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„!!! aus.“

Drei Ausrufezeichen statt „Rigoletto“. Der Arbeitskalender von Fritz Busch erhielt in der zweiten Märzwoche 1933 einen schwungvollen Eintrag. Das handschriftliche Wörtchen „aus.“, doppelt unterstrichen, bezeugt das vorläufige Ende einer Karriere. Sechs Tage vor seinem 43. Geburtstag ist der aus Siegen stammende Maestro vom Pult der Sächsischen Staatskapelle Dresden vertrieben worden. Mehr als zehn Jahre lang prägte der Generalmusikdirektor die Geschicke der Semperoper und das musikalische Leben der Stadt an der Elbe. Dafür verweigerte er sich dem Ansinnen der allerhöchsten Nazi-Führung, als Vorzeigekünstler ans Deutsche Opernhaus nach Berlin zu kommen.

Das Aus kam am 7. März 1933. SA-Horden stürmten die am selben Nachmittag erstmals mit Hakenkreuzfahnen beflaggte Semperoper und hinderten Fritz Busch am Dirigat des „Rigoletto“. Bis auf zwei Geiger, die stumm den Graben verließen, haben alle Orchestermusiker und das gesamte Sängerensemble die Vorstellung dennoch – unter der Leitung des rasch eingewechselten Kapellmeisters Kurt Striegler – stattfinden lassen. Das Publikum, nach erst einmal lautstarkem Protest, hat die brutale Farce ebenso akzeptiert wie die am selben Tag erfolgte Uniformierung aller öffentlichen Gebäude mit dem Hakenkreuz. Für Fritz Busch, der 1920 erstmals in Dresden gastierte – diese Tage pries er als die „schönsten meines Lebens“ – und zwei Jahre später zum GMD gekürt worden ist, muss eine Welt zusammengebrochen sein, in der es um mehr als nur das eigene Karrieredenken ging. Die Früchte eines arbeitsreichen (um die einhundert Opernvorstellungen per annum!) und glücklichen Jahrzehnts – „eine Zeit des Lernens, Reifens und manchmal des Gelingens“ – wurden plötzlich mit Stiefeln getreten. Der braune Mob scherte sich nicht um künstlerische Meriten. Sein willfähriges Fußvolk hat es ihm gleichgetan.

Sämtliche Dresdner Aufnahmen unter Fritz Busch, die in der Zeit von 1923 bis 1932 entstanden, liegen der Nachwelt auf CD vor. Allein dies ist eine bemerkenswerte Leistung der Edition Günter Hänssler, die sich seit einigen Jahren um historische Einspielungen der Sächsischen Staatskapelle verdient gemacht hat. Herausgegeben in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Rundfunkarchiv und dem MDR-Kulturprogramm „Figaro“, gab es für diese Serie zwar wiederholt Anerkennung, doch wird kaum auf nennenswerte Markterfolge zu rechnen sein. Mit Volume 30 der Edition Staatskapelle Dresden, auch die wohl eher für interessierte Liebhaber, ist nun ein Großteil der Busch-Ära authentisch nacherlebbar. Zu hören ist da ein recht bunter Querschnitt von Mozart, Tschaikowski und Wagner, Smetana, Strauß und Strauss. Neben rein akustischen Aufnahmen aus der Zeit um 1923 finden sich, dank fortgeschrittener Technik, elektrische Aufnahmen von 1926 bis hin zur Licht-Tonspur der „Tannhäuser“-Ouvertüre von 1932 aus dem Kinofilm „Fritz Busch dirigiert die Staatskapelle Dresden“. Zusätzlich zu Bonus-Tracks gibt es die zweite Brahms-Sinfonie in einem Gastspiel in der Berliner Philharmonie, ein damals vom Berliner Rundfunk originalübertragenes Hörerlebnis der auch heute besonderen Art. Denn diese Aufnahmen basieren auf restaurierten Matritzen der Reichs-Rundfunk-Gesellschaft.

Das klingt dann schon beinahe sauber, vom fast atemraubenden Polterfinale im Allegro con spirito einmal abgesehen; die älteren Einspielungen hingegen lagen ursprünglich auf Grammophonplatten vor und sind trotz aufwändigster Behandlung nicht gänzlich rauschfrei zu genießen. Das aber macht die Sache eher authentisch, wie auch die teils forcierten Tempi von Busch eben zugleich auf die Frühzeit der musikalischen Moderne verweisen und von historischer Interpretation künden. Einzige Ausnahme: Die „Fledermaus“-Ouvertüre ist zwar sehr heiter gehalten und klingt in ihrer Differenziertheit fast heutig. Doch kurz vorm Finale werden die Streicher derart getrieben, dass an abschüssig glattes Parkett zu denken ist.

Es fällt auf, wie sehr sich das aktuelle Musikverständnis im Opernfach gewandelt hat, insbesondere Orchesterstücke aus der „Zauberflöte“ und den „Meistersingern“ muten arg verstaubt an – was sie als klingendes Zeugnis umso interessanter und erhaltenswerter macht. Die dieser Edition beigefügte DVD mit dem erwähnten „Tannhäuser“-Tonfilm und nachträglichen Dokumentationen erhellen sowohl Buschs Herangehen an Wagner als auch den nunmehr sorgsamen Umgang mit seiner Hinterlassenschaft, die sein kurzzeitiger Nachfolger Giuseppe Sinopoli 1998 in einer berührenden Ansprache „Willkommen daheim“ würdigte.

Nicht zuletzt ist auch das deutsch- und englischsprachige, fast zweihundert Seiten starke Booklet so spannend wie informativ. Technisch interessante Details hinsichtlich des damaligen Standes von Tonaufnahme und -wiedergabe sind allgemeinverständlich dargestellt, vor allem aber wird die in der deutschen Zeitgeschichte eingebettete Biografie von Fritz Busch nachhaltig verdeutlicht. Als späte Wiedergutmachung wurde der Dirigent anlässlich seines 100. Geburtstages 1990 posthum zum Ehrenmitglied der Staatskapelle ernannt.

 

Fritz Busch – Sämtliche Dresdner Aufnahmen 1923 – 1932
Edition Günter Hänssler bei Profil Medien GmbH PH 07032
Gesamtspieldauer 3 CDs ca. 140 Min. und 1 DVD 95 Min.
Edition Staatskapelle Dresden Vol. 30

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