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Träume mit Praxisbezug – Eytan Pessen ist neuer Operndirektor an der Semperoper

Frisch, kommunikativ, vor allem innovativ geht man auf das Publikum zu. So beginnt die neue Saison der Semperoper. Zeichen dafür, dass die Verantwortlichen für das Flaggschiff Sächsischer Hochkultur wissen, dass es keinen Sinn mehr macht kulturelle Ansprüche lediglich in den immer unerreichbarer werdenden Gefilden überholter bildungsbürgerlicher Ideale und Rituale zu verorten? Es hat den Anschein, als bevorzuge das frische Team um Intendantin Ulrike Hessler Volldampf eher als erhabene Höhenflüge.

"Wiederholung ist die Mutter der Kunst", und Pessen der Vater des künstlerischen Programms an der Semperoper (Foto: M. Creutziger)

 

Zum neuen Team gehört der neue Operndirektor. Er kommt mit einem Schatz an Erfahrungen, die er z.B. an der Stuttgarter Staatsoper – mehrfach Opernhaus des Jahres – sammeln und am aktuellen Erfolgsopernhaus in Frankfurt erweitern konnte. Zuletzt stellte er als Verantwortlicher für das Musikkonzept im Kulturhauptstadtjahr Ruhr 2010 seine Talente unter Beweis. Jetzt ist der in Israel geborene Eytan Pessen in Dresden. Als wir uns zum Gespräch treffen ist das Arbeitszimmer noch spartanisch eingerichtet. Aber der Flügel ist da, er ist gestimmt und die Arbeit kann beginnen. Noch ein paar Takte davon bevor wir sprechen. Pessen, ein geschätzter Liedbegleiter und Korrepetitor, probt mit einer jungen Sängerin das Finale einer Arie. Alles o.k, aber der Schlusston, so bemerkt er freundlich, der kommt noch nicht an. Wiederholung ist die Mutter der Kunst. Manchmal hilft ein einfaches Bild. Die Sängerin solle mit dem letzten Ton ankommen wie am Ziel einer Straßenbahnfahrt; da bin ich, und Schluss! Der Pianist gibt mit zwei Händen ein ganzes Orchesters, die Körpersprache illustriert die Emotion der Fahrt und die Endgültigkeit der Ankunft, und welches Glück, das ist jetzt zu hören.

Und jetzt kann ich fragen. Was denn ein Operndirektor so zu tun habe etwa. Bei ihm laufen künstlerische Planungen zusammen. Er muss in den vorhandenen Strukturen und allem was darin an Traditionen und Erbstücken enthalten ist, immer wieder neue Entwicklungen voranbringen. Die Achtung vor dem Repertoire gebietet dessen Pflege aber keine pure Konservierung. Lebendigkeit ist gefragt, das heißt zu proben, neu zu besetzen, einzufügen in den Spielplan bestenfalls sinnmachende Korrespondenzen zu neuen Positionen herzustellen. Der Operndirektor ist an der Premierenplanung wesentlich beteiligt, Sängerbesetzungen müssen wohl überlegt sein. Er hält nicht viel davon für eine knappe Serie kurzfristig Stars einzufliegen, er ist von den Chancen langfristiger Zusammenarbeit überzeugt. Sänger können mit ihren Partien sich entwickeln und das Publikum hat mehr Chancen die Facetten eines Ensembles und damit auch die eines Stückes zu entdecken. Ähnlich verhält es sich bei der Auswahl und Bindung von Dirigenten und Regisseuren. Sicher, man kommt nicht daran vorbei auch in Koproduktionen zu arbeiten, aber zu einer Durchlaufbühne von Versatzstücken temporärer Regiemoden sollte die Semperoper nicht werden. Und natürlich ist das A und O der guten Arbeit eines Operndirektors die Kommunikationsfähigkeit im Team. Da sieht er aber keine Probleme, vor allem im Hinblick auf die Chancen der Zusammenarbeit mit Intendantin. Sensibilität ist gefragt in der angemessenen und anerkennenden Arbeit mit langjährigen Sängerinnen und Sängern des Ensembles, bei der Schaffung von Startpositionen für das junge Ensemble und dann vor allem das Gespür für die werkimmanente und persönlichkeitsbezogene Zusammenstellung des Ensembles einer Neuproduktion. Und hier sind dann alle im Boot, Orchester, Bühne, Sänger, Technik alle Gewerke. Kurz Operndirektion ohne Sachkenntnis, Fingerspitzengefühl, Herz und Humor, unmöglich.

