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„Wasser taucht nie auf“

Zwei Abende lang beherrscht ein Geheimtipp die Bühne des Dresdner Societaetstheaters. „Wasser taucht nie auf“ heißt die Performance von und mit Wolfgang Krause Zwieback, die am Donnerstag ein erlesenes Publikum bestens unterhielt und zu deren Wiederholung am Freitag (22.10.2010) gewiss noch einige Karten erhältlich sind. Falls noch eine Entscheidungshilfe notwendig sein sollte, dann liegt sie vielleicht in der Antwort auf die schwierige Frage: Wer ist Wolfgang Krause Zwieback?

Geboren 1951 in Kamenz, hat er nach dem Studium der bildenden Künste in Leipzig als wortgewaltiger Poet begonnen und sorgte beizeiten für Aufsehen, für Auf- und wohl auch für Mithorchen, als er mit seinem „Kabasurden Abrett“ als Geheimtipp über Kleinkunstbühnen zu tingeln begann. Lang vor deutsch-deutscher Wendezeit hat dies dem Wortakrobaten auch ungewollte Hörexperten eingebracht. Die mochten zwar lauschen, doch ob sie verstanden, was da zwischen Zeilen und Zeichen mäanderte, scheint zweifelhaft. Zu speziell waren die Kaskaden aus Sinn und Widersinn, aus Bild und Metapher, aus Nonsense und Reim.

Foto: PR

Mit allseits offenen Sinnen elaboriert Wolfgang Krause Zwieback bis heute. Er hat sein Spektrum bedeutsam erweitert, war am Leipziger Stadttheater zu Wolfgang Engels Zeiten mit eigens kreierten Berufsbildern präsent, mal als Dampferkapitän, mal als Pilot, gern auch als Koch, wirkte im Hörfunk, stand auf der Opernbühne und frönte theatraler Leidenschaft als Darsteller ebenso wie als Regisseur. Längst gastiert er auch außerhalb von Landesgrenzen, bleibt freilich an deutschen Sprachraum gebunden. Das Berliner Ensemble verpflichtete ihn mal als Brecht-Exegeten, mal für ein Soloprogramm, in Magdeburg war er mit Sprechstücken zu Gast und inszenierte Musiktheaterprojekte, eigene Arbeiten kamen an den Nationaltheatern von Mannheim und Weimar heraus. Regelmäßige Koproduktionen mit der Bundeskunsthalle Bonn geben dem umtriebigen Experimentator recht, von dem es auch Hörspiele, Filmproduktionen und originelle Buchprojekte gibt, sich in seiner überbordenden Kreativität durch nichts aufhalten zu lassen. Auch seine jüngste Premiere in Leipzig, ein Proust-Programm mit seiner Partnerin Corinna Harfouch, bot einen typischen Krause, der sich als Zwieback beständig erneuert.

Die Elemente können einen wie ihn schon gleich gar nicht stören. Zog es Wolfgang Krause, der sich zwecks Abgrenzung von namensgleichen Kommilitonen seit dem Studium an Leipzigs Hochschule für Grafik und Buchkunst doppelnamig Zwieback nennt, einst in die Lüfte, an die Töpfe und alsbald übers Meer – all dies in seinem schauspielhaften Berufszyklus –, so mutierte er längst zum poetisch verklärenden Märchenerzähler, zu einem Geschichtenkobold, der sich auch mal ganz profan als Barkeeper ausgeben kann. Doch stets geht es zirzensisch in seinen Stückwerken zu, nah am Märchen selbst da, wo er sich auf Vorlagen von Telemann, Mendelssohn oder Mozart stützt. Dann muss mindestens ein „Don Quichotte“ herhalten, um Zwiebacks Affen Zucker zu geben.

Nichts von alledem in „Wasser taucht nie auf“, dem zweitjüngsten Machwerk, das voriges Jahr in Koproduktion an der Kunst- und Ausstellungshalle Bonn, im Theater am Rand des Oderbruch-Dorfs Zollbrücke und an der Leipziger Schaubühne Lindenfels herauskam und nun endlich einmal in der so nah am Wasser gebauten Landeshauptstadt gezeigt wurde. Gemeinsam mit dem aus Dresden stammenden Akkordeonisten Tobias Morgenstern, der seit 1988 das noch weiter östlich bei Frankfurt an der Oder gelegene Rand-Theater betreibt, wirbelte Krause Zwieback wortreich durch einen gut anderthalbstündigen Abend, der den Lebenskreis einiger Wassertropfen begleitete. Vom Bergquell in den Ozean, wo es eine Begegnung mit dem Kriegsschiff „Frieden“ gibt, und wieder zurück an den Ursprung; da menscheln die Moleküle, wollen weder einsam verdunsten noch in der Flussmasse entindividualisiert aufgehen. Öltropfen können ihnen nichts anhaben, sind aber Fremdkörper. Die Sonne heizt ihnen ein, Kälteeinbruch macht sie hart – die Wendungen der als Solo vorgetragenen absurden Geschichte poltern pointenreich und mit verblüffenden Überraschungen.

So gewaltig die Silbenbildungen daherkommen, so sparsam ist das Bühnenbild. Zwei zart illuminierte Rampen, auf denen hier Morgenstern per präpariertem Akkordeon verzaubert, da Zwieback clownesk mit bedeutungsschwangeren Wortkaskaden betört. Etwas Glimmer, kaum Glamour, zielgenau aufgemischt von aktualisierenden Einsprengseln und einer fulminanten Funktionärsrede an Bord der „Frieden“ bei einem feuchtfröhlichen Fest mit dreitausend Gästen.
Anfangs heißt es: Die Worte sammeln sich. Zum Gedankenausbruch. Dann sprudelt es anhaltend, ohne je zu verwässern. Man klebt dem Mann an den Lippen, überhört aber auch nicht das Wunderwerk, das sein Kompagnon am Akkordeon fabriziert. Solch tonale Vielfalt war von diesem Instrument noch nicht zu hören. Höchste Zeit, dass dieses Wasserprogramm auch einmal an die Elbe geleitet worden ist.

www.krause-zwieback.de

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