In Hellerau fing alles an

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In Hellerau fing alles an

Karin Waehner, geboren 1926 im heutigen Gliwice in Polen, gestorben 1999 in Paris, gilt in Frankreich als eine der wichtigen Wegbereiterinnen des modernen und des zeitgenössischen Tanzes. Nach ihrem Tod wurde ihr zu Ehren die »Association Karin Waehner Les Cahiers de l’Oiseau« gegründet.

Waehners künstlerische Wege führten aber zunächst nach Deutschland, denn bevor sie 1953 in Paris ihre eigene Tanzschule gründete, studierte sie von 1946 bis 1949 bei Mary Wigman, die nach Auflösung ihrer Schule in Dresden in Leipzig unterrichtete. Zuvor aber war Karin Waehner auch erstmals in Dresden, in Hellerau, an der Menzler-Marsmann-Schule, eingeschrieben. Hier begann sie ihre Körper- und Bewegungsschulung, was ihr aber beim Streben nach eigenem, expressivem Ausdruck nicht ausreichte. Nach eigener Aussage war das, was Mary Wigman lehrte, für sie „ein Schlüssel“.

Später in Paris wird Karin Waehner Pantomimenunterricht bei Marcel Marceau nehmen, mit einem Stipendium in die USA reisen, ihren künstlerischen Horizont erweitern durch entscheidende Eindrücke, die sie bei den Ikonen des amerikanischen Modern Dance, Martha Graham, José Limón und Merce Cunningham erfährt.

Im Jahre 1980 kommt Karin Waehner wieder nach Dresden. Endlich, denn immer wieder hatte sie versucht auf Anraten Mary Wigmans an der Dresdner Palucca Schule im Rahmen der Internationalen Sommerkurse zu unterrichten. Von Palucca aber bekommt sie ausweichende und vertröstende Antworten, so empfindet es Waehner jedenfalls (Notiz vom 14. Februar 1980). Jetzt klappt es: Palucca selbst unterrichtet nicht in diesem Kurs und reist ab, bevor Karin Waehner in Dresden anreist. Sie gibt einen Kurs, in dem sie nach eigenem Anspruch die „Wigman-Technik“ wieder nach Dresden bringt.

Sommerkursus mit Hanne Wandtke und ihrem Mann Harald, 1958 (Foto: Erich Höhne, Erich Pohl, Quelle: Deutsche Fotothek)

Noch am 25. Mai 1980 hatte sie in einem Brief geschrieben, dass sie „ständig in Angst lebe“, weil sie ja das erste Mal in Ostdeutschland arbeite, und befürchtete, „dass in der letzten Minute etwas nicht in Ordnung ist.“ Naja, es war auch nicht alles so ganz in Ordnung. Professorin Hanne Wandtke, damals Lehrende an der Palucca-Schule, erinnert sich vor allem an Waehners „tollen Humor“, allerdings gab es den nicht im Kurs, sondern in der Freizeit, beim gemeinsamen Essen, in großer Runde, vegetarisch dazu, ziemlich ungewöhnlich für den damaligen Osten. Im Kurs dagegen gab es immer wieder Probleme der Verständigung; nicht sprachlich, aber was Klarheit und Nachvollziehbarkeit der Angaben betraf. Was von Karin Waehner als „Wigman-Technik“ vorgegeben wurde, stellte sich in Hanne Wandtkes Erinnerungen als Abfolge von Yoga-Übungen mit meditativen Körperübungen aus dem Repertoire der Feldenkrais-Methoden dar.

Sechs Jahre später, im Rahmen der Veranstaltungen im Oktober 1986, anlässlich des 100. Geburtstages von Mary Wigman, kam Karin Waehner erneut nach Dresden, jetzt mit ihrer 1958 gegründeten Kompanie »Ballets Contemporains de Karin Waehner«. Das Dresdner Gastspiel fand im damaligen Theater der Jungen Generation in Cotta statt. Ich war dabei. Die Erwartungen waren hoch, die Eindrücke waren der Erinnerung nach dann aber insgesamt eher zwiespältig. Dabei ging es mir nicht so, wie dem Rezensenten der Zeitschrift »Theater der Zeit« (zum Berliner Gastspiel mit gleichem Programm), dem es nicht leicht fiel, die Choreografien von Karin Waehner zu verstehen. Ich erinnere mich an gegenteilige Eindrücke. Mir war vieles zu klar, zu direkt, für mich wurde immer wieder der politische, antikapitalistische Zeigefinger erhoben, sehr stark in der Choreografie zu den »Wiegenliedern einer proletarischen Mutter«. Brechts Gedichte in der Vertonung von Hanns Eisler, wenn ich nicht irre, gesungen von Gisela May, deren sensible und berührende Interpretation der Bebilderung eigentlich nicht bedurfte.

