Der „schwarze Freitag“ – ein Offenbarungseid.

Kolumnen

Der „schwarze Freitag“ – ein Offenbarungseid.

„Zehn Deutsche sind natürlich dümmer als fünf Deutsche“, hat Heiner Müller gesagt. Ein Satz, um den man ihn heute noch beneiden könnte. Wenn wir das mal hochrechnen auf hundert, tausend oder gar eine Million Deutsche, dann wird uns ja ganz angst und bange.

Dieser Tage kam es gar noch schlimmer. Es gibt einen neuen Beweis dafür, dass Dummheit tatsächlich ansteckend ist. Stichwort „Schwarzer Freitag“. Er ist (scham-)grenzenlos übergeschwappt. Also hoffnungslos übergeschnappt. Schurkenstaaten haben ja schon immer großen Wert darauf gelegt, ihre „Ideale“ zu verbreiten und sie vernunftbegabteren Nationen nötigenfalls mit Gewalt aufzudrängen. „Und bist du nicht willig, so kommt es geballt.“ Freunde! Ist es wirklich so schlimm, dass wir uns dermaßen verblöden lassen müssen? Halligalli mit massenhafter Truthahnschlachtung, Mustang-Driving, und nach dem Halloween-Unwesen nun auch der totale Kauf- statt Kirchenrausch? Die Opiate sind beinahe dieselben. Konsumtempel werden zu Pilgerstätten für die Massen, Kaufzwang wird als gesellschaftliche Teilhabe deklariert. Im Rausch der Rabatte soll an das ewige Sparen geglaubt werden, als wäre dies die ewige Glückseligkeit. Wer jedoch nicht zu Kreuze kriecht, also zur Kasse, kann kein guter Erdenbürger sein. Also kein akzeptabler Nachbar. Da wird das Volk gern unduldsam.

Schließlich geht es um Umsatz. Und wem das zu schnöde klingt, dem werden Arbeitsplatz-Argumente untergejubelt. So wie jetzt bei den Kriegsschiffen für Saudi-Arabien. Oder auch bei den Diesel-Schlachten auf dunstigen Autobahnen und in kanzerogenen Innenstädten. Die Hauptsache ist doch, dass Aktionäre gut bedient werden – von der „Kaufbereitschaft“ der Massen, vom duckmäusertümelnden Gedankenverzicht, vom bibelfesten Glauben „Nach uns die Sintflut“. Doch nicht einmal die kann den ganzen Verpackungsmüll und die unnützen Statussymbole wegspülen, das könnte nicht mal der Amazonas. Tante Emma würde jetzt rufen „Kauft nicht bei Ketten“. Recht hätte sie, aber ganz gewiss keinen Gewinn. Denn sie findet schon lang kein Gehör mehr.

Was können wir froh sein, dass es Konzerte und Opernvorstellungen (noch) ohne Werbeeinblendungen gibt, dass wir weitgehend Festpreise für die Ränge und das Parkett haben, dass uns keine Sinfonie zum Preis von drei Dutzend Quartetten angeboten wird.

Aber warten wir’s ab. Vielleicht kommt schon bald irgend so ein Schlaumeier, der meint, bei großer Besetzung könne man auch schon mal einen Mengennachlass offerieren. Frei nach dem Motto, wer Bach gehört hat, interessiert sich auch für Badelatschen. Wagner hat’s vorgemacht: der bietet vier ganze Opern zum Preis von einem „Ring“. Vielleicht werden aber auch bald neue Zuschläge eingeführt: Für ein doppeltes Forte den doppelten Preis, Oper mit Balletteinlage das Dreifache, dafür aber Hausführungen am Freitag mit schwarzem Rabatt. Hauptsache, die Kasse stimmt? Irritierend übrigens, wie die Jazztage Dresden da am Wochenende agierten: Besuchern, die Ostereier (ausgerechnet!) mit in ein Konzert mit augenscheinlich lahmendem Kartenverkauf bringen würden, versprach der Veranstalter gänzlich freien Eintritt. Wohl, weil sich reguläre Besucher ohne Ei vielleicht am Ende vergackeiert gefühlt hätten, wurde der Eintritt am Ende gar nicht ganz frei, sondern zum reduzierten Preis gewährt. Der eigentlich vorrangig an der Musik interessierte Besucher schüttelt das greise Haupt ob dieser Rabattschlachtung. Für die Kunst sind solche Entwicklungen so fatal wie für das wirkliche Leben.

25.11.2018Kolumnen