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Dieser Wahnsinn hat Methode

Ein genialer Dirigent – mit einem dichtgepackten Zeitplan (Foto: Marco Borggreve)

Denjenigen, die der Musik wegen in die Semperoper gekommen waren, stand nach dem Konzert der Schweiß auf der Stirn. In atemberaubender Geschwindigkeit hatte Valery Gergiev das Orchester des Marinski-Theaters durch das "Heldenleben" von Richard Strauss gepeitscht. Wie mit dem Finger auf der "Fast Forward"-Taste der Fernbedienung dirigierte er, so dass der glitzernde Bilderbogen Strauss'scher Leitmotivik in- und übereinanderstürzte. Der Konzertmeister Kirill Terentyev sauste mit gepardengleicher Anmut durch die Soli; das immer wieder ahnungsvoll pochende Schicksalsmotiv jedoch verhallte lange Zeit ungehört. Kaum konnten nämlich die tiefen Bläser es dazwischenwerfen, schon knallten neue Korken anderswo. Eine impressionistisch duftende Zugabe wurde noch absolviert, dann eilten die Musiker schon wieder von der Bühne.

Wem die drei am Sonntag dargebotenen Werke nicht allzu tief ausgelotet erschienen, dem mag als Erklärung ein Blick in den Terminkalender des Maestros dienen. Am Freitag hatte Gergiev noch die Premiere von "Boris Godunow" am Marinski-Theater geleitet; am Samstagnachmittag das große Eröffnungskonzert seines "Weiße Nächte"-Festivals und noch am selben Abend einen weiteren "Boris" dirigiert, bevor die Musiker gen Dresden aufbrachen. Gestern waren die Rastlosen schon in Salzburg zu Gast. Ist dies schon Tollheit, hat es offenbar Methode: bis Ende Juni allein wird Gergiev seine Musiker durch weitere achtundzwanzig (!) Konzerte und Opernvorstellungen gelotst haben.

Sehr herzlicher Applaus für die Stippvisite in der Semperoper, aber auch einiges entgeistertes Kopfschütteln. Wie kann der disziplinierteste Musiker bei einem solchen Programm noch den einzelnen Werken gerecht werden? Antwort: eigentlich gar nicht. Die Erkenntnis, und leises Erschrecken: dieses rasende "Heldenleben" war der autobiografisch gefärbte Hilferuf eines genialen Dirigenten, der seine Gesundheit schon seit Jahren der Kunst opfert.

Eine Textfassung des Artikels ist am 29. Mai in der Sächsischen Zeitung erschienen. Wir danken dem Verlag für die freundliche Genehmigung, ihn hier erneut abdrucken zu dürfen.

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