Sächsisches Bayreuth

Kolumnen

Sächsisches Bayreuth

Seit vielen Jahren sind die Bayreuther Festspiele regelmäßig auch »sächsische« Festspiele. Nicht nur, weil Richard Wagner gebürtiger Leipziger und späterer Hofkapellmeister in Dresden war, sondern auch, weil Jahr für Jahr zahlreiche Orchestermusiker aus Leipzig und Dresden im Festspielorchester mitwirken. Und nicht zuletzt ist mit Christian Thielemann ja der Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle Musikdirektor der Festspiele. Aber in diesem Jahr kommt mit dem Künstlerpaar Rosa Loy und Neo Rauch auch die Bildende Kunst aus Sachsen ins Spiel, Stichwort »Leipziger Schule«. Die beiden haben für Kostüme und Bühnenbild der Neuinszenierung von »Lohengrin« gewonnen werden können.

»Lohengrin«? Das ist gleich noch eine Brücken nach Mitteldeutschland: 1850 uraufgeführt in Weimar, aber entstanden ist diese romantische Oper in der Nähe von Dresden, in Graupa. Dort hat alles begonnen. Der Hofkapellmeister war überarbeitet, nahm eine Auszeit und verbrachte mit seiner Frau Minna ein paar Sommerwochen im Schäferschen Gut dieses heute zu Pirna gehörenden Dörfchens. Bereits 1907 wurde dort das erste Wagner-Museum der Welt eingerichtet. Der Musikwissenschaftler Christian Mühne hat es über viele Jahre als Kustos betreut: „Wagner wird ja immer nach allen Seiten hin ausgefragt“, sagt er, „man will alles ganz genau wissen. Aber wenn ich sagen soll, was Wagners wirkliche Gedanken waren, als er hier umhergewandert ist und sich zu seiner »Lohengrin«-Musik hat inspirieren lassen, dann ist das immer das ganz große Fragezeichen, denn dort lassen sich die Künstler nicht so gern in die Karten schauen.“

Dennoch muss hier alles begonnen haben. Im romantischen Grün des Liebethaler Grunds, wo noch heute die Wesenitz plätschert. Wer dort nicht ohnehin wegen Richard Wagner hinkommt, wird ihm dennoch nicht entgehen: Vor einem schroffen Sandsteinfelsen erhebt sich das größte Richard-Wagner-Denkmal der Welt. Zwölfeinhalb Meter hoch ist es mit Sockel, und erinnert an den Aufenthalt des Dichter-Komponisten im Sommer 1846. Wer heute dort wandert, darf ein kleines Akustik-Spektakel erleben, Wagner-Musik mitten im Vogelgezwitscher im Wald am rauschenden Bach.

Dass »Lohengrin« ausgerechnet hier in der Nähe, in Graupa, entstanden ist, mag für Christian Mühne an der Landschaft gelegen haben, die damals noch nicht so zubetoniert gewesen und derart verwirtschaftet ist wie heute. „Ich nehme an, dieses Unendlichkeitsgefühl, dieses Idealische, sowohl Abgeschiedene als auch ganz irdisch schön sich Darbietende dieser Landschaft – da hat er als Wanderer nicht nur Kraft schöpfen, sondern auch deutliche Schaffensimpulse empfangen können.“ Ein klarer Zusammenhang zwischen Natur und Musik, meint Mühne.

Ob das in Bayreuth so durchklingt? Christian Thielemann, Schirmherr der Richard-Wagner-Stätten Graupa, hat die Neuproduktion in der Hand. Und was sich Regisseur Yuval Sharon in der Ausstattung vno Rosa Loy und Neo Rauch ausgedacht haben mag? Am 25. Juli werden wir’s wissen. Und zugleich Lohengrins Diktum gerecht werden: „Nie sollst du mich befragen.“ Falls es für die Bayreuth-Karten dieses Jahr nicht gereicht hat, einer der Vorzüge von Graupa ist, hier gibt es kein Frageverbot.

16.07.2018Kolumnen