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„Interdisziplinär, international, live“

Noch fühlt er sich ungewohnt an, der Gedanke an ein Festspielhaus Hellerau ohne Dieter Jaenicke, ohne seine kulturpolitischen Interventionen und kühnen Träume. Er wollte die Talbewohner aufrütteln, hat dabei lustvoll das übliche Dresdner Maß verfehlt und in seinen öffentlichen Reden zuletzt auch gern seinem Ärger Luft gemacht über das hiesige Beamtendenken, das kleinkarierte Verwalten, die ewigen Vertröstungen, beispielsweise die Renovierung des Ostflügels betreffend. Für ein Fazit seiner Hellerauer Amtszeit – die in seinem Arbeitsleben sicherlich mehr als eine bloße Haltestelle gewesen ist – ist es noch ein paar Wochen zu früh. Aber es muss ja weitergehen. So hat gestern seine Nachfolgerin Carena Schlewitt ihre Pläne öffentlich vorgestellt.

Carena Schlewitt (Foto: Stephan Floß)

„Ein interdisziplinär international ausgerichtetes Haus der Live-Künste“ soll es werden – so wünscht sich Carena Schlewitt das Europäische Zentrum der Künste in Zukunft. Dieser Satz fiel allerdings erst in der Fragerunde der Journalisten am Ende – eine Zukunftsvision, eine Profilierung war in dieser Veranstaltung noch nicht auszumachen, sieht man von einer neuen Typo ab, die mit dem Stühlerücken beim Intendantenwechsel immer einhergeht. Auf der Leinwand im Hintergrund flackern Termine und Namen in blockhaftem Design vorbei. Anstelle auch in dieser Veranstaltung vielleicht eine künstlerische Intervention oder Irritation einzubauen, die gleich mal die Anwesenden piekt, versteigt man sich ins konventionelle Herunterbeten der Höhepunkte, auf dass auch kein Beteiligter vergessen werde. Ist das das Hellerau der Zukunft, das sich in dieser Willkommens-Veranstaltung spiegelt?

Für manche alten Zöpfe (Stichwort Derevo) ist kein Platz mehr bei Carena Schlewitt; die Dresden Frankfurt Dance Company findet zwar respektvoll Erwähnung, aber der Schwerpunkt ihrer Planung liegt nicht mehr beim zeitgenössischen Tanz. Genau genommen ist ein einzelner Schwerpunkt gar nicht mehr auszumachen. Die Künste sollen sich zukünftig am Haus gegenseitig durchdringen, inspirieren, das Experiment herrscht und der Prozess. Mehrfach betonen Schlewitt (geboren in Leipzig), ihr Programmleiter Theater/Tanz André Schallenberg (geboren in Jena) und ihr Programmleiter Musik Moritz Lobeck (geboren in Dresden), dass sie jetzt erst mal vorfühlen, ausprobieren wollen, wie Hellerau in Zukunft ticken könnte. Unter der vielsagenden Trias »Geschichten – Kunst – Katastrophen« versammeln die drei Sprechtheater, Tanz, Performances und nicht zuletzt offenbar wieder viel mehr Musik, als es in den letzten Jahren der Fall war. Im September macht sich Günter Baby Sommer ein Konzertgeschenk zum 75. Geburtstag (21.9.). Im November startet ein neues Format für zeitgenössische Kammermusik, »4:3 KAMMER MUSIK NEU« betitelt. Den Jahresumschwung bestreitet die Sächsische Staatskapelle (»HAPPY NEW EAR«). Im März, und damit an neuem Saisonplatz, aber zunächst weiterhin biennal, folgen die TONLAGEN als »Dresdner Tage der zeitgenössischen Musik«. Kooperationen mit den Musikfestspielen, der Musikhochschule und dem Heinrich-Schütz-Konservatorium ergänzen die Musiksparte.

Thom Luz macht demnächst das Wetter in Hellerau (Foto: PR)

Die Eröffnungsproduktion wird von der belgischen Needcompany sein – »Krieg und Terpentin« ist eine musikalisch-choreographische Romanadaption des gleichnamigen Buches von Stefan Hertmans. Weiterhin werden in den Eröffnungswochen Theater (»Empire« von Milo Rau), Tanz (blitz theatre group, Athen) und Musik (Thom Luz mit einer »Wettersinfonie«) gleich einmal die unterschiedlichen Disziplinen auf bunte Weise vereinigen.

Die Erwartungen in Dresden nach der Intendanz von Jaenicke sind hoch. Es ist eine noch nicht beantwortbare Frage, inwieweit Schlewitt und ihr Team auch die internationale Strahlkraft in der Außenwirkung wahren kann, die sich das Haus in den letzten Jahren erarbeiten konnte und damit – zumindest unbestritten im Tanz – zu einem der wichtigsten Spots in Europa geworden ist. Hier wurden regelmäßig nicht nur eigene Produktionen erarbeitet, sondern die wichtigsten und interessantesten Neuproduktionen in Kooperation übernommen. Das zog internationales Publikum etwa aus Berlin, Warschau und Prag an – zuletzt sogar mit deutsch-tschechischen Shuttle-Produktionen. Den Blick nach Osten will Carena Schlewitt wahren: »Polski Transfer« heißt ein Festival des aktuellen polnischen Theaters, das vom 22. November bis 2. Dezember 2018 in Hellerau stattfinden wird.

»Empire« (Milo Rau). Foto: PR

Dass das Europäische Zentrum der Künste im Fokus auch wieder die Dresner Künste und vor allem den Kunstnachwuchs bündeln oder zumindest in Streiflichtern präsentieren möchte, ist erklärtes Ziel der Intendantin. Einige bestehende Kooperationen (CYNETART, DAVE, Musikfestspiele, Komponistenklasse) werden fortgeführt, neue Produktionen von Cindy Hammer oder dem Kollektiv theatrale subversion machen Hoffnung, dass die spannende Künstlerhandschriften aus Dresden in Hellerau ebenso ihren Platz finden.

Carena Schlewitts mutige Ansage, beim Thema Ostflügel solle nun endlich mal etwas vorwärtsgehen, hier plane man deutlich schneller als erst in fünf Jahren mit einer Eröffnung als Residenz- und Probenort, bremste die Kulturbürgermeisterin gleich wieder sacht ein. Immerhin, es solle hier vorwärtsgehen. Und ansonsten? „Da werden wir nach der ersten Spielzeit sehen, was haben wir erlebt, und wie hat es uns gefallen?“ (Annekatrin Klepsch). In Hellerau, so scheint es, sind nach den Jahren der Überfliegerei jetzt erst einmal wieder tüchtige Erdarbeiten angesagt.

Der Vorverkauf beginnt am 7. August.


Disclaimer: Die Kunstagentur Dresden, die auch als Herausgeber von »Musik in Dresden« fungiert, war von 2015-2018 Kooperationspartner von HELLERAU – Europäisches Zentrum der Künste Dresden für das Projekt des PORTRAITS – HELLERAU PHOTOGRAPHY AWARD.

 

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