Zum Niederknien

Rezensionen

Zum Niederknien

Das verflixte siebte Jahr! In manchen Beziehungen soll es das schlimmste sein. Für die Sächsische Staatskapelle Dresden und ihren Chefdirigenten Christian Thielemann ist die siebte gemeinsame Spielzeit Routine und Aufbruch zugleich. Man kennt sich, ist aufeinander eingespielt und startet – nach Brahms- und Bruckner-Zyklen – ein neues Projekt: »Schumanns Symphonien«. Der Publikumszuspruch dafür ist selbstverständlich, ein kalkulatorisches Risiko ist das also nicht. Und wie sieht es unter künstlerischen Gesichtspunkten aus?

Fotos: Matthias Creutziger

„Das Phantastische, das Poetische und die Abgründe des Biedermeier liegen dem Orchester besonders gut; diese Musik ist Teil der Kapell-Seele“, ließ Christian Thielemann im Programmheft zu diesem sinfonischen Quartett wissen. Zweimal die 1. und 2. sowie zweimal die 3. und 4. Sinfonie des Düsseldorfer Komponisten, im Anschluss an die mit Bravo-Rufen und heftigem Beifall gefeierten Dresdner Konzerten sind das Orchester und sein Chefdirigent auf eine Asien-Tournee gegangen. Schumann soll nun in Peking, Guangzhou, Macao und Tokio erklingen. Die Dresdner Aufführungen sind bereits online nachzuhören.

Lebensglück und Liebesglück

Mit dem Frühling fängt alles an, mit dem Strahleklang der »Frühlingssinfonie« aus dem Jahr 1841. Eine glückliche Zeit für den Komponisten, schließlich konnte endlich (per Gerichtsbeschluss!) die Ehe mit der damals schon gefeierten Pianistin Clara Wieck durchgesetzt werden. In nur vier Tagen entstand das Opus 38, uraufgeführt wurde es zwei Monate nach seiner Vollendung unter Leitung von Felix Mendelssohn Bartholdy im Gewandhaus zu Leipzig.

Diesem Lebensglück Schumanns konnte im Kapellkonzert geradezu nachgespürt werden: Flirrende Streicher, jubelnde Tempi, Harmonie in allen Sätzen, ausgewogene Partnerschaft mit Blechbläsern und Holz; eine erfüllende Darbietung auch und gerade in den besinnlicheren, um nicht zu sagen: den sinnlichen Passagen. Erinnerungsträchtig das Larghetto, das sich Giuseppe Sinopoli von der Kapelle als Trauermusik gewünscht und nach seinem Tod auch erhalten hatte. Mitreißend dann wieder ein fulminantes Finale, das dem Orchester wie ein vielstimmiger Jubelgesang gelungen ist. Bin hin zu den Schlussakkorden: Zum Niederknien.

Unter ganz anderen Umständen entstand fünf Jahre später, während Schumanns Dresdner Zeit, die 2. Sinfonie. Thielemann deutete diese Musik in ihrer Gesamtheit schon vorab als „Teil der Kapellseele“. Insofern ist dieses sinfonische Schumann-Quartett eine geradezu zwangsläufige Angelegenheit gewesen. Das Grüblerische dieser C-Dur-Sinfonie op. 61 äußerte sich geradezu in Mitnahmeeffekten, schon ein ganz leichtes Schleppen im 1. Satz, dann die heftig variierte Dynamik, bei der die Kapelle wie am kleinen Finger ihres Chefs hing und nuanciert reagierte, das alles bei beschwingten, sich aber nie überstürzenden Tempovorgaben. Ganz großes Aufblühen vor allem im expressiven Adagio.

Mit der 3. Sinfonie, der »Rheinischen«, wurde zur zweiten Hälfte dieser zyklischen Sinfoniekonzerte geradezu Rhein-Gold an die Elbe geholt. Entstanden und uraufgeführt in Düsseldorf, wo Robert Schumann 1850 zum Städtischen Musikdirektor erhoben worden ist, sprudelt hier wieder eine freudvolle Leichtigkeit aus dem fünf(!)sätzigen Werk, die durchaus biografisch grundiert ist. Vor allem die Bläserfraktionen haben darin einmal mehr diverse Soloaufgaben zu absolvieren, die nach geradezu kammermusikalischer Sensibilität verlangte, was von den Musikerinnen und Musikern der Staatskapelle mit Akribie, insbesondere im 4. Satz allerdings auch hörbar überengagiert vollzogen worden ist. Da blitzten hier und da dann doch minimal verfrühte Einsätze durch, positiv gesehen ein Ausdruck der hohen Ansteckungsgefahr, die einerseits mit Schumanns emotionaler Feierlichkeit und andererseits mit Thielemanns gestenreicher Impulsgebung zu tun gehabt haben könnte.

Die Krönung des Schumann-Zyklus’ mit der 4. Sinfonie in d-Moll gelang – ebenfalls mit nach der Pause gewechselten Stimmführern – wiederum zu einem solitären Ereignis. Der gesamte Streicherapparat und die quasi solistisch agierenden Bläsergruppen verschmolzen zu umsichtigen Ensembles, umgarnten einander, boten sich Basis und Bühne, öffneten mit den geradezu himmlischen Solomelodien von den Konzertmeistern Roland Straumer und Norbert Anger an Violine und Violoncello herzergreifende Intermezzi; kurz: So viel Schumann ist selten, war schon lange nicht mehr und hat aufs Höchste beglückt.

Nächste Konzerte: Peking (22.10.), Guangzhou (24.10.), Macao (27.10.), Tokio (31.10. und 1.11.)

21.10.2018Rezensionen