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„Wahre Kreativität wird erstickt“

Herr Prof. Rademann, die Bach-Akademie Stuttgart hat Sie kürzlich als ihren designierten Leiter vorgestellt. Schildern Sie kurz, wie es dazu kam?

Foto: netzwerk projektziel

Eine Findungskommission suchte letztes Jahr einen geeigneten Nachfolger für Helmuth Rilling; die Jury hatte mich vorgeschlagen. Damit war ich in einem großen Konflikt. Ich hatte ja genug erfüllende Arbeit und sah auch keinen Anlass, diese einzuschränken. Da man aber meines Erachtens eine so interessante und ehrenvolle Aufgabe nicht einfach so ablehnen kann, fuhr ich daraufhin im Mai nach Stuttgart. Das Fazit unseres Gesprächs war: "Sie sind ein interessanter Kandidat, aber es ist ungewiss, ob Sie kommen." Man sah meine vielen anderen Verpflichtungen. Später führte ich weitere Gespräche mit Vertretern von Stadt und Land, natürlich auch mit Helmuth Rilling selbst. Irgendwann kam dann der Anruf: "Wir wollen Sie!". Sicher, mir wäre die Position ab 2015 lieber gewesen, denn dann läuft mein Vertrag beim RIAS Kammerchor aus. Ich habe in Stuttgart klar gemacht, dass ich meine Berliner Arbeit nicht vorzeitig beenden werde.

Vor einigen Wochen wurden Zerwürfnisse zwischen Helmuth Rilling und dem Vorstand der Akademie öffentlich; nachdem der Vertrag des Intendanten nicht verlängert wurde, drohte Rilling am Ende mit Rücktritt, sollte der Vorstand nicht seinerseits abtreten. Inzwischen sind die Wogen wieder geglättet, dennoch: hat Sie die unklare Lage der Intendanz bei Ihrer Entscheidung beeinflusst?

Es gab Spannungen, das stimmt. Die Entscheidung, was einen neuen Intendanten betrifft, ist eine Vorstandsangelegenheit. Der Vorstand hat einstimmig beschlossen, dass der Vertrag von Christian Lorenz nicht verlängert wird; Helmuth Rilling war sehr enttäuscht darüber. Ein neuer Intendant wird aber hoffentlich bald gefunden. In meinem Vertrag steht, dass ich mit ihm einverstanden sein muss.

Der Dresdner Kammerchor – hier bei einer Aufführung der h-Moll-Messe in der Annenkirche – wird seinen Leiter zukünftig wohl seltener sehen (Foto: Morgenstern)

Schon jetzt teilen Sie Ihre Zeit auf zwischen der Leitung zweier renommierter Chöre, der Intendanz des Musikfests Erzgebirge und einer Professur für Chordirigieren an der Dresdner Musikhochschule. Wer muss zurückstecken, wenn ab 2013 die Leitung der Bach-Akademie hinzukommt?

Ich werde mich definitiv von einigen Aufgaben trennen müssen, oder diese reduzieren. Meine zweite Amtszeit beim RIAS Kammerchor werde ich zu Ende führen; aber der Vertragsumfang wird auf ein realistisches Maß reduziert. Auch das Musikfest werde ich weiter leiten. Und ich werde auch die Schütz-Gesamtaufnahme mit dem Dresdner Kammerchor bis 2017 fertig stellen. Das sind ja allesamt reizvolle und bedeutsame Aufgaben, hinter denen auch meine persönliche Leidenschaft steht, und an denen mein Herz hängt.

Ihr Vertrag in Stuttgart läuft für mindestens sieben Jahre; wird die Stadt Ihr Lebensmittelpunkt?

Ja. Wir werden nach Stuttgart ziehen, werden uns sicher umgewöhnen müssen. Mit Dresden verbindet mich ja vieles, hier war ich Kruzianer, habe studiert, in Radebeul haben wir ein wunderschönes Haus. Glauben Sie mir, der Umzug fällt mir nicht leicht. Mit der Entscheidung, von hier wegzugehen, habe ich mich sehr lange gequält. Ich habe viele Dinge innerlich aufgelistet: die Dresdner, die Berliner Situation analysiert, habe mir Chancen und Risiken des Stuttgarter Angebots durch den Kopf gehen lassen. Aber letztlich überwog die künstlerische Perspektive, die sich mit der Leitung einer solchen, weltweit agierenden Institution auftat.

Was hat Stuttgart Dresden denn voraus?

Die Bach-Akademie ist schon eine geniale Erfindung. Zum einen ist das Helmuth Rilling zu danken; zum anderen den kulturzugewandten Förderern bei Stadt und Land, und auch den privaten Geldgebern, unter denen sich nicht nur Sponsoren, sondern auch großzügige Mäzene befinden.

Trotzdem: warum muten Sie sich diesen harten Schnitt zu – waren Ihre beruflichen Perspektiven in Dresden so eingeschränkt?

Rademann im Gespräch mit Zuhörern (Foto: Morgenstern)

Nachdem ich für mich beschlossen hatte, als Chefdirigent des RIAS Kammerchores 2015 aufzuhören, stellte ich mir schon die Frage: was kommt danach? Es wäre schön gewesen, in Dresden eine vergleichbare Perspektive entwickeln zu können. Aber realistisch betrachtet ist das undenkbar. Ich hätte mir gewünscht, dass man im kulturpolitischen Bereich – ich spreche da beileibe nicht nur für mich, auch für andere – erkennt, wo chancenreiche Dinge vorhanden sind und denen eine Leuchtturmfunktion für die Stadt gibt. Das hätte zur Folge, dass das gesamte Kulturkonzept mehr florieren würde, und die Leute sich nicht am Rand der absoluten Selbstausbeutung verschleißen. Das Entwicklungspotential für den freien Kulturbereich ist in Dresden sehr gering, weil er – ungeachtet aller Qualitätskriterien – von Neiddebatten beherrscht wird. Das hilft niemandem, und erstickt wahre Kreativität. Ungeachtet dessen hat sich der Dresdner Kammerchor inzwischen zu einem Ensemble der internationalen Spitzenklasse entwickelt. Dies wird außerhalb auch so wahrgenommen. Ich verweise da nur auf unsere Gastspiele, wie etwa diesen Sommer in Salzburg oder die erfolgreiche Zusammenarbeit mit Dirigenten wie Riccardo Chailly oder Ádám Fischer.

Was werden Ihre ersten künstlerischen Schritte in Stuttgart sein?

Nach dem jetzigen Stand sollen im April 2012 die Planungen beginnen. Ich antworte Ihnen, was ich schon bei der Pressekonferenz sagte: Es kann auf keinen Fall sein, dass die Mitarbeiter in Stuttgart aus der Zeitung erfahren, was ich plane. Aber natürlich sind Gedanken schon da, und es sind schöne, interessante Ideen. Die Bach-Akademie ist im Grunde genommen eine Institution, wo Forschung, Musikvermittlung und Konzerttätigkeit eine gute Balance haben. Das soll so weitergehen. Allerdings muss ich auch sagen: es ist keine leichte Aufgabe, dieses bedeutende Musikzentrum als Nachfolger eines Künstlers wie Rilling weiterzuführen. Da hoffe ich auf die nötige Unterstützung der Mitarbeiter, Musiker und Geldgeber. Und ich wünsche sie mir natürlich auch von meinem Vorgänger.

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