Dietmar Fritzsche schrieb in der Festtags-Umschau der Zeitschrift »Theater der Zeit« (Ausgabe 12/1986) einen umfangreichen Bericht über die Gastspiele im Rahmen der Berliner Festtage. Für ihn entstand hier eine Mischung aus „abstrakt“ und „real“, die auch für ihn nicht den „emotionstiefen und anspruchsvollen“ musikalischen Vorgaben entsprach.

Für Ines Köthnig (Sächsische Zeitung v. 18.10.1086), die schon in der Überschrift auf ein »Eigenwilliges Ballett im Gastspiel aus Paris« verweist und in der Unterzeile sogar von einer „Tanzgruppe“ spricht, erschließen sich hier allerdings, „Bitterkeit und Kompromisslosigkeit einer Mutter, die trotz aller Nöte ihrem Kind den festen Willen und die Kraft mit auf den Weg gibt für ein späteres besseres Leben zu streiten“.

Höhepunkt des Gastspiel war für die Dresdner Rezensentin ebenso wie für den Berliner Autor die abschließende Choreografie »Die Stufen« (Les Marches). Für Dietmar Fritzsche standen die Stufen als Sinnbild für menschliches Streben, ’nach oben‘ zu kommen. Bemängelte der Kritiker sonst „zu oft Ähnlichkeiten in der Bewegung, im Dargestellten, zu verselbständigte Posen und Gesten“, was für ihn insgesamt eine „konfliktgeladene, spannungsvolle Entwicklung des Geschehens“ hemmt, begegnen sich für ihn hier „unterschiedliche Charaktere und Temperamente mit eigenen, teilweise gegensätzlichen Zielen“. Die Dresdner Rezensentin sah dagegen „egoistische Machtgefühle, die in jedem Menschen mehr oder weniger ihren Platz haben und die zur genüge zu Katastrophen geführt haben“. Sie wurden für sie, „auf der Bühne mit beeindruckender Dichte umgesetzt.“ Insgesamt, so schloss Köthnig, „ein eigenwilliger und beeindruckender Ballettabend.“ Der Berliner Kollege konnte sich am Ende einen ironischen Seitenhieb nicht verkneifen. „Immerhin war zu erleben, wie Gänge, Schwünge aus der Hüfte, »sprechende« Arme in den Dienst einer Aussageabsicht gestellt wurden.“ Diese Zusammenfassung entspricht auch meinen Erinnerungen.

Foto aus dem Archiv Karin Waehner, Fotograf: Jo Babout. Quelle: Tanzfonds Erbe

Jetzt gibt es aktuelle Erwartungen: Im Rahmen der 27. Tanzwoche Dresden gibt es am 26. und 27. April jeweils ab 19.00 Uhr im Dresdner Theaterhaus Rudi  »Aufforderung zur Recherche – Weggehen«  – ein TANZFONDS ERBE Projekt, entstanden im Rahmen von »Karin Waehner (1926 – 1999) Eigensinnig in Zwischenräumen« unter maßgeblicher Beteiligung der Dresdner Tanzwissenschaftlerin Heide Lazarus. In Zusammenarbeit mit der auch in Dresden bekannten Tänzerin Annette Lopez Leal und dem Tänzer Michael Gross zeichnet Bruno Genty verantwortlich für Konzeption, Choreografie, Regie und Tanz dieses Projektes. Genty war Tänzer und Assistent bei Karin Waehner, hat in fast allen ihren Choreografien getanzt, ist heute Dozent für Zeitgenössischen Tanz und Tanzpädagogik an verschiedenen Hochschulen. Er wird auch jeweils eine praktische Einführung geben zu den unterschiedlichen Arbeiten, in denen die Protagonisten ihre Selbstporträts im Spiegel der Erinnerungen an die Arbeiten von Karin Waehner vorstellen. So sollen sich Vergangenheit und Gegenwart verbinden, nicht zuletzt im praktischen Austausch der Generationen.

Nach der Premiere vor einem Monat im Berliner DOCK 11 schrieb der Tanzkritiker Volkmar Draeger für das Fachportal tanznetz.de: „Wie man tänzerisches Erbe produktiv machen kann, ohne eine möglichst originalgetreue Rekonstruktion, dafür liefert »Wegehen« einen beredten praktischen Beitrag.“ Annett Jaensch in der taz sah in Berlin, wie die Protagonisten Waehners Stücke wieder zum Atmen bringen, „ohne eine Kopie zu schaffen“. So könnte nun nach mehr als 20 Jahren auch in Dresden Waehners Atem wieder ganz lebendig fließen. Ich bin gespannt, ich bin dabei, Erinnerungen auffrischen, vielleicht auch korrigieren, neue Erkenntnisse gewinnen – ein guter Anlass.

23.04.2018Features