Heimat, was ist das eigentlich?

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Heimat, was ist das eigentlich?

Auch nach 15 Jahren Bestehen des Duos Fjarill ist es immer noch nicht einfach, die passende Schublade für diese Musik zu finden. Popmusik mit schwedischen Texten? Weltmusik aus Südafrika und Skandinavien? Vocaljazz? Es scheint immer schwierig zu sein, für diese zarte und kraftvolle Musik, die so besonders und einzigartig daherkommt, eine Kategorie zu finden. Aber Schmetterlinge gehören auch nicht in Schubladen! Sechs gemeinsame Alben, Weltmusikpreise, hunderte Konzerte in ganz Europa – Fjarill aus Hamburg haben viel erreicht. Am 3. Juni präsentieren die Künstlerinnen ihr Album KOM HEM im Kleinen Haus des Staatsschauspiels (Beginn: 20 Uhr).

Foto: Steven Haberland

Aino Löwenmark (Klavier, Gesang) und Hanmari Spiegel (Geige, Gesang) erinnern sich: Im letzten Sommer saßen wir in unserer Heimatstadt Hamburg, mitten im lebendigen Schanzenviertel in einem syrischen Restaurant. Die Halloumis, die von einer syrische Mama zubereitet wurden, waren hervorragend, aus den Lautsprechern kam arabische Musik. Wir sprachen über unser nächstes Album. Wir hatten erst eine vage Ahnung, wo die Reise hingehen sollte. Erst ein Song war entstanden – so wie das meistens passiert: einfach so aus dem Nichts. „Stockholm“ hieß er und er war voller Sehnsucht. Sehnsucht nach einer Heimat.

Heimat? Was ist das eigentlich. Wir schauten uns um. Die syrische Mama mit ihren Halloumis, gegenüber der Italiener mit dem besten Kaffee in der Schanze, die Hauswand, auf der nebeneinander das kubanische Symbol Che Guevaras und das des FC St. Pauli gesprayt war und mittendrin wir: Die Schwedin und die Südafrikanerin – mitten in der Heimat und doch so weit von ihr entfernt. Hier ist unser Zu Hause, hier leben unsere Familien und unsere Kinder. Dies ist ein Ankerplatz – Hamburg, für uns der sicherste Hafen der Welt… und dennoch! Wenn Hanmari über ihre Heimat Pretoria spricht, blitzen ihre Augen. Dann gibt es Geschichten mit leuchtenden Farben. Gelb, braun, blau. Viel Wärme und Geborgenheit, aber auch entsetzliche Armut und Elend. Rassentrennung zwischen denjenigen, denen die Heimat genommen wurde und denjenigen, die eine neue Heimat gesucht haben. Und Glück. Schon lange hatten wir den Plan, mit Fjarill Konzerte in Südafrika zu geben. Schwedische Texte auf der südlichen Erdhalbkugel – klar! Unbedingt! Und zusammen mit einem einheimischen Kinderchor. Ein sehr guter Plan! Wenn das mit einem Hamburger Chor klappt, dann auch in Südafrika. Ende Februar ist es dann endlich soweit. Vier Konzerte, in Johannesburg, Pretoria, Kapstadt und Underberg stehen an. Zwei Chöre dort proben gerade mit unseren Noten und Texten. Wir werden berichten! 
In Schweden haben wir schon Konzerte gegeben. Es ist ein schönes Gefühl mit diesen Liedern nach Hause zu kommen. Lieder, die in einer anderen Heimat entstanden sind und doch so viel von Schweden in sich tragen. Erst dort entfalten sie ihre volle Stärke. Oder doch eher hier, in der Hamburger Fabrik oder gar in der Dresdner Dreikönigskirche, wenn ein paar hundert Konzertgäste lauthals mitsingen?

Uns wurde bewusst, um nach Hause zu kommen, muss man erst einmal wegfahren. Manchmal bleibt man in der Fremde und macht sie zu einem neuen Zu Hause. Manchmal verirrt man sich. Vor zwei Jahren hätte sich Fjarill beinahe aufgelöst. Wir hatten uns verirrt. Doch Fjarill ist in den vergangenen 15 Jahren für uns auch eine Heimat geworden und so etwas zerstört man nicht. Wir hatten den Mut und haben das Schmetterlingshafte hinter uns gelassen. Unsere Musik hat jetzt Ecken und Kanten und dennoch lieben wir es am meisten, wenn wir zweistimmig singen. Wir fanden mehr Dissonanzen und noch mehr Melancholie. Und der Mut machte uns risikobereit. Im Jahr 2016 gründeten wir unser eigenes Label Butter & Fly Records. Noch eine neue Heimat. Hier können wir gestalten und umformen, wie es uns beliebt. Ein gutes Gefühl.

Wir saßen noch einige Stunden im Restaurant und sprachen über Heimat. Interessanter Weise ähneln sich die Sprachen Schwedisch und Afrikaans sehr. Das ist uns schon oft aufgefallen. Was wäre, wenn wir ein ganzes Album über „Heimat“ machen würden? Wie würden wir es nennen? „Komm nach Hause“ heißt auf Afrikaans „kom huis toe“ und auf Schwedisch ist „zu Hause“ einfach „hem“. Das neue Album heißt „Kom Hem“. Denn auch das Wort „kom“ bedeutet in beiden Sprachen exakt das selbe. 
Das war eine völlig neue Situation. Noch nie sind wir ans Songschreiben gegangen, um ein Konzeptalbum aufzunehmen. Noch nie haben wir uns so strenge Regeln auferlegt und noch nie hatten wir trotzdem so viele Freiheiten. Alles steht in einer Beziehung zu einander – Menschen, Länder, Dinge – sie reagieren aufeinander und beeinflussen sich gegenseitig. Jede Beziehung hat seine eigene Melodie! Es war das berühmte Füllhorn an Möglichkeiten und wir mussten nur in uns selbst hinein hören Es war alles schon da – und es wollte raus. Man setzt sich ans Klavier, fängt an zu spielen und dann entsteht eine Melodie aus der Stimmung… so werden unsere Lieder geboren.

„Kom Hem“ ist ein Album geworden, in dem sehr viel von uns selbst steckt. Es wurde von Ainos Mann, dem Schlagzeuger des Tingvall Trios, Jürgen Spiegel, im Hamburger Walden-Studio aufgenommen und abgemischt. Er spielt auch alle Trommeln und Rhythmus-Instrumente. Steffi Stephan, seines Zeichens musikalischer Direktor von Udo Lindenbergs Panikorchester, spielt den Bass und hier und dort sind sanfte Gitarrentöne von Stefan Stoppok zu hören. Dominierend ist aber immer unser Gesang, das Klavier und die Geige – bei aller Veränderung, das sehen wir jetzt, sind wir uns im Endeffekt treu geblieben. Wir sind zu Hause.

 

29.05.2018Anzeige