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Schubert, Strauss, Seeigel-Sushi

"Dresdner Klang" in Quartettbesetzung - Ein Lunchkonzert in Tokio begeisterte die Hörer
„Dresdner Klang“ in Quartettbesetzung – Ein Lunchkonzert in Tokio begeisterte die Hörer.

Bessere Botschafter für den Freistaat als die Musiker der Staatskapelle könne er sich nicht vorstellen, hatte ein gut gelaunter Stanislaw Tillich den in die Wüstenstadt Al-Ain gereisten Journalisten in den Block diktiert. Gerade vorhin habe ihn noch die Frau des japanischen Botschafters inständig um zwei Karten für die Suntory Hall nächste Woche gebeten; ob sich da was machen lasse?
Es ließ sich machen. Das Orchester behielt allen Flugausfällen, Visa-Problemen und Grippeviren zum Trotz die Contenance und präsentierte der Welt hingebungsvoll ihr goldenes Kernrepertoire von Richard Wagner bis Richard Strauss. Es begeisterte aber nicht nur Kenner und alte Hasen. Das diesmal komödiantisch angehauchte Schülerprogramm „Kapelle für Kids“ mit der ausnahmsweise auf Englisch parlierenden Hauptheldin Alma erstaunte Wüstensöhne in Abu Dhabi und Grundschüler in Hongkong. Stimmführer des Orchesters gaben vormittags Meisterkurse für Studenten der örtlichen Musikhochschulen, knüpften Kontakte und warben so schon die nächsten Bewerber der ensembleeigenen Giuseppe-Sinopoli-Akademie an, in der der Nachwuchs aus aller Welt auf den Wunderharfen-Klang eingeschworen wird.

Seeigel-Sushi (Mitte), französische Weine, Dresdner Automobile, Koi-Karpfen, Wüstenstaub und Wagnerklänge – was für emotionale Akkordbrechungen diesmal (Foto: M.M.)

Verschiedene Kammermusik-Ensembles von Quartett- bis Oktettbesetzung erfreuten zudem das Publikum abseits der großen Konzertsäle. Und halfen zuguterletzt noch dem Hauptsponsor mit einem fulminanten Extra-Konzert bei Wein und Seeigel-Sushi, kulturversessene Automobilisten anzulocken. Werden doch immerhin sieben von zehn Phaetons, dessen Imagefilm hier ein Kapellkonzert mit dem Pianisten Rudolf Buchbinder adelt, an gutbetuchte Käufer ins Reich der Mitte verschifft.
Im Autohaus oder im Wüstenfort – es galt diesmal mehrheitlich Ersthörer für klassische Musik zu begeistern. Dafür geizten die Programmhefte nicht mit Superlativen: das „älteste Orchester der Welt“ laufe mit einem Repertoire auf, das „so schwierig“ sei, dass sich kaum ein anderes Ensemble daranwagen würde. Hui! Programmatisch machte das Orchester aber keinerlei Zugeständnisse, auch wenn manchen Neulingen die Episoden des Strauss’schen „Heldenlebens“ oder die „Metamorphosen“ mitunter zu kompliziert erschienen. Es ist die Übung, die aus Gelegenheitshörern irgendwann Musikfreunde macht. Und auch die wusste die Kapelle in Japan zu begeistern. In der Tokioter Suntury Hall etwa brandeten nach beiden Konzerten lange Jubelstürme. Traditionell muss hier auch Christian Thielemann noch einmal auf die Bühne, wenn die Kontrabässe schon weggeräumt sind; solche Leidenschaft erfährt der Maestro sonst eigentlich nur in Wien…

Die nächsten Dresden-Botschafter kommen schon in drei Monaten… (Foto: M.M.)

Eine ungewöhnliche Reise war’s diesmal. Mit einem Open-Air-Konzert im Februar und Tage später gar noch einem späten Neujahrskonzert chinesischer Zeitrechnung. Mit Hörern, die vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben klassische Musik westlicher Prägung live erlebten. Und anderen, die den erneuten Besuch der Staatskapelle in ihrer Heimat zum Anlass nahmen, alte Freundschaften mit den Musikern wiederaufleben zu lassen. Mit Nachwuchsmusikern, die sich Tricks abschauten, und mit einem Chefdirigenten, der so ausgeglichen schien, so in sich ruhte bei den Konzerten, dass das in unseren globalgalaktisch-hektischen Zeiten fast schon anachronistisch wirkte.
Direkt nach dem zweiten Konzert in Hongkong sprangen die Musiker in den Bus zum Flughafen. Schon am Dienstag steht ja die „Bohème“ wieder auf dem Opernspielplan, bald schon warten die Osterfestspiele. Wetten, dass diesmal ein paar mehr Besucher aus dem Mittleren und Fernen Osten nach Salzburg pilgern werden?

Eine Textfassung des Artikels ist am 28. Februar in der Sächsischen Zeitung erschienen. Wir danken dem Verlag für die freundliche Genehmigung, ihn hier erneut abdrucken zu dürfen.

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