Warum ich?

Kolumnen

Warum ich?

»Und die Vögel werden singen«, dieser Titel klingt nach purer Poesie. Doch er ist trügerisch, denn die Lektüre geht durchaus zu Herzen. Aeham Ahmad beschreibt in seinem biografischen Buch, das er dem Fischer-Verlag in die Federn diktierte, von den täglichen Überlebenskämpfen im umkämpften Damaskus, von den widersprüchlichen Situationen in der syrischen Hauptstadt, die durchzogen ist von Checkpoints und willkürlichen Grenzziehungen.

Seine Biografie ist exemplarisch für zahllose Menschen im Nahen Osten und anderswo auf der Welt, die wegen Glaubens- und anderen Machtkämpfen von einem Tag auf den anderen aus ihrem gewohnten Leben herausgerissen werden, von Hunger, Armut und Tod bedroht, von Zukunftsängsten umgeben. Und doch ist seine Biografie eine besondere: Aeham Ahmad wuchs in einer palästinensischen Flüchtlingsfamilie auf, bekam von Kleinauf die Folgen politischen Unrechts zu spüren. Sein Vater war blind, bedurfte stets einer besonderen Unterstützung und förderte die musische Begabung des Sohnes. Quer durch die große Stadt Damaskus ging es zum Musikunterricht erst am Konservatorium, dann zur Universität.

Bis, ja bis das ausbrach, was in den Medien heute noch verharmlosend als Bürgerkrieg bezeichnet wird. Das riesige Flüchtlingslager, quasi ein eigener Stadtteil, wurde abgeriegelt und somit vom bisherigen Leben abgeschnitten.

„Trotz dieser Mühsal, trotz dieser Schrecken – oder deswegen? – war dieses erste Halbjahr 2014 die produktivste Zeit meines Lebens. Die Musik sprudelte nur so aus mir heraus. 160 Lieder habe ich in diesen Monaten komponiert, fast jeden Tag eins.“ Was Aeham Ahmad da in seinem Buch »Und die Vögel werden singen« zu Protokoll gegeben hat, ist erschütternd, Seite für Seite, Satz für Satz. Er beschreibt sein Familienleben und seine Herkunft, seine Liebe zur Frau und zu den beiden Kindern, aber er lässt immer wieder die wachsende Bedrohung durch das syrische Regime, durch die gottesgläubig brutalen IS-Kämpfer durchklingen.

Komponiert und musiziert hat Aeham Ahmad zwischen lebenswichtigen Besorgungen: Wasser musste geholt, Hornklee geerntet werden. Hornklee, der den Magen kaputt machte, aber der wenige Reis sollte für die Kinder bleiben. Zermürbend muss das Unabsehbare dieser langen Monate gewesen sein: Wo schlägt die nächste Granate ein, wann gibt es etwas zu essen, etwas zu trinken, wie lange geht das noch so weiter; ist ein solcher Zustand überhaupt auszuhalten?

Aeham Ahmad fand Halt und Kraft in der Musik – und irgendwann wollte er damit auch anderen Menschen Halt geben und Kraft. „Mozart für alle“ war seine Devise. Er rollte das Klavier auf die Straßen und spielte inmitten der Trümmerlandschaft, machte sich und seine Hörer freilich auch zur Zielscheibe von Scharfschützen. Tatsächlich wurde seine rechte Hand von Granatsplittern verletzt und ist ein kleines Mädchen beim Musikhören (!) kaltblütig erschossen worden.

Freunde machten Aufnahmen dieser Konzerte und stellten sie auf Youtube ins Netz, wenig später war der Name geboren, den Ahmad nun nie wieder loswerden wird: »Der Pianist aus den Trümmern«. Die Medien überschlugen sich, um ein Interview mit ihm zu erheischen, mit wachsender Popularität wuchs aber auch die Gefahr, vom IS für diese Aktionen getötet zu werden.

Es reichte nicht, sich zu verstecken, Aeham Ahmad musste fliehen. Und auch das ist im Buch »Und die Vögel werden singen« sehr eindringlich beschrieben worden. Wir Menschen brauchen ja meist Einzelschicksale, um uns vorstellen zu können, was hinter den Schlagzeilen von Tausenden geflohenen Kindern, Frauen und Männern tatsächlich steckt. Das sind Tausende Einzelschicksale! Tausende einzelne Menschen, die alles aufgeben mussten, um das nackte Leben zu retten. Das sollten wir uns öfter bewusst machen – und unsern kranken Nachbarn auch.

Aeham Ahmad überstand die mehr als gefahrvolle Flucht in die Türkei und von dort aus via »Balkanroute« bis nach Deutschland, wo er heute mit seiner Familie lebt. Inzwischen gibt er Konzerte in aller Welt, war in Hiroshima und Nagasaki, will nach Coventry und ist zum wiederholten Mal in Dresden gewesen, wo ihn befreundete Künstlerinnen mit großem Engagement unterstützen. Aeham Ahmad ist ein gefragter Pianist und Gesprächspartner geworden, aber bei allem Erfolg kann er seine Herkunft und die Vergangenheit nicht vergessen. Sein erstes großes Konzert in München, wo ihm Herbert Grönemeyer anschließend ein E-Piano geschenkt hat, erinnert er in seinem Buch so: „Träumte ich? Eben noch im Knast, im Kofferraum, im Schlauchboot. Und jetzt hier, auf dieser riesigen Bühne.“

In all diese Erlebnisse mischen sich ständig Selbstzweifel: „Warum bist du es, der überlebt hat? Warum erntest ausgerechnet du den Ruhm? Warum zehrst du vom Leid, das über alle hereingebrochen ist? Womit hast du das verdient? Warum bist du nicht tot wie all die anderen? Warum lebst du? Und dann denke ich: Ich sitze hier auf einem Berg aus Leichen.“

Aeham Ahmad wird wieder nach Dresden kommen und mit Musik die Menschen begeistern. Sein Buch »Und die Vögel werden singen« spricht von dieser Musik, die stärker ist als alle menschgemachten Schrecken. Ein Buch für Buchhändlerinnen und Montagsmaler, für alle Menschen, die noch einen Sinn für Empathie in sich bewahrt haben.

Aeham Ahmad: »Und die Vögel werden singen«
S. Fischer Verlag, 20 Euro
ISBN 978-3-10-397317-4

09.11.2018Kolumnen