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Unter acht Augen

Foto: Matthias Creutziger

Ein Vierteljahrhundert ist sein letzter Besuch in der Semperoper her; dementsprechend herzlich rauschte der Willkommens-Applaus für Maurizio Pollini am Wochenende. Die Klavierlegende hatte vor Jahresfrist mit Christian Thielemann in München konzertiert und mit dem anmutigen Mozart-A-Dur-Konzert KV 488 Ovationen eingeheimst. Mit der Wahl des mit Wucht einherschreitenden, oft genug mächtig theaterdonnernden d-Moll-Klavierkonzerts von Johannes Brahms hatte sich Pollini indes einiges aufgebürdet. Wie oft mochte der Pianist das virtuose Konzert in den vergangenen fünfzig Jahren schon interpretiert haben? An Erfahrung, an der langen Linie mangelte es ihm gewiss nicht; wohl aber wackelten diesmal vertrackte Triller-Figuren, einzelne Oktavleitern schwankten gefährlich, und das leidenschaftlich dahinströmende Orchester musste von Thielemann zweimal sacht gebremst werden, damit der Solist nicht auf der Strecke blieb. Das Publikum schien denn wohl mehr die physische Ausnahmeleistung des fast Siebzigjährigen belohnen zu wollen, der seinerseits ergriffen für den nicht enden wollenden Applaus dankte, zu einer Zugabe jedoch keine Kraft mehr fand.

Was neben einer in mustergültigen Proportionen ausmusizierten Brahms’schen "Tragischen Ouvertüre" vom aktuellen Konzert in jedem Fall als einzigartig im Gedächtnis bleiben dürfte, ist Max Regers "romantische Suite" nach Gedichten von Joseph von Eichendorff. 1912 von Ernst von Schuch in Dresden uraufgeführt, bot sie den Kapellmusikern vom impressionistisch angehauchten Beginn bis zum volltönend schwelgerischen Finale zahlreiche Gelegenheiten, sich auszuzeichnen. Allen klassikbegeisterten Fernsehzuschauern sei es gegönnt, in Surround-Sound nachzuerleben, wie die Musiker unter ihrem künftigen Chef stilistisch traumwandlerisch, mit Spannkraft und in den duftendsten Klangfarben begeisterten. Aber die nicht weniger als sechs blinkenden, hin und her-, auf und abschwenkenden Kameras auf der Bühne – und weitere im Rang – störten das ganzheitliche Kunsterlebnis doch erheblich. So wichtig die mediale Verwertung der Traumhochzeit Thielemann-Staatskapelle auch sein mag: Hier müssen optisch zurückhaltendere Möglichkeiten gefunden werden, sonst ist das intime Verhältnis von Musikern, Dirigent und Saalpublikum schnell zunichte.

Eine Textfassung des Artikels ist am 15. Juni in der Sächsischen Zeitung erschienen. Wir danken dem Verlag für die freundliche Genehmigung, ihn hier erneut abdrucken zu dürfen.

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