„Fünfmal lachen“ oder „Energie ist alles“

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„Fünfmal lachen“ oder „Energie ist alles“

Irmgard Boas ca. 1960 (Quelle: Landesbibliothek Mecklenburg-Vorpommern Günther Uecker, Schwerin, Deutsche Fotothek 71634491)

„Wenn du früh aufstehst, ist das erste, fünfmal lachen. Und dann freust du dich und lachst und sagst: Oh, der Tag fängt gut an. Dann mach ich das so und dann geht’s los. Zack! Und wenn dann die Sänger kommen und mhh … Das geht gar nicht. Gucken, los, Energie – das ist alles. Und schon läuft die Stimme.“ Was die Sängerin Irmgard Boas da postuliert, ist im Grunde ihr Lebensmotto.

Sie sagt es wenige Tage vorm 90. Geburtstag, den sie heute begeht. Das Datum des 22. November ist ihr wichtig, schließlich hat – der Legende nach – heute auch die heilige Cecilie ihren Geburtstag. Die Heilige der Musik. Von der hängt ein Porträt über dem Flügel in der geschmackvoll ausgestatteten Wohnung in der Nähe des Großen Gartens.

Kammersängerin Irmgard Boas greift noch immer jeden Tag in die Tasten. Voller Energie gibt sie Hinweise und arbeitet mit namhaften Sängerinnen und Sängern, die von diesen Unterrichtsstunden nicht lassen wollen.

Neben Camilla Nylund und Klaus Florian Vogt ist auch Susanne Gasch eine von ihnen und sagt: „Ich bin seit 2012 bei Frau Boas, bei ihr habe ein zweites Sängerleben bekommen, einen Fachwechsel vom Mezzo zum dramatischen Sopran.“ Solch eine Lehrmeisterin zu finden, sei alles andere als einfach: „Irmgard Boas hat eine fantastische Gabe zu unterrichten. Wie sie das macht, das ist wahrscheinlich ihr Geheimnis.“

Dem widerspricht die energiegeladene Sängerin und meint, „Das Geheimnis kann ich nicht sagen. Beim Unterrichten fühle ich, wie sie denken. Wenn da was falsch läuft, kann ich es korrigieren. Ob das ein Geheimnis ist, kann ich nicht sagen, es kommt einfach aus mir.“

Das klingt ja beinahe so, als sei ihr dieses Geheimnis in die Wiege gelegt worden. Schließlich haben Irmgard Boas und die heilige Cecilie am selben Datum Geburtstag. Doch natürlich können nicht alle an einem 22. November geborenen Menschen dies von sich sagen. Für Irmgard Boas jedoch war Musik und Singen alles. Mit zwölf Jahren habe sie schon gesagt, dass sie Opernsängerin werden will. Und auf Nachfrage ihrer Familie behauptet, „Ja, ich weiß das.“

„Liebe Frau Boas, für mich war es ein grosses Glück, dass wir uns 2003 in Berlin kennenlernten. Ich war am Scheideweg. Hatte gerade die Agentur gewechselt und wollte ein neues Repertoire erarbeiten. Wir haben zuerst Elisabeth im »Tannhäuser« angeschaut. Danach folgten 2004 Fidelio-Leonore und Salome. Ohne Sie, Frau Boas, hätte ich es wahrscheinlich nicht so gut geschafft. Sie haben mit Ihrer wunderbaren Art und Technik mir neue Welten eröffnet. Ich habe die Partien bei Ihnen durchgesungen und wusste danach, dass ich bereit war, es auch auf der Bühne zu machen.
Liebe Frau Boas, Sie sind der positivste liebenswürdigste Mensch den ich kenne! Sie werden 90? Das kann doch nicht sein! Ich bin Ihre Schülerin, aber wir sind auch wie zwei Freundinnen, die sich treffen und über Gesang und Oper austauschen! Herzlichen Glückwunsch! Ein Prost auf viele Jahre! Wir haben ja noch vieles vor! Ihre Camilla“ (Brief von Camilla Nylund, die just heute Abend an der Wiener Staatsoper auf der Bühne steht, zum Jubiläum). Foto (mit Cecilie): Michael Ernst

„Musik im Blut.“

Die ersten Anregungen für diesen Beruf hat Irmgard Boas von ganz Großen erhalten, aus dem Trichter-Grammophon ihrer Eltern, vor dem sie saß, um beispielsweise Caruso zu hören. „Ich musste das dann immer selber alles ausprobieren, was ich da gehört habe. Und meine Eltern sagten irgendwann, dann mache das doch. Also für mich war die Musik im Blut.“

Wie wichtig gute Lehrer auf solch einem Weg sind, hat Irmgard Boas nicht vergessen. Sie selbst hatte Unterricht bei Werner Reichelt, einem Bass, der ihr die Höhe so richtig aufgebaut hat, wie sie sich erinnert. „Ein fantastischer Lehrer“, schwärmt sie, „der kam sogar nach Schwerin, als ich dort schon bei Kurt Masur war, und hat mir nach den Vorstellungen stets gute Hinweise gegeben. Das fand ich ganz wunderbar.“

Möglicherweise war dies der Start einer großen Karriere, die – hätte es die deutsche Teilung nicht gegeben – gewiss eine Weltkarriere geworden wäre. „Ich hab’ ja die ganzen Opern besungen, Halle, Leipzig, Dresden, Berlin. Ich hatte so viel zu tun, dass ich zum Liedgesang gar nicht gekommen bin. Das hab ich den Sängerinnen überlassen, die lyrisch waren.“

Irmgard Boas ersang sich dennoch ein vielfältiges Repertoire. Verdi, Wagner und Weber, Beethoven und Orff, aber auch Händel und Strauss. Sie wurde von Wolfgang Sawallisch ebenso umworben wie von Thomas Sanderling, Volker Rohde und Christian Kluttig.

„Jetzt mache ich Sänger!“

Wenn auch kaum Liederabende, so sang sie doch Orchesterlieder – und hatte immer noch andere Ziele: „Ich wollt’ ja auch Mozart singen. Und das machte Spaß. Ich konnte das eben.“

Das Ende ihrer Bühnenlaufbahn sollte, nein, durfte kein Abschied von der Musik sein. Nach einem Einschnitt hat sie für sich entschieden: „Nie mehr betrete ich eine Bühne. Jetzt mache ich Sänger. Du musst in Vollform abgehen. Dann hab ich gesagt, so, und jetzt wird unterrichtet.“

Und genau das betreibt Irmgard Boas bis heute nahezu täglich. Voller Energie und bei bester Stimme. Möglicherweise weiß sie ja doch um ihr Geheimnis: „Es ist Folgendes: Gott gab uns die Stimme, aber keine Technik. Und jetzt ist die Stimme so natürlich geworden, als ob ich gar keine Technik hab. Dahin zu kommen, das ist mein Wunsch für meine Sänger. Jeder Ton sitzt, und darum sag ich, da können Sie 90 werden.“

90 werden und weiter unterrichten. An fast jedem Tag. Cecilie wäre ganz gewiss stolz auf Irmgard Boas.

(Titelfoto: Hanna Gruhl)

22.11.2018Interviews