Requiem für Syrien

Kolumnen

Requiem für Syrien

Dass ausgerechnet die Arabische Republik Syrien momentan den Vorsitz der UN-Abrüstungskonferenz innehat, zeigt, wie zynisch Geschichte mitunter sein kann. Wo seit Jahren Krieg, Gegenkrieg und Stellvertreterkriege geführt werden, muss man sich auskennen mit dem nur allzu menschlichen Willen nach Abrüstung – sollte man meinen! Aber nein. Es wird weitergekämpft, grausam im Namen von Gottheiten, die von Menschen erfunden wurden und so oder so ausgelegt werden können. Als wäre die Hirnmasse global noch schneller geschrumpft als alles Eis der Polkappen zusammen. Brutales Mittelalter im 21. Jahrhundert, irgendein »Herr« wird’s schon richten. Wie in den Religionsschlachten vor genau 400 Jahren, die pro forma im Wiedererkennungszeichen bayrischer Amtsstuben von heute stattfanden (eine einzige Söderei, das alles), wird auch in der Gegenwart um Einfluss- und Machtsphären gerungen. Das gläubige Fußvolk lässt sich – wie einst im Dreißigjährigen Kriege – ja so wunderbar steuern und manipulieren …

Von Dresden aus, bekanntermaßen ebenfalls ein geschundener Ausgangs- und Austragungsort furchtbarer Glaubensschlachten, soll jetzt einmal über den Tellerrand geblickt und dem syrischen Krieg ein Requiem gestiftet werden. Das »Requiem für Syrien« (kein »syrisches Requiem«!) dürfte einer der Höhepunkte in der laufenden Spielzeit der Dresdner Philharmonie werden. Komponiert hat dieses Werk der vor allem als Dirigent bekannte George Alexander Albrecht. Dass die Uraufführung seines »Requiem für Syrien« mit einem Fragment gebliebenen Monument eröffnet wird, dem einleitenden Adagio zur unvollendeten 10. Sinfonie von Gustav Mahler, scheint bereit Programm zu sein. So viel Todesahnung in der Musik, so viel an Sorge, Verzweiflung und so wenig an kraftvoll kreativem Widerstand gegen das womöglich erahnte Ende – Mahler starb 1911, ein Jahr nach dem Entwurf dieses Opus’ -, all das mag schon wie ein Auftakt zu einem Requiem zu empfinden sein.

Just solch eine Todesmesse, ein musikalischer Nachruf, ist das Hauptwerk des nächsten Philharmonie-Konzertes. George Alexander Albrecht, geboren 1935 und seit frühester Jugend komponierend, hat es geschaffen. Der Dresden bereits in den 1990er Jahren als Ständiger Gastdirigent der Semperoper verbundene Dirigent ist damit wieder zu seinen schöpferischen Impulsen zurückgekehrt. Anlass für dieses Auftragswerk der Dresdner Philharmonie war Albrechts 2015 entstandene Kantate »Himmel über Syrien«. Wie so manch anderes Werk aus seiner Feder beweist sie, dass dem Künstler das Leid in der Welt alles andere als fremd ist. Fremdes Leid ist eigenes Leid, vielleicht transportiert die Uraufführung des »Requiem für Syrien« am 3. Juni im Kulturpalast diese Botschaft auch dem Publikum. Michael Sanderling, Chefdirigent der Philharmonie, dirigiert den Abend und weiß neben Orchester und Philharmonisches Chören ein renommiertes Solistenensemble an seiner Seite. Bereits vorab, um 17.15 Uhr, wird der Komponist über sein neues Werk Rede und Antwort stehen. Um 18 Uhr beginnt das Sonntagskonzert, das leider nur ein einziges Mal erklingt, glücklicherweise aber am 29. Juli um 21.05 Uhr als »Konzertdokument der Woche« in einer Aufzeichnung vom Deutschlandfunk ausgestrahlt wird.

02.06.2018Kolumnen