„Kunst ist immer politisch“

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„Kunst ist immer politisch“

Semperoper Dresden, Jahrespressekonferenz, 20. Februar 2019 (Foto: Daniel Koch)

Intendant Peter Theiler liegt viel daran, wo auch immer er arbeitet, dass es um gesellschaftlich relevante Bezüge geht. Kunst ist für ihn stets politisch, betont er, das zeigt seine erste Spielzeit an der Semperoper, die gerade zur Hälfte vorbei ist, das will er aber auch mit dem Spielplan für 2019/20 unter Beweis stellen, der am Mittwoch vorgestellt worden ist. Keine vordergründig „politische“ Oper ist da vermerkt, also kein Schostakowitsch und auch kein Luigi Nono, aber mit reichlich Bedacht bleibt Beethovens »Fidelio« im 30. Jahr nach dem Mauerbau im Programm, der just zu den Oktober-Feierlichkeiten von 1989 durch Christine Mielitz so kongenial auf den (Zeit-)Punkt inszeniert wurde.

Von Dresden-Bezügen nach vorn und zurück wird auch die gesamte nächste Saison geprägt sein, um im wahrsten Sinne des Wortes ins Auge zu fallen. Sämtliche Stückplakate und auch das neue Jahresheft tragen visuell die Handschrift von: Gerhard Richter! Dessen Übermalungen charakterisieren in dieser Auswahl vortrefflich die Produktionen des neuen Programms. Für Gioachino Rossinis »Il viaggio a Reims« / »Die Reise nach Reims« gibt es ein wunderbares Landstraßenmotiv. In der „europäisch“ besetzten Neuinszenierung der Italienerin Laura Scozzi soll sie tatsächlich ins erkennbare Umfeld des EU-Parlaments führen. Zu György Ligetis »Le Grand Macabre« ist ein Ausschnitt aus Richters Bildwerk »Makart« gewählt worden, das die energiegeladenen Wirbel der Apokalypse scheinbar vorwegnimmt (auch wenn der vielbeschworene Weltuntergang ausbleibt). Diese Anti-Anti-Oper wird die zweite Dresdner Inszenierung von Calixto Bieito.

Ein von feurigen Farbspielen bedrohter Vollmond bebildert Richard Wagners »Die Meistersinger von Nürnberg«, die Chefdirigent Christian Thielemann in der Inszenierung von Jens-Daniel Herzog zu den diesjährigen Osterfestspielen Salzburg herausbringen wird und im Januar 2020 nach Dresden übersetzen soll. Fernerhin kommt das Stück auch in Tokyo auf die Bühne. Als nachträgliche Gratulation zum Jacques-Offenbach-Jahr – und erstmals an der Semperoper – folgt »Die Großherzogin von Gerolstein«, die mit Richters »Frau Baker« illustriert ist und von Josef E. Köpplinger in Szene gesetzt werden soll. Für »Madama Butterfly« von Giacomo Puccini ist eine Übermalung gewählt worden, die sowohl einen Fächer als auch ein Ginkgoblatt assoziieren könnte. Die volle japanische Entsprechung dieser als Koproduktion mit Kopenhagen und Tokyo herauskommenden Inszenierung von Amon Miyamoto sollen stimmungsvolle Kostüme des Modedesigners Kenzō Takada sorgen.

Weiter geht es mit einem abstrakten Farbmotiv, das Gerhard Richter Anfang 1989 geschaffen hat und dessen kräftiger Kontrast aus bedrohlichem Schwarz und scheinheiligem Rot Giuseppe Verdis Oper »Don Carlo« geradezu absichtslos treffend charakterisiert. Auch diese Produktion, die Ostern 2020 in Salzburg herauskommen und von Vera Nemirova inszeniert werden soll, ist dirigentische Chefsache. Ein relativ spätes Thielemann-Debüt! Mit dem Rollendebüt von Anna Netrebko als Elisabetta und der unvermeidlichen Konsequenz, dass ihr Ehemann Yusif Eyvazov den Titelpart singt. »Don Carlo« als partielle Uraufführung auszuweisen ist durchaus berechtigt, da auf den Fontainebleau-Akt verzichtet werden soll, für dessen inhaltliches Verständnis Manfred Trojahn einen kurzen musikalischen Prolog komponiert hat.

Aus einem titellosen Richter-Bild von 2015 stammen die grau auf schwarz getupften Assoziationen von Tränen, die auch als archaische Zeitmaße gedeutet werden können, um die Uraufführung von Torsten Raschs Oper »Die andere Frau« zu bewerben. Darin geht es um ein biblisches Thema aus Abrahams Zeiten. Immo Karaman inszeniert dieses Auftragswerk, in dem Evelyn Herlitzius und Markus Marquardt die Hauptparien von Sarai und Abram singen werden.

Auch Péter Eötvös’ »Der goldene Drache« – gelbe Farbschlieren vor verschneiten Alpen – und Mischa Spolianskys Revue »Wie werde ich reich und glücklich?« – bunte Hoffnungsschimmer auf Winterlandschaft – sind richterlich bebildert worden und kommen jeweils als Dresdner Erstaufführungen auf Semper Zwei heraus. Darin geht es um Fluchtbewegungen und Wunschträume, beides keine Erfindungen der Neuzeit, aber gesellschaftlich durchaus relevant.

22.02.2019Features