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Schneeschmelzmusik

Foto: PR

Das Gefühl, genau die richtige CD gekauft zu haben, hat man als kritischer Musikliebhaber eher selten. Bei Jessica Gall habe ich allerdings noch keine einzige Fehlinvestition gemacht. Besonders ihr neues Album bringt etwas frisches, lebensbejahendes mit sich, was man sich nicht entgehen lassen sollte. In feinen, ruhigen Linien bejaht Jessica Gall den Wunsch nach „Meer“, läßt ihr einzigartiges Timbre in den mit viel Raum gestalteten Phrasen vibrieren, atmet die Musik regelrecht in einem Rhythmus, der ansteckt. „Riveria“ knüpft wunderbar und stimmig an ihre ersten beiden Alben an, die es wie auch bereits die Neuveröffentlichung in die Jazzcharts geschafft haben.  

Mit „Riveria“ präsentiert die in Berlin geborene Sängerin ein Meisterwerk frischer Jazz-Pop-Musik, die gerade in den kalten Dezembertagen eine ungeahnte Wärme mit sich bringt. Die Musik ist mit Liebe zum Detail produziert. Klänge in die man hineintauchen möchte, mit den Songs eins werden will. Zwischen ausgereiftem feinem Jazzvokabular und künstlerisch hochwertigen, entspannenden Arrangements beflüstert „Riveria“ ein erfrischendes Kopfkino, dass die Perspektive auf unsere und die eigene Weltsicht ganz ungezwungen neu zu definieren versucht. Inspiration liegt dabei nicht nur in den stimmigen musikalischen Linien und Stimmungen verwoben, sondern auch in sehnsuchtsvollen Liedtexten: „I close my eyes to see the world. I close my eyes to see you“. In diesem Song beschreibt Jessica Gall die Welt, die sie sieht. Vom Postmann, der den Liebenden Briefe bringt, vom Lehrer der sich nach Veränderung regelrecht verzehrt, von der ungeborenen Generation, vom zu später Stunde hart arbeitenden Familienvater, von einem versklavten Aufbegehrenden bis hin zur liebend umsorgenden Mutter, die ihren Sohn im Krieg verloren hat. Sie besingt Friedenskämpfer die sich keine Schuhe leisten können, den Unschuldigen in der Todeszelle, stellt einen Anwalt und einen Priester, sowie den Soldaten neben den Dieb… es ist spannend, den Gedanken von Jessica Gall aus ihrer Perspektive zu folgen.

Sehnsuchtsballade, ein loungiger Song der nie enden soll, ein frecher Countrytitel mit Südstaatenflair, gesungen von einer emanzipierten Frau: musikalische und thematische Gegensätze treffen bei „Riveria“ aufeinander, wie die Wellen des Meeres die Küste küssen. Songs, die das Leben geschrieben hat. Das Thema der Weite trägt sich dabei in pulsierenden Wogen über alle dreizehn Songs. Der Natur wird auf „Riveria“ viel Raum gegeben. „Ich war schon als junges Mädchen immer die, die mehr die Bäume liebte als nette Cafés, Veranstaltungen, Menschenmassen“ erinnert sich Jessica Gall. „Diese Weite, die Einsamkeit, ich kann gar nicht anders. Natur inspiriert mich.“

Das Repertoire an komplett selbst geschriebenen Songs hat Jessica Gall übrigens an Küsten in den USA, Frankreich, in der Türkei und im vertrauten Mecklenburg zusammengestellt. Unterstützt von der legendären Texterin und Musikerin Robin Meloy Goldsby und der Texterin Shannon Callahan sind abgerundete englische Texte entstanden, deren Geschichten und Gedanken in eine ganz eigene Welt locken. Unterstützt wurde Jessica Gall desweiteren von ihrem Pianisten, Produzenten und Lebensbegleiter Robert Matt.

