Es ist kompliziert.

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Es ist kompliziert.

Ein halbes Jahr haben mehrere Gerichtsprozesse um einen möglichen Missbrauchsfall das Semperoper Ballett in Atem gehalten. Am Samstag endete der Streit – vorerst – mit einer Kündigung (Foto: M.M.)

Mehrmals, bekannte der kommissarische Semperopern-Intendant Wolfgang Rothe beim heutigen Pressegespräch, habe er überlegt, ob es nicht einfacher sei, der allfälligen gesellschaftlichen Deutungshoheit von #Metoo nachzugeben und den der sexuellen Belästigung angeklagten Ballettmeister seines Hauses zu entlassen. Stattdessen habe er sich entschieden, den vorliegenden Fall, der in seiner Komplexität monatelang Personal gebunden habe, möglichst umfangreich zu verstehen, aufzuklären und dann erst die Konsequenzen aus den Ergebnissen der Untersuchung zu ziehen.

Das ist nun am Samstag letzter Woche geschehen. Nicht der beschuldigte Ballettchef, sondern der Erste Solist des Semperoper Balletts, István Simon, hat an diesem Tag eine außerordentliche Kündigung erhalten. Nach Abwägen aller Argumente und Standpunkte und dem Hinzuziehen juristischer Hilfe von außen habe man sich zu diesem Schritt entschieden, teilten Intendant, Ballettchef, Ballett-Betriebsdirektor und Justiziarin der Oper heute mit. Es war Rothe und seinem Ballettchef Aaron S. Watkin anzusehen, wie schwer diese Entscheidung gewesen sein muss.

Gerade für Watkin, der István Simon vor zehn Jahren in seine Kompanie holte. Watkin erzählte: wie er für den jungen Tänzer Tag und Nacht dagewesen sei, ihn gefördert habe, bis dahin, dass andere Tänzerinnen und Tänzer sich über die Umsorgung zu wundern begannen, vielleicht sogar eifersüchtig wurden. Trotz immer neuer Volten und Meinungsänderungen von István Simon – mal habe es Aussprachen mit dem Ballettmeister geben sollen, zehn Minuten später wieder nicht – habe der Ballettchef immer Verständnis für „seinen“ Tänzer aufgebracht, als andere das schon nicht mehr hatten. Denn immer häufiger habe es auch Kritik an Simon gegeben, Zweifel an der Beständigkeit seiner Leistung; Tanzpartnerinnen hätten sich beschwert und nach fehlgegangenen Hebefiguren um ihr Leben gefürchtet.

Der Opernintendant legte seinerseits wert auf die Feststellung, dass die Belästigungsvorwürfe erst nach Simons erster Freistellung von den Proben und Vorstellungen von seinen Anwälten aufgeführt und nach Aufforderung durch das Haus auch wochenlang nicht konkretisiert worden seien. Einer persönlichen Befragung habe sich Simon mehrmals entzogen (hier steht übrigens Aussage gegen Aussage: vor dem Arbeitsgericht hatte Simons Anwalt mehrfach versucht klarzustellen, sein Mandant habe einer Befragung grundsätzlich zugestimmt, habe aber das Protokoll seiner eigenen Aussage gemeinsam mit einem Dolmetscher einsehen wollen; und das sei ihm nicht gestattet worden). Und dann seien schon von einem frühen Zeitpunkt an Antidiskriminierungs- und Schiedsgerichte angerufen und die Öffentlichkeit informiert worden, statt sich intern an der Klärung der Vorwürfe zu beteiligen. Kurz: die Weiterbeschäftigung des Ersten Solisten sei unter diesen Umständen nicht mehr möglich gewesen. An dem Ballettmeister und seinem gerade in der heutigen Zeit nicht unumstrittenen Führungsstil wolle man indes festhalten. Hier handele es sich um Hochleistungssport – und da würden alle Beteiligten eben auch an ihre Grenzen geführt.

Am Samstag hat das Haus die außerordentliche Kündigung an den Ersten Solisten István Simon ausgesprochen. Mit einiger Wahrscheinlichkeit ist das noch nicht der Abschluss dieser komplexen Geschichte. Aber es ist ein Punkt, von dem aus sich das Semperoper Ballett jetzt erst einmal wieder mit der Kunst beschäftigen will.

(Aktualisierte Textfassung vom 21. Juni 2018)

27.03.2018Features