaufen und zu Mittanzaktionen animieren. In diesem Ambiente wird also die Geschichte von Marie und Hans und dem stotternden Wenzel erzählt. Marie arbeitet als eine der Servierkräfte, von denen der windige Kezal gerne mal eine vernascht; so muss man es doch sehen, wenn er die Bühne betritt, den Hosenstall schließt und gleich darauf aus der selben Tür eine Kellnerin kommt, die ihre Röcke richtet. Und Marie? Die geht erst mal aufs Frauenklo. Wenn sie wieder herauskommt, hält sie sich den Bauch und einen Schwangerschaftstest in der Hand. Volltreffer. Aber wer hat getroffen? Etwa auch der Kezal? Der unbeholfene Wenzel, dem sie vornehmlich aus finanziellen Gründen verlobt werden soll, ja wohl kaum.

Pavol Breslik (Hans), Tijl Faveyts (Kezal)

Sie hat es auf den unbekannten, auf den fremden Hans abgesehen und er auf sie, da hat es wohl gefunkt auf Anhieb. Aber wer ist denn dieser Hans nur? Er ist der Richtige, das ist von Beginn an klar. Aber bis sich dann auch die Richtigen, also Marie und Hans, in die Arme fallen können, legt die Handlung der komischen Oper noch etliche Fallen aus. Den Wenzel will die Marie ja nicht, und da er nicht weiß, wer sie ist und dass sie für ihn bestimmt ist, kann sie den naiven jungen Mann auch in übelsten Schilderungen der für ihn bestimmten Braut Marie zu ihren Gunsten beeinflussen. Und der Hans aus der Fremde? Er musste manchen Lebenskampf bestehen und weiß gut, wie er zu seiner Braut kommt und zu einer guten Summe noch dazu.

Also werden Verträge gemacht. Die Marie soll den Sohn des Grundbesitzers Micha heiraten, der Hans verzichtet und kassiert. Was keiner weiß: er ist der erstgeborene Sohn des neureichen Grundbesitzers. Eigentlich aber, und das erweist sich als dramaturgische Falle dieser Inszenierung, können alle von allen wissen, wer sie sind und was sie planen, wie sie ihre Netze spinnen und auswerfen, denn jeder könnte – und Sänger sollen ja in der Regel ein gutes Gehör haben – mitbekommen, was der andere singt und was er oder sie eigentlich nicht wissen sollte. So ist es keine Überraschung, dass der heimgekehrte Hans nicht mehr der verlorene, sondern die wiedergefundene Sohn ist und Marie sich nicht länger darum sorgen muss, wie sie unter ihrer ohnehin üppigen Kleidung verbergen muss, dass da bald noch ein Herz unter ihrem Herzen schlagen wird. Kann weitergehen, das Leben in der neuen Zeit, im Dorf in Böhmen, in „Kezals Village“, da gibt es sicher auch einen guten Job für den pfiffigen Hans.

Welch schöne Ironie dieses heiteren Werkes, dem es auch an tragikomischen Grundierungen eigentlich nicht fehlt: eigentlich gelingt nur dem Wenzel der Sprung in die Freiheit. Er nämlich wird mit den Zirkusleuten, die im Original der Oper auf dem Dorfplatz Station machen, abziehen. Er übernimmt die Rolle des Tanzbären und kann der von ihm bewunderten Tänzerin Esmeralda künftig immer ganz nahe sein. Das fand die Regisseurin wohl auch nicht so toll; Wenzels Geschichte geht unter im Gerangel drittklassiger Bewerber für das nächste Touristenevent in Kezals Village.

Tänzerinnen und Tänzer, Tijl Faveyts (Kezal), Barry Coleman (Ein Zirkusdirektor)

Also, Achtung, Geld regiert die Welt, verstanden. Die Inszenierung, der es immer wieder an der Sensibilität für die Genauigkeit der Personenführung mangelt, sowohl bei den Solisten als auch und vor allem bei den großen Chorszenen, die sich auf Nebenschauplätzen mit eifrigen Statistinnen und Statisten in Wiederholungschleifen verliert, erschöpft sich leider schon bald als eine Art Absichtserklärung mit Musik. Und da wollen leider in der ersten Aufführung nach der Premiere am 13. März die Funken auch nicht so recht überspringen. Natürlich bietet das Spiel der Staatskapelle unter der Leitung von Tomáš Netopil ein insgesamt tragfähiges Fundament des Klanges, aber von mitreißendem Überschwang etwa bei Polka oder Furiant kann kaum die Rede sein. Hrachuhí Basénz als Marie überzeugt in der Mittellage; in der Höhe stellen sich Schärfen ein, Spitzentöne wirken wie losgelöst und kommen nicht aus den Linien aufsteigenden Gesanges. Pavol Breslik als flotter Typ in Jeansklamotten, so wie in den Achtzigern die Ostjungs sich wie Westboys fühlten, mitunter etwas zurückhaltend, kann allerdings mit seinem der Legatokunst verpflichteten Gesang als lyrischer Tenor eher überzeugen. Etwas zu unbestimmt wirkt an diesem Abend auch der Bassist Tijl Faveyts als Kezal. Das so rasante Duett mit Hans, eigentlich ein Paradestück dieser Oper, bleibt zu blass. Der Tenor Benjamin Bruns in der tragikomischen Partie des stotternden Wenzel kommt am besten an. Allerdings hätte man sich da eine wirklich sensiblere Regie gewünscht, so wird er als tumber Tölpel lediglich bloßgestellt. Schade.

Mit angemessenem, leichtem Soubrettenton gibt Tahnee Niboro die Esmeralda. Barry Coleman ist der hier zunächst zum Entertainer, dann zum Mittelaltertypen umfunktionierte Zirkusdirektor. Sabine Brohm als Ludmilla und Matthias Henneberg als Kruschina, die auch auf ihr Stück vom Kuchen der Nachwende hoffen, sind Maries Eltern. Da sei die Erinnerung aber doch erlaubt: an Peter Konwitschnys Inszenierung dieser Oper in sensibler, psychologischer Auslotung, einst in Dresden. Damals war Sabine Brohm die Marie, unvergessen als Sängerdarstellerin. Das neureiche Paar, Micha und Hata geben Tilmann Rönnebeck und Michal Doron. Der Chor der Staatsoper in der Einstudierung von Cornelius Volke nutzt die Chancen des vollen Klanges. In der Darstellung fügt man sich den Anweisungen der Regie. Fazit: leider eine vergeigte Braut.

(Besuchte Vorstellung: 13. März 2019)

Die mobile Version verlassen