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Ein Wunder wird Fünfzig

Symbolischer hätte diese Jubiläumsgala nicht zu Ende gehen können. Als das Publikum das Opernhaus in Stuttgart verließ war der neue Tag schon eine knappe Stunde alt, es war zudem der erste einer neuen Woche, und wie die Plakate zum Jubiläum in digitaler Ansicht zeigen hat das Jahr 51 des Stuttgarter Balletts bereits begonnen. Gefeiert wird drei Wochen lang mit Ausschnitten aus dem reichen Repertoire, mit Gastspielen aus Amsterdam, aus Hamburg und Flandern, mit Runden der Erinnerungen, mit Diskussionen, einer internationalen Konferenz der Ballettdirektoren, einem Jugendprojekt und einer Matinee der John Cranko Schule. Von zukunftsweisender Symbolik auch, dass zu Beginn der großen Jubiläumsgala alle 73 Schülerinnen und Schüler sich in einer Reihe von Etüden vorstellen zu deren Höhepunkten die Sprungvarianten junger Tänzer gehören. Und ganz logisch, vom überwältigenden Eindruck zu schweigen, dann der Höhepunkt des Eingangsdefilees wenn mit Nachwuchs und der ganzen Kompanie 150 Tänzerinnen und Tänzer auf der Bühne stehen.

Ein überwältigender Eindruck: 150 Tänzer auf der Bühne (Fotos: Stuttgarter Ballett)

Wer hätte das gedacht vor 50 Jahren, als Stuttgarts mutiger Intendant Walter Erich Schäfer einen bislang eigentlich nur in Fachkreisen bekannten Tänzer und Choreografen, der in Südafrika geboren wurde und in London lebte, vom dortigen Royal Ballet, in die Hauptstadt des Schwabenlandes holte. Ballett, da waren doch längst andere Städte wieder ganz vornan, Paris, London, Moskau, Leningrad oder New York. Und es war ja auch nicht so, dass sich die Blicke der Tanzwelt schlagartig 1961 nach Stuttgart richteten, als John Cranko zum Ballettdirektor am Staatstheater wurde. Zunächst gibt es Übernahmen seiner britischen Arbeiten, die Reaktionen sind zurückhaltend, doch dann gewinnt der Neue, nicht zuletzt durch seine kommunikative Ausstrahlung in bis dahin unbekannten Werkstattgesprächen etwa, immer mehr, vor allem neues Publikum. „Warmherzig“ gehe es zu und „familiär“ so die Presse damals und schon sind Namen im Gespräch, die Tanzgeschichte bedeuten, Birgit Keil, Marcia Haydée, Ray Barra, Richard Cragun und Egon Madsen. „Doch die eigentliche Geburtsstunde dessen, was wir heute das Stuttgarter Ballett nennen, schlug dann am 2. Dezember 1962: die Premiere von Crankos Choreografie zu Prokofjews „Romeo und Julia“ mit der Ausstattung von Jürgen Rose“, erinnert sich der Nestor deutscher Ballettkritik, Horst Koegler. Bald war man nicht nur in Stuttgart im regelrechten Tanztaumel über diese so bewegend erzählte Geschichte der Liebenden von Verona; dieses Shakespeare-Ballett begründete den Ruf vom Stuttgarter Ballettwunder und fortan hatte die Bundesrepublik Deutschland einen Kulturbotschafter, dem die Sympathien weltweit nur so zuflogen. Dresden gehörte auch zu dieser Welt.

Im Oktober 1965 tanzten beim Gastspiel im Großen Haus Marcia Haydée und Richard Cragun jene Partien mit denen beide bis heute identifiziert werden, sie sind Romeo und Julia. Wer keine Karten bekam, ging ins Kino; der Film war egal, den kurzen Ausschnitt im DEFA-Augenzeugen wollte man sehen, die berühmte Balkonszene. Es sollten einige Jahre vergehen, 1993 kamen die Stuttgarter wieder nach Dresden, wieder triumphierten Marcia Haydée und Richard Cragun, diesmal in John Neumeiers genialer Choreografie „Endstation Sehnsucht“ nach Tennessee Williams. Neumeier gehört wie Jirí Kylían, Uwe Scholz oder William Forsythe zu jener Gruppe bedeutender Choreografen, deren Weg in Stuttgart begann, mehr oder weniger intensiv und direkt in der Begegnung mit John Cranko, der leider schon am 26. Juni 1973 nur 46jährig auf dem Rückflug von einer erfolgreichen USA-Tournee irgendwo über dem Atlantik starb.

