Noch sechs Jahre, bis das Leben anfängt

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Noch sechs Jahre, bis das Leben anfängt

Seit einiger Zeit haben wir in der Redaktion überlegt, was machen wir zum 1. April. Einige schöne Artikel sind ja in den letzten Jahren erschienen, unter anderem vor fünf Jahren ein Text über den Umbau der Semperoper, der gern gelesen und öfter zitiert wurde. Noch dazu steht nun dieses Jahr ein Jubiläum zu Buche: Christian Thielemann, der Chefdirigent der Kapelle, wird, kein Scherz, 60 Jahre alt.

Foto: Oliver Killig

Klar, ein fingiertes Interview hätte man machen können, über das unterschätzte fis-Moll, über seine Haustiere (zwei Molche), übers Eisenbahnfahren und über Schostakowitschs kulinarische Vorlieben. Hätte aber in Zeiten von Relotius vielleicht nicht jeder gut gefunden, am wenigsten vielleicht die Anwälte der Semperoper. Als nächstes stand die Überlegung im Raum: schenken wir ihm (und uns) doch eine kleine Geburtstags-Presseschau mit den erwartbarsten Fragen („Herr Thielemann, warum machen Sie eigentlich Musik?“). Oder den schönsten Zitaten aus den letzten Jahren, und dann steht da zwanzigmal derselbe Satz, wieder und wieder.

Ich musste mir sagen: Dirigier kleiner. Zügle dein Temperament.
„Wenn man als Dirigent anfängt, dann macht man oft weitgreifende Bewegungen, die über das Ziel hinausschießen. Mit der Zeit reduziert man dies.“
Früher hieß es, ich würde exzentrische Bewegungen machen. Die werden jetzt reduziert, und je vertrauter ich mit einem Orchester bin, umso mehr reichen kleinste Gesten und mitunter Andeutungen.
„Ich habe mich in den letzten Jahren sehr verändert. Das ist wie über Nacht gekommen – ach, vielleicht habe ich es auch ein bisschen vorangetrieben, weil ich merkte, ich kam nicht weiter.“
„Das ist toll, wenn einer das mit dem kleinen Aufwand an Bewegung hinkriegt. Das würde ich auch gern erreichen.“

Oder, noch viiiiel besser, zwanzig Mal das Zitat über C-Dur (einmal tatsächlich zu D-Dur abgewandelt). Hihihi. Also haben wir einige Tage lang die Online-Quellen gewälzt, auch einige alte Gespräche auf gutem alten Papier in der Bibliothek herausgekramt und alle Quellen mit dem C-Dur-Zitat feinsäuberlich exzerpiert. Und dann merkten wir: stereotype Antworten gibt der Dirigent eigentlich nur denen, die langweilige Fragen fragen. Es gibt aber auch über die Jahre ausnehmend interessante und lustige Gesprächsthemen: wo er seine Ringelpullis kauft, verrät der Chef ebenso wie seine Vorlieben, was Käse und Wein angeht, was er am liebsten sofort nach einer »Götterdämmerung« macht (duschen), Zitate über Nicole Kidman, Coldplay, Helene Fischer und Heinz Rühmann und natürlich Kartoffelchips. Darüber, dass man über ihn an der Berliner Zonengrenze spottete, wenn er wieder mal nach Dresden fuhr („Sie schon wieder“), was er über Myung-Whun Chung wirklich denkt, dass man in München gut shoppen kann, oder oder oder.

Aber dann haben wir überlegt, wird das nicht zu beliebig, und vielleicht denken die, für die Thielemanns gesamtes dirigentisches Wirken vergiftet ist, weil Pfitzner, UFA und Pegida und so weiter, dann, wir, die ach so kritiklose Dresdner Presse wollten ihn und sein Tun zum Geburtstag durch eine kurzweilige Zitatenschau arielreinwaschen. Oder von den aktuell schwelenden Themen (Salzburg) ablenken, zu denen sämtliche Interviewer immer nur ausweichende Antworten bekamen. Auch nicht gut.

Und dann haben wir uns erst mal bei Universal die große Christian-Thielemann-Geburtstagskiste bestellt, mit Pfitzners »Palästrina«-Vorspielen, einer Beethovenschen Fünften mit dem Philharmonia Orchestra von 1996 (interessant, nicht?), »Heldenleben« und »Alpensinfonie« mit den Wienern, Bruckners Fünfter mit den Münchnern, dann natürlich auch die vielen Dresdner Sachen. Und die hören wir jetzt gerade, leise chipsknuspernd. Und möchten bitte bis Ende April nicht weiter gestört werden. Das Leben fängt doch eh erst mit 66 Jahren an. Bis dahin, bis zum 1. April 2025, denken wir uns was Schönes aus, versprochen.

 

01.04.2019Interviews