Der Preis der Wahl

Kolumnen

Der Preis der Wahl

Wahlen sind teuer, Wahlkampf auch. Wenn bei den etablierten Parteien der Blick vor der Realität nicht mehr verstellt werden kann und wenn schon nicht Einsicht, so doch die Folgen eigenen Versagens unübersehbar ins Sichtfeld geraten, dann werden Geschenke gemacht. Steuergeschenke, um möglichst viele von den so lang Alleingelassenen, die ihren Fuß nicht mehr aus dem Sumpf bekommen, der sie mit ihrer Unzufriedenheit aufgesogen hat, zurückzugewinnen in die Mitte der Gesellschaft.

Was unbedingt löblich ist, zusätzliche Gelder für die Kultur locker zu machen, kann im Einzelfall auch mal überraschen, sogar verstören. Immer noch besser, mögen Sie sagen, als ebenso sinnlose wie hässliche und zumeist mit debilen Sprüchen versehene Wahlplakate zu finanzieren. Aber die kommen trotzdem, warten Sie’s ab.

Was aber im aktuellen Wahljahr überrascht, ist die spontan wirkende und vielleicht wirklich mit einiger Hektik ausgelöste Gießkannenfinanzierung* lokaler und regionaler Kulturprojekte. In Dresden stockt der Ausschuss für Kultur und Tourismus urplötzlich die Unterstützung freier Kulturträger um 200.000 Euro auf, finanziert aus der sogenannten Liquiditätsreserve der Stadt. Mit bürgernaher Ehrlichkeit müsste man allerdings einräumen, dass der kommunale Haushalt aus den Abgaben der Bürgerinnen und Bürger bezahlt wird. Der freistaatliche übrigens auch. Apropos:

Das Festival »Sandstein & Musik« sowie die Internationalen Schostakowitsch-Tage Gohrisch erhalten nun endlich das, was den beiden etablierten Unternehmen schon lange gebührt, eine institutionelle Förderung mit Zukunftssicherung. Ein Titel wie »Schätze unserer Heimat« macht freilich deutlich, welcher Aspekt da politisch gewollt ist.

Und selbst der Bund schaut auf die Region, die abgehängte, die nun als förderungsbedürftig eingeschätzt wird. Strukturwandel mag ja durchaus auch etwas mit Braunkohle zu tun haben, aber doch sicherlich auch mit gleichfarbiger Gesinnung, oder nicht? Also gebietet die Bundeskulturministerin, die weder so heißt noch ein eigenes Ministerium hat, dass mit vier Millionen Euro ein neues »Lausitz-Festival« ins Leben gerufen werden soll. Ihr Dresdner Parteifreund Michael Kretzschmer bezeichnet dies als einen Baustein für die Region.

Ob dieser Baustein sich in den Wahlurnen niederschlagen wird? Zunächst liegt er den schon bisher in der Gegend tätigen Veranstaltern und auch den lokalen Kulturpolitikern schwer im Magen. Denn mit dem heute beginnenden »Lausitz-Festival«, das vom Hamburger Kulturmanager Daniel Kühnel (ebenfalls CDU) als Intendant geleitet werden soll und ebenfalls heute erst mal mit einer »Ideenkonferenz« startet, purzeln gleichzeitig die Preise. Für die äußerst kurzfristig arrangierten fünf Konzerte werden pro Karte zehn Euro Eintritt berechnet – Bachs »Johannes-Passion« für zehn Euro, das Moskauer Vokalensemble »Intrada« für zehn Euro, die Hamburger Symphoniker mit Bruckners 7. Sinfonie unter Leitung von Sylvain Cambreling für zehn Euro, der israelische Jazzpianist Nitai Hershkovitz für zehn Euro. Am kommenden Montag dann auch die Europa Chor Akademie mit Liszts »Via Crucis«, und zwar – kein Aprilscherz – keine zehn Euro. Eintritt frei!

»Angst essen Seele auf« hieß es einst bei Rainer Werner Fassbinder. Wollen wir hoffen, dass die ebenso späte wie teure (neue) Strukturpolitik nicht nur Kultur in die Region, sondern auch Vernunft in die Urnen spülen wird.

*Keine Finanzierung von oder durch Gießkannen, sondern nach einem geradezu ziellosen Breiten-Prinzip.

29.03.2019Kolumnen