Neumeier und Scholz haben Entscheidendes zur Entwicklung des Balletts in Dresden beigetragen, Forsythe und seine Kompanie gelang es sogar an die Stadt zu binden mit regelmäßigen Residenzen in Hellerau. So finden sich die Spuren aus Stuttgart nach 50 Jahren weltweit in den Balletten und Tanzzentren. Sie sind so unterschiedlich wie ihre Geschichte am Ort ihres Ursprunges. Hatte es schon Cranko verstanden die Möglichkeiten des Tanzes auszureizen und neue Formen, vor allem Kreationen zu neuer Musik gleichberechtigt zu den großen dramatischen Tanzwerken nach Shakespeare oder Puschkin zu stellen, so ist das bis heute möglich gebelieben. Die Treue zum Bewährten eröffnet den Raum für das Experiment. Vor allem, dafür stehen jüngere Choreografen wie Christian Spuck und Marco Goecke, auch im Hinblick auf die stetige Neuerfindung von Handlungsballetten wie „Lulu. Eine Monstertragödie“, „Leonce und Lena“ von Spuck oder „Orlando“ von Goecke.

In diesem Sinne und letztlich auch in Crankos Sinne gestaltete sich die fünfstündige Jubiläumsgala nach der ersten Festwoche. Man blickte gerne mit einigen Beiträgen zurück und war erstaunt wie sie uns heute packen, etwa der Pas de deux aus Crankos „Onegin“ von 1965, Neumeiers „Othello“ von 1985, die Choreografie von Uwe Scholz, die er ein Jahr später zu Mozarts Klavierkonzert „Jeunehomme“ schuf. Man rieb sich die von Sanftheit gerührten Augen bei der ersten Choreografie von Forsythe, „Urlicht“ von Gustav Mahler, 1976. Man war vergnügt im tänzerischen Übermut der Gegenwart, „May Way“ von Stephan Thoss, merkt man nicht an, dass die Uraufführung schon 1992 in Dresden stattfand. Eine wunderbare Clownerie mit doppeltem Boden ist das etwas mehr als ein Jahr alte „Ständchen“ von Christian Spuck oder der augenzwinkernde Geniestreich „Fancy Goods“ vom 1. April 2009, den Marco Goecke dem Stuttgarter Publikumsliebling Friedemann Vogel auf den Leib choreografierte. Dazu die Gäste aus Peking vom Nationalballett, vom Australian Ballet, dem Wiener Staatsballett, aus Karlsruhe, vom Ballet de Santiago de Chile und dem National Ballet of Canada.

Einer der Gala-Höhepunkte: "FANFARE LX" (Choreographie: Douglas Lee, Tänzer: Anna Osadcenko, Evan McKie)

Vladimir Malakhov, dessen Weg zum Welterfolg in Stuttgart begann, berührt mit seinem Solo als sterbender Schwan. Egon Madsen war schon vor 50 Jahren dabei, Eric Gauthier kam erst 1996 nach Stuttgart. Inzwischen sind beide bei der freien Kompanie Gauthier-Dance am Theaterhaus. Charmanter konnte man sich des Genius loci nicht erinnern als in ihrem Beitrag „Dear John“, das ist ein getanzter Liebesbrief, der lächelnd zu Herzen geht. Glaubte man nach fünf Stunden hier sei nichts mehr zu überbieten, so hatte der Intendant des Balletts, Reid Anderson, doch noch eine Überraschung. Er bat alle ehemaligen Tänzerinnen und Tänzer der Kompanie, die gekommen waren auf die Bühne, alle Lehrer der Schule dazu, und sie kamen, an die 200 Tänzerinnen und Tänzer, darunter die schon genannten Ikonen der Stuttgarter Wunder-Geschichte. Aus dem Bühnenhimmel kommen bunte Luftballons, wenn sie platzen klingt es als flögen die Sektkorken, da kann doch der Cranko nicht weit sein, der auch deshalb so beliebt war, weil er streng war in der Arbeit, beim Feiern aber gerne über alle Stränge schlug…

Eine Textfassung des Artikels ist am 18. Februar in den Dresdner Neuesten Nachrichten erschienen. Wir danken dem Verlag für die freundliche Genehmigung, ihn hier erneut abdrucken zu dürfen.

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