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Gift in b-Moll

Hätten sie später gestritten, die sächsischen Orgelfetischisten, nur ein paar Jahre später – sie wären mit ihrem Streit wohl vorm EU-Parlament gelandet. Und die Orgel würde bis heute keinen Laut von sich geben. Dabei wäre es aber nicht um die Nähe oder Ferne zum Silbermann-Original gegangen. Denn die Bürokratiker von Europas Gnaden haben jüngst eine neue Richtlinie erarbeitet, derzufolge Blei (lat. Plumbum) in Elektrogeräten künftig nicht mehr verwendet werden darf. Und bis auf einige wenige Orgeln in Dorfkirchen, wo die Töne noch kraftvoll per Blasebalg erzeugt werden müssen, gelten Orgel heutzutage fast durchweg als Elektrogerät.

In beinahe allen Orgelpfeifen steckt ein fein ausgewogenes Gemisch aus Zinn und Blei. Die richtige Verschmelzung der beiden Elemente sei das Geheimnis für den Klang der instrumentalen „Königin“, heißt es. Wenn nun Blei wegfallen würde, könnte dies akustische und schwerwiegend auch finanzielle Resultate nach sich ziehen. Denn eine Pfeife aus purem Zinn wäre wesentlich teurer als eine aus Zinn-Blei-Mixtur. Derzeit reicht der Bleigehalt pro Pfeife bis zu 90 Prozent. Von den Eurokraten lässt sich das nicht so sagen.

Bei den amusischen Schreibtischtätern mag man sich dennoch etwas gedacht haben. Gesundheitsschutz steht da wahrscheinlich obenan. Dumm nur, dass regelmäßige Kontrollen bei deutschen Orgelfabrikanten keine auffälligen Bleiwerte erbracht haben sollen. Und der pure Umweltschutz kann auch kein Argument sein, denn weder im Instrumentenbau noch bei Orgelkonzerten entweicht Blei. Warum dann also der Aufwand, der schon jetzt zu einem tönenden Aufstand all der Nachfahren von Silbermann & Co. führt? Bevor bald alle Register gezogen werden, klingt ein klein wenig Entwarnung in das Debakel hinein. Die mehrfach verschärfte Richtlinie betraf zunächst einmal bleihaltiges Lötzinn in elektronischen Bauteilen, soll mit einer Übergangsfrist bis 2019 aber auf die gesamte Elektrogerätschaft ausgeweitet werden. Horrorszenarien sehen gar schon die Reparaturaufträge historischer Orgeln flöten gehen. Und Schwarzmaler zeichnen die „Königin“ gar auf Sondermülldeponien. Bevor es so weit ist, besteht immerhin noch Abstimmungsbedarf. Und wenn alle Stricke reißen, stehen gewiss schon massenhaft Exporteure der chinesischen Volksrepublik sozusagen „Pfeife bei Fuß“ bereit.

Blei ist ein schweres Gift für den Menschen. Legierungen können bleibende Schäden auslösen. Brüssel und Strasbourg sind, was europäisches Regulieren betrifft, allererste Adressen. Meist sind die Eurokraten nur eine Last, manchmal aber auch lästiges Gift – für Mensch und Musik. Dresden kann froh sein, dass die Frauenkirche wieder so steht, wie sie steht. Einschließlich Orgel, Typ „nicht bleifrei“.

Bis nächsten Freitag –
Michael Ernst

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