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Der ECHO Klassik in „Deutschlands schönster Brauerei“

Am Sonntag nachmittag defilierten sie wieder. Ein roter Teppich lag ausgerollt vor dem Haus, das die meisten Fernsehzuschauer vage als "Deutschlands schönstes Brauhaus" abgespeichert haben dürften. Küsschen hier, Gewinke da, leider ein bisschen Regen, der über den Theaterplatz wehte – die Haute-Volée posierte trotzdem ausgiebig für die Fotografen. Es war der Tag der Tage für die klassische Musikindustrie: der ECHO Klassik, der sich fürs Fernsehen etwas verschämt als "Echo der Stars" tarnt, kehrte nach Dresden zurück, von wo er 1996, vor dreizehn Jahren, öffentlichkeitswirksam aufgebrochen ist. Vor dreizehn Jahren erreichte der "Ruf aus Dresden" das Fernsehpublikum, eine beispiellose Spendenkampagne für den Wiederaufbau der Frauenkirche hatte einen weiteren Höhepunkt erreicht.

Anna Netrebko, Rolando Villazón, Daniel Hope, Anne-Sophie Mutter, Lang Lang – das sind alles ECHO-Mehrfachtäter, die die Auszeichnung, mit der sich die CDs noch ein Stück schneller verkaufen, gern annehmen, und die ihrerseits ein wenig Glanz in die ZDF-Fernseh-Hütte mitbringen. Auch dieses Jahr waren alle Genannten unter den 59 Preisträgern in den 21 Kategorien.

Und auch die begleitende Sächsische Staatskapelle wurde dieses Jahr wieder einmal mit der zwei Kilo schweren und knapp 40 Zentimeter hohen Metallstatue prämiert; heuer gleich drei Mal. Als "Orchester des Jahres", für ihre historische Fritz-Busch-Edition, und gemeinsam mit dem Sänger René Pape für eine Einspielung mit Opernarien. Da half man natürlich auch gern als Begleitorchester aus. Generalmusikdirektor Fabio Luisi ließ es sich denn auch nicht nehmen, das Ensemble persönlich zu dirigieren.

Weitere Preise gingen an den Harfenisten der Wiener Philharmoniker, Xavier De Maistre ("danke, danke, merci"), an den jungen Bratschenprofessor der Dresdner Hochschule für Musik Carl Maria von Weber, Nils Mönkemeyer, und – Glückwunsch! – an die Zisterzienser Mönche vom Stift Heiligenkreuz für ihre Bestseller-CD "Chant – Music for Paradise". Zwischendurch Jingles, kurze Filmchen, warme Worte und kaltes Buffet hinter der Bühne. Am Abend fuhr man dann zur Feier in die Gläserne Manufaktur von Volkswagen…

Eine "Gala-Veranstaltung mit Häppchenkultur" nennt der Orchesterdirektor der Sächsischen Staatskapelle, Jan Nast, den ECHO Klassik pragmatisch, und fügt erklärend hinzu: "Dadurch spricht die Sendung viele Leute an, die mit Klassik nicht so viel im Sinn haben, vielleicht einfach nur beim Zappen hängenbleiben." Man sei jedenfalls glücklich, dass dieses Jahr "so eine extreme Starbesetzung" über die Bühne rausche. Und wirklich, sogar Placido Domingo ließ es sich nicht nehmen, den ECHO persönlich entgegenzunehmen. Mit der Staatskapelle intonierte der Star, der tatsächlich das erste Mal in der Semperoper sang, den Radiohit "Amor vida de mi Vida" des Komponisten Manuel Torroba. Gut, Katharina Wagner, die die Laudatio für die Staatskapelle halten sollte, schaffte es nicht nach Dresden. Ihren Job übernahm der Entertainer Götz Alsmann, der die 1300 Gäste den Abend über gewitzt und charmant begleitete. 

Wie viele der Zuschauer hinterher tatsächlich die prämierte Aufnahme der Kapelle von Bruckners "Neunter" kaufen werden – wer weiß? Ein potentiell negativer Einfluss auf das hehre Hochkultur-Image der "Wunderharfe" wird da stillschweigend in Kauf genommen. Oder ist das Buhlen um eine so enge Zielgruppe wie die der kulturell gebildeten Musikliebhaber gar nicht mehr zeitgemäß? Die Berliner Philharmoniker, die sich kürzlich für einen Intendanten entschieden haben, der beim Fernsehen für Sendungen wie "Bauer sucht Frau" verantwortlich zeichnete, waren dieses Jahr in zehn Kategorien für den ECHO Klassik nominiert. Vielleicht sind das die Zeichen der Zeit. Und wir Fernsehverweigerer sind wenigstens einmal live dabeigewesen.

Was man im Fernsehen nicht sieht, ist die interessante Maschinerie hinter dem Preis. Der Ministerpräsident lächelt vorn in die Saalkameras, und die Journalisten versuchen derweil im Pressezentrum, den Überblick zu behalten: "Elena, one big smile please" rufen die Dutzenden von Fotografen, auf den Bildschirmen geigt sich derweil Anne-Sophie Mutter stummgeschaltet durch den dritten Satz des Mendelssohn-Violinkonzerts. Auch sie wird später noch im Pressezentrum vorbeischauen, einige höfliche Worte über Dresden und den Wiederaufbau der Frauenkirche verlieren und – gemeinsam mit Placido Domingo – noch einmal für die Fotografen posieren, die Geigerin und Tenor für Minuten in ein Blitzlicht-Dauergewitter tauchen ("Mr. Domingo, please kiss the trophy!").

Am 30. Oktober steht der Semperoper bereits das nächste Jahreshighlight ins Haus: dann kürt die Innung der Gebäudereiniger ihren Bundessieger in den vier Kategorien Glas, Sanitär, Hartboden und Messing. Ob die Staatskapelle wieder als Begleitorchester fungiert, war im Pressezentrum an diesem Tag nicht mehr zu erfahren.

Eine Textfassung des Artikels ist am 19. Oktober in den Dresdner Neuesten Nachrichten erschienen. Wir danken dem Verlag für die freundliche Genehmigung, ihn hier erneut abdrucken zu dürfen. Fotos: Harald Hoffmann DG (Mutter), M. Creutziger (SSKD), Frank Eidel (Schirmer), KassKara (Garanca)

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