„Hier prallen Welten aufeinander“

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„Hier prallen Welten aufeinander“

Das Universitätsorchester Dresden hat in den nächsten Tagen Großes vor – im wahrsten Sinne des Wortes. Beim Sommerkonzert am 1. Juli werden die sinfonische und die kammerphilharmonische Besetzung zu einem riesigen Orchester verschmelzen. Rund einhundert Musiker werden zum ersten Mal im neuen Konzertsaal des Dresdner Kulturpalastes spielen. Dazu kommt eine junge Rockband mit Studierenden der Hochschule für Musik »Carl Maria von Weber« Dresden. Unter dem Titel »Aufbruch« erklingen zwei Werke, die auf ganz unterschiedliche Weise für etwas Neues stehen: in einer deutschen Erstaufführung Mieczysław Weinbergs Sinfonie Nr. 3 und Jon Lords Konzert für Band und Orchester. Martin Morgenstern hat mit dem Dirigenten Filip Paluchowski über dieses Abenteuer gesprochen.

Filip Paluchowski, der Komponist Mieczysław Weinberg (1919-1996) war nur Kennern ein Begriff. Seit 2010 werden nun mehr und mehr Werke entdeckt oder wiederentdeckt. Wie sind Sie eigentlich auf ihn gestoßen?

Das war ein witziger Zufall. Mein Spotify-Account hat mir eines Tages sein Klavier-Quintett (1944) empfohlen! Ich war angefixt und habe mich dann auch mit anderen Werken befasst. Schließlich versuchte ich herauszufinden, welche Sinfonie eventuell für das Universitätsorchester passen würde. Spielbar sind sie – aber schon schwer, das muss man sagen. Ich begab mich auf die Suche nach Verlagen und wurde bei peermusic aus Hamburg fündig. Für die Aufführung einer Sinfonie zahlen wir den Rechteinhabern einen mittleren bis hohen dreistelligen Betrag.

Wobei wir über eine echte Überraschung reden: die Dritte Sinfonie wurde in Deutschland bisher noch nie aufgeführt!

Ja, das konnte ich anfangs gar nicht glauben – wir spielen damit die deutsche Erstaufführung eines Werkes, das immerhin ein halbes Jahrhundert alt ist. Für beide Besetzungen des Universitätsorchesters, die sich für dieses Konzert zusammentun, ist das eine große Ehre und eine tolle Herausforderung.

Wer macht eigentlich generell die künstlerische Planung für die beiden Klangkörper? Wer bestimmt, was auf den Programmzettel kommt? 

Ich mache Vorschläge, aber auch aus dem Orchester kommen Anregungen. Das »Concerto for Group and Orchestra« beispielsweise, das wir in der zweiten Konzerthälfte spielen werden, war ein älterer Vorschlag von einem Orchestermitglied.

Diese Kopplung ist – wie soll ich es ausdrücken – sehr, sehr ungewöhnlich.

Foto: Joël Hellenbrand

Ja, stimmt, hier prallen zwei Welten aufeinander, womit ich in meinen Programmen immer sehr gerne arbeite. Zudem erhalten wir vom Rektor der Uni und dem Oberbürgermeister, die den Vorschlag mit Jon Lord klasse fanden, Unterstützung, die uns hilft, ein weites Publikum zu erreichen. Mir war es wichtig, dass wir mit Weinbergetwas kulturell sehr Wichtiges ins Programm nehmen. Dass die Mischung mutig ist, weiß ich schon. Aber wo findet Weinberg schon mal so ein Riesenpublikum? Alle Jon-Lord-Fans müssen sich bis zur zweiten Konzerthälfte gedulden… Es wäre schön, wenn sie dennoch vom ersten Teil Anregungen mitnehmen.

Die Sinfonie ist jedenfalls nicht so einfach zu dechiffrieren. Der Komponist, gebürtiger Warschauer Jude, floh bei Kriegsausbruch nach Moskau. Die Dritte zitiert die Melodie des polnischen Volksliedes »Umarł Maciek«…

…das mich sehr berührt, und das nicht ganz einfach zu umreißen ist. Hier, der Text, mal sehen… „Matek geht mit seinem Schlagstock unterm Gürtel; wer ihm im Weg steht, den haut er. / Oh – er ist krank, war schon vier Tag nicht in der Kneipe, liegt schon auf dem Totenbett. / Matek ist gestorben; sagen wir ein Vaterunser. Sie haben ihn in die Mitte des Dorfes gelegt.“

Ganz praktisch gefragt, wie haben Sie mit den beiden Orchestern geprobt?

Beide Orchester haben für sich geprobt, und während eines Probenwochenendes haben wir die Musik dann zusammengesetzt. Wir hatten schon einiges zu knabbern, aber die Musiker waren alle mit Begeisterung bei der Sache.

Jetzt liegt jedenfalls die Latte für die nächsten Jahre ganz schön hoch.

Ich verspreche, in den nächsten Semestern wird unser Programm wieder etwas eingängiger. Aber eine Uraufführung werden wir trotzdem wieder haben. Ein interessanter Komponist schreibt bereits für uns – mehr verrate ich nicht.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Aufbruch – Sommerkonzert des Universitätsorchesters Dresden
Sonntag, 1. Juli 2018, 11 Uhr
Konzertsaal im Kulturpalast Dresden

Mieczysław Weinberg: Sinfonie Nr. 3, op. 45
Jon Lord: Concerto for Group and Orchestra

Karten sind im Kulturpalast und in den eventim-Vorverkaufsstellen (zzgl. Vorverkaufsgebühr), sowie online erhältlich.

Vorverkauf: 17 Euro (ermäßigt 7 Euro)
Abendkasse: 19 Euro (ermäßigt 9 Euro)

Mit freundlicher Unterstützung durch die TU Dresden, die Gesellschaft der Freunde und Förderer der TU Dresden, die Landeshauptstadt Dresden und die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen

22.06.2018Interviews