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ALPHA bis OMEGA

Lieber Boris Gruhl,

ich zögerte, als die Anregung kam, Dein Buch zu besprechen, war doch ein bissel Nötigung dabei, denn sonst hätt’s kein Leseexemplar gegeben. Kann so etwas gut gehen, über eines Freundes Buch die Feder spitzen? Gut oder schlecht. Naja, siehe ‚Lese‘-Exemplar, das ich dann in einem Rutsch verschlang, ist ja mit seinen knapp 190 Seiten schon mal deshalb gar nicht lang- und in der Tat kurzweilig zu lesen. Auch wenn ich die Kolumnentexte (zugegeben nicht alle) schon kannte, kommen sie nicht eins zu eins im Buch vor; und auch im Zusammenhang liest sich‘s noch anregender als solo sowieso.

B.G. in bekannter Pose (Foto: P. Bäumler)

„A“ wie Theo Adam war schon erschienen, als wir beide auf Berichtsreise übers slowakische Nationaltheater im Zug nach Bratislava saßen, Du für Rezensionen, ich zur Reportage. Die Stadt gab den Initial für die nächste Kolumne her. Im Gespräch auf langer Bahnfahrt erfuhr ich von Dir, wie der Groschen fiel und die Idee, ein Sänger-Alphabet zu schreiben, aufgekommen war. Anregung gab Dir ein Buch. Unter dem Titel „Richard Wagner in der DDR“ erschien zum Wagner Jubiläumsjahr von Werner P. Seifert der Versuch einer Bilanz der Wagner Rezeption nach der ‚Stunde Null‘ 1945. Gewichtiger aber noch der Hauptteil der Veröffentlichung einer gründlichen Dokumentation aller Wagner-Aufführungen seit 1945. Diese sorgfältig recherchiert, komplett mit Dirigenten, Regie und Sängern aus den Besetzungslisten der Opernspielpläne von den fast 50 Theaterstandorten bis zum Ende der DDR. „Wieder Wagner“ begann – aller Diskreditierung Wagners als „Ahnherr des Faschismus“ und einem Verbot auf vier Jahre der Sowjetischen Militäradministration von Wagner-Aufführungen zum Trotz – schon in der Sowjetische Besatzungszone vor Gründung der DDR mit zehn Inszenierungen von Wagner-Opern, wie Seifert auflistet. Lediglich in unserem Dresden hielten die Berührungsängste am längsten. Das Wagner-Verbot wurde von den SED-Stadtoberen folgsamst gewahrt, so dass es zu einer Aufführung erst am 24. Februar 1949 kam. »Tannhäuser« als erste Neuproduktion einer Wagneroper nach dem Krieg zur feierlichen Eröffnung des wiederaufgebauten ‚Großen Hauses‘. Die Titelrolle sang Bernd Aldenhoff, der nach der Hauptsache Theo Adam im „A“ Kapitel Deines Sängeralphabets gebührende Erwähnung findet.

Christian Thielemann berührt das späte „Wieder Wagner“ Desdens in seinem eloquenten Vorwort, das deine Buch-Produktion bereichernd aufwertet. Ich kann‘s dabei nicht lassen nachzutragen, dass die falsche Jahreszahl 1945 für erste Wagner-Aufführungen nach Stunde Null in Deiner einleitenden Wagnersänger-Kolumne „A-Z“ zu korrigieren ist. Wenn Du die Seifert‘sche Publikation als Fundgrube nennst, muss ich Deiner Bescheidenheit widersprechen. Höchstens stützt sie Erinnerungen und ergänzt Dein Wissen. Ich zitiere „… hätte wahrscheinlich nicht diesen Schatz musikalischer Erinnerungen. Hätte mich nicht der Funke dieser Kunst erwischt, im Spätherbst 1962, in Berlin, in der Staatsoper, als Schüler der zehnten Klasse, aus Finow bei Eberswalde, in Wagners „Tannhäuser“ mit Ludmilla Dvořáková als Venus.“ Noch ein weiteres Textzitat aus Kapitel „D“ des Alphabets von weiteren Begegnungen mit Deiner ‚Venus‘: „Ich war hin und weg. Ich war der Oper verfallen, dank dieser Sängerin… Die Macht der Stimme, die Erscheinung, eine richtig toll aussehende junge Frau, naja, …“ Mich leider erwischte die Wagner-Erweckung nicht mit erotischem Touch. Meinerzeit waren im Münchner ‚Prinze‘ (Prinzregententheater) die Protagonistinnen eine Martha Mödl, Birgit Nilson, Leonie Rysanek – „M, N, R“ in Deinem Buch – eher schon vom Typ Heroine, und ich als älterer Bursche war wohl weniger gefährdet, einer Bühnen-Venus zu verfallen.

Nicht nur ein schier unerschöpflicher Schwall an Fakten sprudeln aus Deinem Schatz. Es ist die heiter ausstrahlende Emotion – „jetzt wird’s sehr persönlich“ – mit der Du die nahezu unzählbaren Oper-Erlebnisse, Hörgenuss von Rundfunk, Platten- und neueren Medien, Gespräche, Begebnisse in Dein ‚Erinnerungsbuch‘ packst. Das, wie Du schreibst, keine Dokumentation sein soll und doch auf gewisse Weise eine ist, umfasst es doch 219 Sängerinnen und Sänger, zu denen Du etwas sagst. Anerkennenswert Deine Einstellung zur Negativ-Kritik „ich blöke nicht – höre einfach auf zu klatschen“, wenn unter Massendynamik im Publikum Buh-Geschreie ausbricht und die auf der Bühne fertigmacht. Hast Du das alles im Kopf? 55 Jahre, wenn ich richtig gerechnet habe, Musiktheater-Leben. Gratuliere. Deine persönlichen Datenquellen kenne ich (noch) nicht. Sind es Archivmeter an Besetzungszetteln, Programmen, Notizen im Zettelkasten zuhause? Sind es säulenhohe Platten- und CD-Stapel? Was noch? Jedenfalls gehört in diesem Zusammenhang mit dieser persönlichen Rezension auf Janine Schütz aufmerksam zu machen, die kompetent, immer liebenswürdig und fix, als Leiterin des Semperoper Archivs bei der Quellensuche und Fotobeschaffung behilflich ist. Sie ist auch weiblicher Star mit Dir, Boris im Duett, in einem Video-Clip, mit dem Du das Buchprojekt zur Vorfinanzierung per Crowdfunding beworben hast. Ja, auch das war neu. Ihr startetet die Finanzierung mit dem ersten Projekt in der Kategorie ‚Literatur‘ unter 45 erfolgreichen Crowdfunding-Projekten. Dafür stellt die Dresden Marketing GmbH die Plattform www.Dresden-Durchstarter.de bereit. Für Euch hat die Crowd 4.400 Euro aufgebracht – prima, dass das funktioniert hat!

Herzlichen Dank also für das Lesevergnügen –
Dein Peter Bäumler

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