Nicht zu vergessen, es gibt Publikumsansprüche. Die Balance gilt es zu halten, zwischen Bewährtem und dem was allgemeinem Geschmack entspricht – es kommt ja auf die Qualität an – und den weniger bekannten Stücken. Da kann nicht immer die totale Auslastung allein zählen, Stücke wie „Cardillac“ oder „Penthesilea“, noch dazu in so anspruchsvoller Präsenz, gehören auf die Dresdner Opernbühne. Und programmatisch wird mit der Uraufführung der Dresdner Fassung von Hans Werner Henzes neuestem Opus „Gisela! Oder: Die denk- und merkwürdigen Wege das Glücks“ dieser Ansatz auch unter Eytan Pessens Direktion fortgesetzt. In Dresden muss man das Rad der Oper nicht neu erfinden, man muss auch nicht beständig darüber stöhnen, dass mit dem touristischen Publikum nicht immer nur die Fans und Spezialisten ins Haus kommen. Man hat hier tolle Voraussetzungen. Musisches Klima, allgemeine Anerkennung künstlerischer Arbeit, das ist ein Fundament, darauf gilt es aufzubauen, behutsam ja, aber kreativ vor allem, auch im Umgang mit den Ressourcen, die in finanzieller Hinsicht jedenfalls begrenzt sind. Es folgt keine Klagelitanei, das ist sympathisch. Ich habe den Eindruck, der neue Operndirektor ist so voller Elan und Begeisterung, dass derzeit für Klagelieder, künstlerische ausgenommen, in seinem Repertoire gar kein Platz ist.

Das nämlich hat er sich nach seinem Abschluss als Solopianist an der Universität in Tel Aviv, weiteren Studien in Philadelphia, Konzerterfahrungen und nicht zuletzt in der sagenhaften Stuttgarter Zeit während der Intendanz von Klaus Zehelein mit Lust und Enthusiasmus erarbeiten können. Hier gingen ihm noch einmal die Augen und die Ohren weit auf für die Welt, vor allem für die Weltsicht, die man mit dem Medium des Musiktheaters erfahren und weitergeben kann. Wo kommen denn sonst Erinnerungen, Erfahrungen in Klang und Bild so zeitbezogen zusammen wie dem Medium Oper das seine Wurzeln in den inszenierten Ritualen der Sinngebung inmitten sinnlos erscheinender Unabänderlichkeiten hat.

In dieser Geschichte, die in Dresden weit zurück reicht, die immer wieder zukunftsfähig blieb, möchte er ein Kapitel mitgestalten. Er wünscht sich dabei jene Sensibilität, die der Kreativität und dem Experiment nicht im Wege steht, aber den Eigensinn begrenzt. Auch die Zeit eines Operndirektors ist endlich, es zeichnet seine Arbeit in besonderem Maße aus, wenn die geschaffenen Strukturen einst Nachfolgern Chancen bieten.

Gut an alle Endlichkeit zu denken, aber jetzt zählt der Anfang, jetzt ist das Wünschen erlaubt. Demnach möge es gelingen, so Eytan Pessen, die barocke Oper wieder zu einer Dresdner Normalität werden zu lassen, junge Sänger und junge Zuschauer in einer jungen Szene zusammenzuführen, Oper für alle Altersgruppen zu öffnen, jüngste und älteste eingeschlossen.

Inzwischen gingen die ersten Premieren der neuen Saison über die Bühne. In Hochachtung vor Dresdner Traditionslinien steht die 1938 hier uraufgeführte, Oper „Daphne“ von Richard Strauss nach 51 Jahren wieder auf dem Plan und mit einem heiteren Intermezzo von Johann Adolf Hasse werden barocke Ursprünge der Oper auf unterhaltsame Weise lebendig. So konnten schon erste Träume des neuen Operndirektors wahr werden und es bleibt dennoch viel zu tun für künftige traumhafte Realitäten.

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