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Nummer 26 lebt!

Die „nervöse Zerstreutheit“ des Konzertmeisters war es, die damals eine fast zweihundert Jahre alte Stradivari ihren Klang kostete. Henri Petri hatte gerade einen neuen Fingersatz in die Noten eingetragen und setzte sich dann geistesabwesend auf das Instrument, das auf seinem Stuhl gelegen hatte. Ein grauenhaftes Geräusch – und die Geige war „ein Trümmerhaufen“, wie es Petris Amtsnachfolger Willibald Roth in einem Brief festhielt. Zwar wurde sie repariert. Aber die stolze Stradivari, 1833 für 875 Taler – im heutigen Preisgefüge wären das etwa einhunderttausend Euro – in Paris erworben, klang nicht mehr wie früher. Sie kam nun kaum noch zum Einsatz.

1961 wurde die Stradivari von dem Chemnitzer Geigenbauer Oskar Machold generalüberholt und diente Willibald Roth fortan auch wieder als bevorzugtes Konzertmeister-Instrument. Aber es dauerte kein Jahr, bis er selbst mit dem Instrument stürzte. Es erlitt weitere schlimme Risse, und die führten dazu, dass die „Nummer 26“ wieder in den Instrumentenfundus der Staatskapelle wanderte und dann jahrelang stumm in ihrem Kasten blieb. Mitte der siebziger Jahre hatte sie der renommierte Hallenser Geigenbauer Joachim Schade für einige Monate in seinem Atelier; vielmehr als eine Untersuchung der Geige wird er nicht versucht haben. „Unspielbar“, hieß es, sei die Geige gewesen, als sie aus Halle zurückkam. Und so verschwand sie bis zur Wende erneut in einer Werkstatt. Diesmal versuchte sich die Geigenbaumeisterin Margarete Kielow an der Wiederherstellung.

1989 wurde Kai Vogler zum Ersten Konzertmeister der Staatskapelle ernannt. Es dauerte nicht lange, bis er die Geschichte der Geige hörte. Sein Konzertmeister-Kollege aus den zweiten Violinen, Heinz-Dieter Richter, spielte „Nummer 26“ damals im Dienst, aber „klanglich war sie sehr begrenzt“, erinnert sich Kai Vogler, „und kam daher auch nie für Soli in Frage“. 2008 wurden der Sächsischen Staatskapelle vom Freistaat Mittel zugesagt, den Instrumentenfundus aufzufrischen. Ein kostbares italienisches Meisterinstrument konnte angeschafft werden, und die Stradivari wurde erneut zur Reparatur gegeben. Diesmal sollte die Geige komplett neu aufgebaut werden. Die in Berlin beheimateten Geigenbauer Yves Gateau und Daniel Kogge nahmen die Herausforderung an.

Was in den nächsten fünf Jahren folgte, ist mit dem Wort „Restaurierung“ nur unzureichend beschrieben. Um den Klang der Stradivari wiederzuerwecken, nahmen die Geigenbauer das Instrument komplett auseinander. Sie entfernten jegliches unterfüttertes Holz, das nicht vom ursprünglichen Instrument stammt. Sie nahmen Gussformen von den einzelnen Teilen des Instruments und pressten die an manchen Stellen nur noch halbmillimeterdünne Decke allmählich wieder in Form. Der charakteristische doppelte Intarsienrand wurde ausgetauscht, ein neues hölzernes Innenfutter eingeklebt, ein neuer Hals angesetzt. Die Wirbellöcher in ihrer Schnecke wurde komplett neu aufgebaut, die Schnecke selbst retuschiert. Auch der Zettel mit den nicht zuletzt durch zahllose Fälschungen berühmten Worten „Antonius Stradivarius Cremonensis Faciebat – Anno 1734“ klebt nun wieder in der Geige.

Das Instrument, das heute Abend um 20 Uhr im Zweiten Kammerabend der Sächsischen Staatskapelle in der Semperoper erklingt, hat also mit der ursprünglichen Geige aus Cremona eigentlich nur noch Teile des Geigenkorpus und der Schnecke gemeinsam. Gleichwohl gilt es als „echte“ Stradivari, was sich die Dresdner vor der Restaurierung eigens von einem renommierten Londoner Experten hatten bestätigen lassen. Es dürfte somit eines der mit Abstand wertvollsten Instrumente sein, die momentan von Kapellmusikern gespielt werden. Weit wichtiger jedoch: die komplizierte Operation scheint ihr auch den legendären Klang wiedergegeben zu haben. Kai Vogler ist beeindruckt: „Die Geige hat eine sehr persönliche Farbe. Sie spricht zu mir – und zu den Hörern.“ Wer „Nummer 26“ in Zukunft spielen darf, ist noch nicht endgültig entschieden. Hoffentlich ist der Glückliche nicht allzu zerstreut!

Eine Textfassung des Artikels ist am 22. Oktober in der Sächsischen Zeitung erschienen. Wir danken dem Verlag für die freundliche Genehmigung, ihn hier erneut abdrucken zu dürfen. Fotos (3): PR / Sächsische Staatskapelle Dresden

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