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Die Quote, die Quote, die Quote!

Nach zwei Wochen Urlaub ist der Chefredakteur wieder daheim, und in der Landeshauptstadt toben – nein, nicht die Mäuse, es tobt der Quotenkampf! Von wegen "Menschen, Tiere, Sensationen" – nur die wenigsten wissen, dass dieser Film mit dem inzwischen geflügelten Titel in Dresden, nämlich im Zirkus Sarrasani spielte – nein, es geht um Zahlen, Haushalt, Subventionen.

Bad luck für Dresdens Finanzbürgermeister, dass der Erscheinungstermin des populistischen Buches "Der Kulturinfarkt" zusammenfiel mit seinen immer verzweifelteren Versuchen, die Finanzierung der von der Stadt geplanten Kulturprojekte – beziehungsweise weitere Kürzungen derselben – irgendwie darstellbar zu machen. Lese ich den Haushaltsplan der Landeshauptstadt richtig, steht im Jahr 2011 ein Ertragsergebnis aus Grund- und Gewerbesteuern, dem Gemeindeanteil von Einkommens- und Umsatzsteuer usw. von über einer Milliarde Euro, nämlich 1152771790 Euro, auf dem Papier (genauer: auf S. 105).

Hartmut Vorjohann argumentiert nun, für Kitas, Kulturpalast und Kulturkraftwerk habe die Landeshauptstadt aus diesem Einnahmetopf am Ende irgendwie zu wenig Geld übrig. Man müsse Prioritäten setzen! Konkret sei eine Finanzierungslücke von 35 Mio. Euro beim Kulturpalastumbau entstanden; beim Kulturkraftwerk Mitte fehlen etwa 20 Millionen. Nun sollen wir uns doch das Kraftwerk erst einmal sparen und das dafür vorgesehene Geld in den Kulturpalast, in die Kitas und eine Sanierung der Operette in Leuben verwenden. Eijeijei, und auch der Rathausumbau koste – huch! – auf einmal mindestens acht Millionen mehr als noch vor Jahresfrist realistisch veranschlagt.

Ganz vergessen zu haben scheint Vorjohann, dass das Operetten-Ensemble seit Jahren auf einen Teil der Gehälter verzichtet, damit die Stadt endlich eine annehmbare Spielstätte in der Stadtmitte schafft. Dieses Geld muss die Stadt zurückzahlen, wenn's mit diesem Bau nicht klappt. Lese ich Ernst Theis' Aussage richtig, dass es sich hier um etwa 15 Millionen Euro handelt? Schon fast egal – die Finanzspielereien der Bürgermeister werden jedenfalls von außen betrachtet immer hilfloser und panischer. Der Kreuzkantor sieht zudem durch die Pläne der Stadtverwaltung, Mittel aus der Stiftung des Chors umzuschichten, um den Kulturpalastbau doch noch irgendwie zu schultern, die dringend benötigten Um- und Anbauten des Alumnats gefährdet, und erwartete "ein sofortiges Gespräch mit der Oberbürgermeisterin". Frau Orosz jedoch ist dieser Tage vielbeschäftigt, auch zu einer Bürgerversammlung über den Pillnitz-Eintritt konnte sie leider, leider nicht erscheinen.

Der Redaktion von »Musik in Dresden« wurde unterdessen von anderer Seite eine Anzeigenkooperation angeboten: man liefere einen fertigen, mit Anzeigenlinks über Trachtenmode gespickten "Artikel" für uns; dafür würde »Musik in Dresden« in einem Startup-Artikel der Financial Times Deutschland erwähnt. Das klingt äußerst verlockend und grundsolide – wir denken darüber nach, versprochen.

Die Semperoper-Intendantin und ihr "Neuer", der designierte Chefdirigent, sind der kulturpolitischen Enge der Landeshauptstadt unterdessen temporär entfleucht – wenn meine Informationen richtig sind, in einer gesponserten Luxuskarosse der Marke Volkswagen – und nach Salzburg gereist. Dort haben sie heute auf einer Pressekonferenz die Pläne für die Salzburger Osterfestspiele 2013 vorgestellt, auf der die Dresdner Staatskapelle bekanntlich als neues Orchester "in Residence" aufspielen wird. Die gute Nachricht: die Kartenpreise für Oper und Orchesterkonzerte wurden "insgesamt spürbar reduziert", nämlich um 6,5 Prozent. Für die Opernvorstellungen bewegen sie sich "nunmehr zwischen 70 und 490 Euro, jene für Orchesterkonzerte zwischen 30 und 220 Euro." 

Wir schließen trotzdem mit einem Quotendesaster und einer traurigen Meldung: die Harald Schmidt Show wird Anfang Mai eingestellt. Mit Gästen wie Anne-Sophie Mutter, Julia Fischer, Cameron Carpenter oder Klaus-Florian Vogt kann man eben in Deutschland keine "Quote machen". Auch diese Nachricht fällt zufällig zusammen mit einer anderen Hiobsbotschaft, das Fernsehen betreffend: bei der Ausstattung von Sozialwohnungen soll künftig kein Fernseher mehr bewilligt werden, da er "für eine geordnete Lebensführung" nicht erforderlich sei.

Auch schicke Trachtenmode müssen Hartz-IV-Empfänger selbst bezahlen.

Herzlich, bis Mittwoch,
Martin Morgenstern

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