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Eine packende Geschichte von Krieg und Frieden

Wenn ein türkischer Komponist wie Fazil Say heute eine Sinfonie vorlegt, so wird sie kaum folkloristisch sein, sondern sich einem Thema zuwenden, das zwar auch die Schönheiten, aber auch Leiden seiner Heimat in musikalischen Bildern zu erfassen sucht. Um Krieg und Frieden muss es gehen. So war denn auch das Programm des letzten Konzerts der Philharmonie angelegt, das der Chefdirigent Michael Sanderling selbst übernahm.

Foto: Marco Borggreve

Beethovens Egmont-Ouvertüre zu Goethes gleichnamigem Schauspiel, das den Krieg der Niederländer gegen die Unterdrücker aus Spanien zum Gegenstand hat, stand am Beginn des Abends. Markante Sarabandenrhythmik im Tutti als Sinnbild der Habsburger steht gegen menschliche Töne von Leid und Hoffnung der aufständischen Oranier. Sanderling packte mit Überzeugungskraft den mit intensivem Ausdruck gestalteten Konflikt von Herrschsucht und unbändigem Freiheitswillen, der sich in der „Siegessinfonie“ am Ende durchsetzt. Das war mit allen klanglichen Möglichkeiten atemberaubend und mitreißend erfasst.

Da der türkische Komponist der »Mesopotamia Symphony« auch ein origineller Pianist ist, war Beethovens 3.Klavierkonzert in c-Moll ins Programm einbezogen. Der Wiener Komponist widmete sein Werk dem Prinzen Louis Ferdinand von Preußen. Das war jener Spross der Berliner Königsfamilie, der von Beethoven selbst nicht nur als Prinz anerkannt wurde, sondern auch als „ein echter, tüchtiger Klavierspieler“. Der kühne Offizier fiel 1806 in der Schlacht durch eine französische Kugel. Fazil Say, durch und durch musikantischer Profi, gab dem Werk spannungsvoll erregende Akzente, spielte, als ob er die Töne aus dem Flügel herauszwingen müsste. Die Konzertmeisterin Heike Janicke verriet, dass sie beim Spiel den Eindruck gehabt hätte, Beethoven selbst säße neben ihm. So klar und treffend war die Gestaltung, fast improvisierend. Fantastisch! Bewunderung erregte auch die Zugabe: »Black Earth« mit normalen Klaviertönen und solchen, die mit auf die Saiten gelegter Hand angeschlagen wurden. Die von folkloristisch-orientalen Themen durchsetzte Komposition ließ ahnen, was „schwarze Erde“ auch sein kann  – Krieg der verbrannten Erde des IS.

Das ist auch das Grundmotiv der folgenden 2. Sinfonie op.38, die schon 2012 in Istanbul uraufgeführt wurde und nun als deutsche Erstaufführung im Konzert im Albertinum erklang. Die »Mesopotamia Symphony« ist eine sinfonische Reflexion der heutigen Verhältnisse im Krieg mit dem terroristischen IS, nicht historische Betrachtung der antiken Kulturgeschichte. In zehn Sätzen mischen sich Bilder von spielenden Kindern mit Natureindrücken an Euphrat und Tigris, von Sonne und Mond, aber immer im Hintergrund attackiert von einer starken Schlagzeuggruppe sowie scharfen Blechbläserakkorden, vom Tutti des ganzen Orchesters. Die lyrischen Betrachtungen sind meist von einer Bassflöte, einer Bassblockflöte und einem Theremin (ein berührungslos durch die Veränderung elektrischer Felder gespieltes Instrument) und weiteren Orchesterklängen vor allem der Streicher getragen.

Die zauberhaften, aber auch brutalen Orchestersätze lassen sich im Einzelnen kaum beschreiben. Der Eindruck von Gewalt, von Krieg und Frieden, war plastisch nachvollziehbar. Langer Beifall, Standing Ovations feierten den Komponisten und sein Werk, den Dirigenten und das Orchester. Nach Mahlers »Achter« war das eine andere »Sinfonie der Tausend«!

Friedbert Streller

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