Ein tastenlastiger Jahrgang

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Ein tastenlastiger Jahrgang

Der Künstler Max Uhlig hatte den Schostakowitsch Tagen letztes Jahr ein exklusives Werk gestiftet (dem unsere Skizzelei nachempfunden ist): eine Reservage-Aquatinta-Radierung des Kopfes von Dmitri Schostakowitsch. Ein einziges handsigniertes Exemplar (aus einer Auflage von 50) ist noch zu haben!

Die Sächsische Staatskapelle hat sich zu den Osterfestspielen nach Salzburg verabschiedet. Ihr Patenorchester, das Gustav Mahler Jugendorchester, probt derweil im sächsischen Bad Schandau. Ein betont europäischer Klangkörper in der vermeintlich so engen Sächsischen Schweiz, noch dazu mit zwei Programmen, die sich konzeptionell auf die Kriegszeiten 1914 bis 1918 und 1939 bis 1945 beziehen. Kompositionen, die zum Nachdenken anregen dürften. Damit werden die jungen Musikerinnen und Musiker, die seit der betont gesamteuropäischen Orchestergründung 1986 durch Claudio Abbado den Nachwuchs für die internationale Elite der Klangkörper bilden, schon bald durch Deutschland, Italien, Luxembourg, Österreich, Polen und Portugal sowie Spanien touren. Für Dresden sind sogar zwei Konzerte annonciert: Am 27. März in der Semperoper und am 8. April im Kulturpalast.

Dass die gut 120 Instrumentalisten das aktuelle Konzertrepertoire in der Nähe ihres ersten Auftrittsortes proben, hat ebenfalls Tradition. Da sie diesmal in Dresden starten, lag Bad Schandau wortwörtlich sehr nahe. Eine Unterkunft in der Elbresidenz ist dennoch außergewöhnlich; dem kunstsinnigen Generalmanager Christian Lohmann sei’s gedankt, dass diesmal in einer Fünf-Sterne-Herberge geprobt und in der davor gelegenen Kirche konzertiert werden durfte. Mit zwei Gratis-Konzerten will sich die international zusammengesetzte Künstlerschar bei den Schandauern für diese Probenphase bedanken, das erste gab es am 20. März, das nächste folgt am 6. April.

Mit so viel künstlerischem Aufbruch könnte der Frühling nun eigentlich kommen. Doch er hält sich eigenartigerweise noch ziemlich zurück. Obwohl doch nun sogar auch die Internationalen Schostakowitsch-Tage Gohrisch schon ihr sommerliches Programm präsentiert haben! Jede Menge Ur- und Erstaufführungen stecken da drin, das wohl spektakulärste Werk ist die Uraufführung des erst im Herbst 2017 in einem Moskauer Archiv entdeckten Impromptus für Viola und Klavier. Es wird dem Letztwerk von Schostakowitsch, seiner Sonate op. 147 für Viola und Klavier, gegenübergestellt.

Im neunten Jahrgang der Internationalen Schostakowitsch-Tage Gohrisch wird der Blick auf Polen gerichtet: Unter dem Motto »Schostakowitsch und die polnische Moderne« sollen neben Schostakowitsch auch die Komponisten und einstigen Weggefährten Witold Lutosławski, Krzysztof Penderecki und Krzysztof Meyer mit ihrem Schaffen in den Fokus gestellt werden. Drei Uraufführungen und drei Deutsche Erstaufführungen stehen in der Konzertscheune von Gohrisch auf dem Programm. Krzysztof Meyer, diesem weltweit einzigen Festival mit Schostakowitsch im Fokus seit Anbeginn eng verbunden, hat sein Streichquartett Nr. 15 im Auftrag der Schostakowitsch-Tage komponiert, es wird in einem Kammerabend vom Lutosławski Quartet uraufgeführt. Krzysztof Penderecki wird eine neue Fassung für Streichsextett seiner »Ciaccona in memoriam Johannes Paul II.« als Uraufführung beisteuern. Beide Komponisten (und ihre Ehefrauen) werden persönlich in Gohrisch erwartet und stellen sich einem von Tobias Niederschlag moderiertem Komponistengespräch.

Der Inspirator und Künstlerische Leiter der Schostakowitsch-Tage zeigt sich zu Recht stolz auf das diesjährige Vorhaben: „Bereits zum zweiten Mal ist es uns gelungen, in Gohrisch eine Uraufführung von Schostakowitsch zu präsentieren. Nach den nachgelassenen Fragmenten aus der Oper »Die Nase« beim letzten Festival sind wir nun sehr gespannt auf dieses kurze Kammermusikwerk für Bratsche und Klavier. Für die Vermittlung durch die Internationale Schostakowitsch Gesellschaft in Paris sind wir außerordentlich dankbar.“ Dass die Musikerinnen und Musiker der Sächsischen Staatskapelle in Gohrisch mit von der Partie sind, ist inzwischen eine allseits willkommene Selbstverständlichkeit geworden, als Gäste sind aber auch wieder namhafte Interpreten und Ensembles mit dabei, beispielsweise der Bratscher Nils Mönkemeyer sowie die Pianisten Rostislav Krimer gewonnen werden und Denis Matsuev, momentan der Capell-Virtuos des Dresdner Orchesters. Ohnehin geht es dieses Jahr recht tastenlastig zu, denn das Piano-Duo GrauSchumacher wird drei Bearbeitungen von Schostakowitsch-Werken als deutsche Erstaufführung erklingen lassen: Schostakowitsch arrangierte die »Psalmensinfonie« von Igor Strawinsky, das Scherzo aus der Symphonie Nr. 10 von Gustav Mahler und die dritte Symphonie von Arthur Honegger (»Liturgique«) für Klavier zu vier Händen bzw. für zwei Klaviere, um die Werke in dieser doch etwas speziellen Form seinen Moskauer Kompositionsstudenten nahezubringen.

Musik für zwei Klaviere steht auch auf dem Programm des Eröffnungskonzertes am 22. Juni, das Schostakowitschs Concertino op. 94 und Lutosławskis „Paganini Variations“ beinhaltet. Matsuev will hier aber auch mit Jazz-Improvisationen über Themen von Schostakowitsch aufwarten. Und zum ersten Mal gibt es im Vorfeld der Schostakowitsch-Tage eine Kooperation mit dem Festival »Sandstein und Musik«, da in einem Sonderkonzert der von Helmut Branny geleiteten Dresdner Kapellsolisten in der Kirche Lohmen bereits am 28. April Bachs »Kunst der Fuge« in der Orchesterbearbeitung von Rudolf Barschai zur Deutschen Erstaufführung gelangt. Am Vorabend des Festivals lädt die Sächsische Staatskapelle Dresden zu einem reinen Schostakowitsch-Konzert in die Semperoper ein (21. Juni). Das Abschlusskonzert wird dann von der neu gegründeten Initiative »kapelle21« unter der Leitung des Kontrabassisten und Komponisten Petr Popelka in der Konzertscheune Gohrisch präsentiert. Da vor Bekanntgabe des Programms bereits an die 200 Festivalpässe verkauft worden sind, lohnt sich der Hinweis, dass nun auch der freie Kartenvorverkauf gestartet ist.

24.03.2018Features, Kolumnen