Das siebte Jahr ist nicht „verflixt“

Kolumnen

Das siebte Jahr ist nicht „verflixt“

Chefdirigent Christian Thielemann, Orchesterdirektor Jan Nast

Zur Spielzeitpressekonferenz des Musiktheaters hatte sich Christian Thielemann noch neben Omer Meir Wellber präsentiert, der nun bald als Erster Gastdirigent der Staatsoper antreten wird. Beim Pressegespräch der Staatskapelle Dresden zitierte der Chefdirigent den „Kollegen Wellber“ bereits mit dessen geflügeltem Wort vom „Durchlüften“. Um damit sagen zu wollen, Tradition ist ja schön und gut, ohne Frischluft wird sie allerdings staubig und trocken. Was im Klartext bedeutet, dass aus dem nun bald vollendeten Bruckner-Zyklus demnächst eine sinfonische Schumanniade werden soll, die Thielemann in vorerst zwei Konzerten sowie auf einer Tournee vorstellen wird. Wirklich erfrischend dürfte der Antritt des künftigen Capell-Compositeurs werden: Peter Eötvös kennt (und liebt) das Orchester bisher lediglich aufgrund von Aufnahmen; nun wird er es auch bald live hören und sogar selbst dirigieren. Immerhin fünfzehn Werke des 1944 geborenen Komponisten sollen in der nächsten Spielzeit erklingen, die meisten davon im Porträtkonzert, das diesmal im Festspielhaus Hellerau ausgerichtet wird. Der aktuelle Capell-Compositeur Arvo Pärt erhält seine umfassende Vorstellung an diesem Sonntag in der Schlosskapelle, wo ja auch schon Sofia Gubaidulina in der Breite ihres Schaffens präsentiert worden ist.

Dass Peter Eötvös eine ganz besondere Beziehung zu Dresden hat, dürfte für viele überraschend sein: Der nun bald 75jährige Künstler aus Ungarn geriet als Einjähriger mit seinen Eltern just am 13. Februar 1945 in diese Stadt und überlebte die Bombennacht in einem Keller. Dass er nun mit großen Teilen seines künstlerischen Werkes die nächste Kapell-Saison prägen wird, klingt wie eine historische Fügung. Wenn es so etwas gäbe, würde sie durch den künftigen Capell-Virtuosen nur mehr ergänzt werden. Denn der Geiger Frank-Peter Zimmermann ist in Dresden längst schon kein Unbekannter mehr und wird hier fünf Konzerte bestreiten, eines davon mit seinem ebenfalls geigenden Sohn Serge Zimmermann, und zudem 2019 mit dem Orchester zu einer Europa-Tournee sowie zu den Osterfestspielen Salzburg aufbrechen.

Andere Reisen unternimmt die Sächsische Staatskapelle mit ihrem einstigen Chefdirigenten Herbert Blomstedt, der das Brahms-Programm des 3. Symphoniekonzerts auf einer Deutschland-Tour präsentiert, sowie mit Rudolf Buchbinder, der Beethovens fünf Klavierkonzerte dem chinesischen Publikum vorstellen wird. Alles in allem, so scheint es, wird auch in Zukunft mehr auf Kontinuität denn auf Erneuerung gesetzt (man habe einen Spielplan mit den „üblichen Verdächtigen“ vor sich – so formulierte es der Orchesterdirektor Jan Nast).

Freilich ergänzen zahlreiche namhafte Gastdirigenten den Konzertbetrieb. Allen voran Myung-Whun Chung, der Erste Gastdirigent des Orchesters, zudem Persönlichkeiten wie Alan Gilbert, Franz Welser-Möst, Vladimir Jurowski und einmal mehr Omer Meir Wellber sowie namhafte Solisten von Lisa Batiashvili, Venera Gimadieva, Isabel Karajan und Anna Vinnitskaya bis hin zu Kirill Gerstin, Martin Helmchen, Steven Isserlis und René Pape. Christian Thielemann, der zwar im Dezember die Premiere der Oper »Ariadne auf Naxos« von Richard Strauss leiten wird, vermisst just in Dresden allerdings das breitere Schaffen dieses Komponisten. „Es ist mir insgesamt zu wenig Strauss. Die Strauss-Pflege ist wichtig, weil dann einfach das Orchester bis ins letzte Glied gefordert ist. Nach einem guten »Heldenleben« ist jede Gruppe bestens eingespielt.“

Herausforderungen sucht man offensichtlich auch innerhalb des Orchesters, aus dessen Reihen daraufhin eine Initiative namens »kapelle 21« initiiert worden ist. Die widmet sich der Neuen Musik und beinhalten neben einem Werkstattkonzert im Malsaal der Oper einen Aufführungsabend unter der musikalischen Leitung von Petr Popelka. Der ist im Hauptberuf Kontrabassist, komponiert aber auch und wird nun ein reines Schönberg-Programm leiten, das dessen »Verklärte Nacht« mit »Pierrot lunaire«  verbindet. Aber auch das mehr als abendfüllende Porträtkonzert des dann 75jährigen Eötvös ist Bestandteil von »kapelle 21«.

Dass sich Tradition und Aufbruch nicht ausschließen, soll auch in der kommenden Saison ein weiterer – und ausgedehnterer – Ausflug durch Dresdens Neustadt beweisen; „Frischluft“ eben, die sowohl bei »Ohne Frack auf Tour« (am 13. Juni 2019) als auch bei »Klassik picknickt« (am 6. Juli 2019) mit Musik gefüllt werden wird. In die luftige Frische der Sächsischen Schweiz geht es natürlich auch wieder, zu den dann bereits 10. Internationalen Schostakowitsch-Tagen Gohrisch (20. bis 23. Juni 2019), die diesmal mit einem von Sakari Oramo geleiteten Sonderkonzert im ja immer noch neuen Konzertsaal des Kulturpalastes eröffnet werden sollen. Ihr Debüt in diesem Saal gibt die Staatskapelle bereits im diesjährigen Geburtstagskonzert am 22. September, um gemeinsam mit Manfred Honeck das 470. Gründungsjubiläum zu feiern.

03.03.2018Kolumnen