Auch die Band begeistert. An den Gitarren hört man Daniel Stelter, Jo Ambros und Johannes Feige, der übrigens auch beim Abrunden der Arrangements beigetragen hat. Am E-Bass haben sich Edward Maclean und Björn Werra eingebracht, beziehungsweise Andreas Henze am Kontrabass. Die stimmigen und vielfältigen Drumspuren spielte Michael Grabinger ein. Besonders der dritte Titel, „Same Sky“ begeistert durch einen entspannend loungigen Sound, bei dem die Rhythmusgruppe vereint viereinhalb spannende Minuten herbeizaubert.

Daß Jessica Gall im letzten Jahr eine sehr nachdenkliche Zeit durchlebt hat, erfährt man im vierten Track, „Rain“. Dieser erinnert an die Sehnsucht nach einem erfrischendem Regen, der zu jeder Lebenszeit den Winter, den Schmerz und die vielen Tränen verwischen soll, der es aber nicht schafft, das Lächeln wegzunehmen, welches der Liebende tief im Herzen trägt. „There are seasons of surrender and reasons to give in, still I search between the raindrops for you.” Jessica Gall besingt berührend einen Regen, der auf die Straßen fällt, das Feuer auszulöschen versucht, und gnadenlos auf dem Gesicht brennt, gerade wenn man sich nach den warmen Tagen der Vergangenheit sehnt. Eine etwas optimistischere Version der Seelenbefreiung erlebt der Jazzliebhaber in der Ballade „Veranda“, die auf die offene See einlädt, und den Wunsch verstärkt, mit den Wellen in Richtung des endlos scheinenden Horizonts davon zu segeln.

Jessica Gall hat „Riveria“ beim Indielabel Herzog Records produziert, wie auch „Little Big Soul“ zuvor. „Damit hat sie jetzt im Vergleich zum bei einem Major Label entstandenen ersten Album sowohl musikalisch als auch künstlerisch weniger Vorgaben. Ihre eigene Stimme steht ihr einfach mal am besten.“ erklärt der Pressesprecher von Herzog Records. „Wir haben uns sofort in die Musik verliebt und wollten „Little Big Soul“ und „Riveria“ sofort produzieren. Jessica begeistert jedes Publikum mit ihrer unkompliziert-lässigen und meisterlichen Art zu singen – die Frau ist einfach bezaubernd!“
Auch während ihres Studiums hat Jessical Gall bereits Wert darauf gelegt, diese eigene Stimme entwickeln zu dürfen. Obwohl sie an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ Jazz studiert hat, nahm sie sich von Anfang an die Freiheit, in eine eher poppigere eigene Richtung zu gehen. Mit „Riveria“ sieht das Label einen neuen Höhepunkt ihrer musikalischen Laufbahn erfüllt – ein Repertoire, das besonders ehrlich und authentisch ist. Mit jedem einzelnen Song kann man die Sängerin und ihre Lebensphilosophie in einem reichen Repertoire an Gefühlszuständen spüren.

„Riveria“ ist für die entspannenden Stunden des Lebens entstanden, egal ob die Musik im Hintergrund oder ganz bewußt gehört wird. Die Dynamik der CD nimmt den Zuhörer auf eine Reise durch verschiedene Stationen des Lebens mit. Die Interpretation dieser scheint von der kunstvoll verspielten, aber entspannten und gesetzten Gesangsweise gefühlvoll umrandet. In einem ruhigen Fahrwasser sieht auch Jessica Gall selbst ihre vokale Vorstellung von rundum authentischer Musik erfüllt: „Shouten oder Belten liegt mir nicht, am Echtesten komme ich rüber, wenn ich mit meiner Stimme Geschichten transportieren kann.“

Die Ankündigung des Labels ist keinesfalls eine Übertreibung: „Riveria ist ein grandioser Sehnsuchts-Soundtrack, der sich über stilistische Barrieren von Pop und Jazz mutig hinwegsetzt und aus Berlin direkt in die Weite der Weltmeere entführt.“ Bin ja mal gespannt, ob beim sommerlich-erfrischenden Konzert heute abend in der Tonne der Dresdner Schnee zu schmelzen beginnt.

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