Eine Cello-Manie kommt nicht (von) allein

Kolumnen

Eine Cello-Manie kommt nicht (von) allein

Dresden wächst ja gerne über sich selbst hinaus. Wenn, ja wenn nur alles hübsch beim Alten bleibt. Doch in diesen Tagen hat sich die Stadt tatsächlich mal selbst übertroffen und avancierte zur internationalen Cellisten-Hauptstadt. Andere würden vom vielstrapazierten »Mekka« reden, was sich natürlich schon aus rein rationalen Gründen verbietet.
Mekka ist das Mekka der Mohammedaner, und das soll es auch bleiben. Es gibt kein »Mekka der Cellisten«, so wie es auch kein »Mekka der Radfahrer« gibt (oder der Eierschecke, der Stollenbäcker, der Anbaugebiete sauren Weins …, wobei letzteres Beispiel vielleicht doch nicht so ganz unstrittig ist).

Aber zurück zum Cello. Das wird in Mekka vermutlich ähnlich selten gespielt wie in Medina. Oder auf den Malediven. In Dresden jedoch trifft sich dieser Tage die cellistische Elite der Welt. »Cellomania« macht’s möglich, das Festival im Festival der diesjährigen Dresdner Musikfestspiele. Nicht nur, weil das Violoncello 2018 zum »Instrument des Jahres« erhoben worden ist, sondern vor allem wohl, weil Musikfestspiel-Intendant Jan Vogler selbst ein Cellist ist.

Die »Cellomania« ist also ein Novum in der Festspieleritis. Vogler lud dazu seine Kolleginnen und Kollegen ein, nach Dresden zu kommen. Resultat: Hier ist nun wirklich die Weltspitze dieser Instrumentalisten versammelt. Den Auftakt gab Yo-Yo Ma mit seinem Konzert Ende Januar in der Frauenkirche. Seitdem gibt es wieder und wieder Bachs Solosuiten zu hören – aber wohl kaum in dieser einzigartigen Spiel- und Klangkultur? Auch Steven Isserlis hat kürzlich im Palais im Großen Garten daraus zitiert, noch dazu spontan, weil ursprünglich ein anderer Programmablauf vorgesehen war, was Teilen des Publikums missfiel. Statt über den ortsüblichen Ton konsterniert zu sein, griff Isserlis zum Stradivari-  und bezauberte die verbliebenen Gäste.

Im Kulturpalast gab es wenig später ein Familienkonzert der besonderen Art: Mischa Maisky war mit Tochter Lily (Klavier) und Sohn Sascha (Violine) zu Gast. Bei diesem in wirklich einzigartiger Weise sanglichen Ton des Cellos dürften selbst gestandene Interpreten große Ohren bekommen haben.
Die »Cellomania« geht weiter mit Meisterkuren und einem dazugehörenden Meisterkurskonzert. David Geringas, Natalia Gutman, Frans Helmerson, Ralph Kirshbaum und Ivan Monighetti – das ist geradezu die Elite dieser Zunft! Dennoch soll noch eins draufgesetzt werden, wenn am kommenden Montag die »Lange Nacht des Cellos« die Zahl der Spitzenmusiker auf rund eineinhalb Dutzend ansteigt.

Haben die Musikfestspiele damit das Cello schon ausgereizt? Mitnichten. Auch der Qualitätsbuchhandel (!) steuert sein Scherflein dazu bei: Am 24. Mai spielt der Dresdner Cellist Bernhard Hentrich bei »Büchers Best« (Louisenstraße 37) auf. Auch hier gibt es Bach, freilich mit einer Besonderheit: Hentrich spielt ein Instrument, das aus der Zeit dieser Musik stammt – 1737 von Antony Stephan Posch in Wien gebaut und bis heute weitgehend im Originalzustand.

19.05.2018Kolumnen