„Die Zeit des Schweigens ist vorbei.“

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„Die Zeit des Schweigens ist vorbei.“

Foto: M.M.

Nach dem vorangegangenen Versuch, anhand von unterschiedlichen Pressestimmen einen Überblick zu versuchen, hier der Versuch, den Stand der Diskussion in Dresden zu erkunden. Dazu habe ich Vertreterinnen und Vertreter der Ballett- und Tanzszene in Dresden befragt.

Fragen an Luisa Sancho Escanero, Künstlerische Koordinatorin und Referentin des Künstlerischen Direktors der Dresden Frankfurt Dance Company:

Wie intensiv beschäftigt Sie bzw. Ihre Kompanie die #MeToo-Debatte?

Zusammen mit den Tänzerinnen bin ich mir als weibliche Verantwortliche der Company dieser internationalen Debatte sehr bewusst. Gemeinsam sprechen wir darüber und verfolgen die Nachrichten, wir befinden uns in einem regen Meinungs- und Erfahrungsaustausch. Wir kommen aus verschiedenen Kulturkreisen, in der Company arbeiten Europäer und Amerikaner, so sind auch die Unterschiede in der Debatte in den USA und Europa Thema bei uns. Einige der älteren Tänzerinnen und ich unterhalten uns auch über unsere vergangenen Erfahrungen in anderen Companies (ich war früher Tänzerin) und sind überzeugt, dass diese Diskussion gerade auch in der Tanzwelt äußerst nötig ist. Wir sind sehr erfreut, dass Tänzer, speziell Tänzerinnen, nun den nötigen Rückhalt haben, um über das Thema sprechen zu können. Die junge Generation weiß jetzt, dass sie nicht alleine ist. Ich glaube auch, dass die Diskussion dazu führen wird, dass wir die Vergangenheit rückwirkend anders betrachten werden. Die Zeit des Schweigens ist vorbei. Die Schwesternschaft und Nähe in der Tanzwelt wächst: Das ist ein wunderbares Gefühl.

Welche Schutz- bzw. Präventionsmechanismen existieren an Ihrem Haus/ In ihrer Kompanie, um sexuellen Missbrauch von Tänzerinnen und Tänzern zu verhindern?

Bei uns herrscht eine Politik der Nulltoleranz, wenn es um sexuellen Missbrauch geht. Die Tänzer der Dresden Frankfurt Dance Company sind unabhängig, verantwortungsbewusst und intelligent. Sie scheuen sich nicht, Themen anzusprechen, die sie als wichtig und/oder heikel empfinden. Wichtige Entscheidungen, welche die Tänzer betreffen, werden in gemeinsamen, häufig stattfindenden Meetings mit ihnen besprochen. Ich vertraue darauf, dass die Transparenz, die unserer Institution innewohnt, auch als starker Schutzmechanismus greift. Unsere Company ist nicht hierarchisch aufgebaut, dies begünstigt eine große Offenheit, direkten Kontakt, eine klare Geradlinigkeit und eine deutliche Kommunikation untereinander. Wir sind überzeugt, dass dies die Basis für ein gesundes Arbeitsklima ist. Die Tänzer wissen, dass sie jederzeit mit Jacopo oder mir über jedes Thema, über Probleme oder Sorgen sprechen können.

Fragen an Aaron S. Watkin, Ballettdirektor des Semperoper Ballett Dresden:

Wie intensiv beschäftigt Sie bzw. Ihre Kompanie die #MeToo-Debatte? Sind Ihnen ältere/aktuelle Fälle an Ihrem Haus / in Ihrer Kompanie bekannt, wie wurde ggf. damit umgegangen? 

Die Debatte um die Vorfälle, die aktuell in ihrem gesamten Umfang ans Licht der Öffentlichkeit gelangen, hat auch uns erreicht und sehr betroffen gemacht. In diesem Zusammenhang unterstützen wir die #MeeToo-Bewegung voll und ganz. Wir sind der Überzeugung, dass jede sexuelle Übergriffigkeit gegenüber Menschen gleich welchen Geschlechts nicht stattfinden darf. Wenn uns ein solcher Vorwurf bekannt wird, werden die Hintergründe sogfältig geprüft und verfolgt, um daraus die notwendigen Entscheidungen zum Schutz der betroffenen Kolleginnen und Kollegen zu treffen.

Bisher sind mir in den zwölf Jahren meiner Direktion keine Vorfälle in unserem Haus bekannt geworden. Allerdings gibt es gerade in jüngster Zeit Hinweise auf einen möglichen Fall. Der Vorwurf wird von uns bis in die Hausleitung sehr ernst genommen und in der gerade beschriebenen Art und Weise sehr detailliert und eingehend geprüft.

Welche Schutz- bzw. Präventionsmechanismen existieren an Ihrem Haus um sexuellen Missbrauch von Tänzerinnen und Tänzern zu verhindern? Gibt es vertrauliche Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner?

Im Rahmen der üblichen Schutz- und Präventionsmechanismen sind im Personalrat Ansprechpartnern und Konfliktberater angesiedelt, an die sich jeder vertraulich wenden kann.

Ein Kommentar von Cindy Hammer, go plastic company, freie Szene Dresden:

Ich finde, solche Aktionen dienen maximal der Sichtbarmachung, sie führen aber nicht unbedingt Veränderungen herbei. Mal davon abgesehen, dass die #metoo-Bewegung anfangs vorrangig Frauen angesprochen hat und sich Männer zu Recht bemerkbar gemacht haben – denn dieses Thema betrifft wenn, dann alle und sollte niemanden ausschließen.

Grundsätzlich pflege ich in meiner künstlerischen Arbeit einen Umgang mit meinen MitarbeiterInnen, der auf Augenhöhe stattfindet. Die Kommunikation soll stets offen und transparent bleiben. So war dies auf der Arbeits-Ebene noch kein Thema. Wenn es um die künstlerische Verhandlung auf der Bühne geht, führen wir immer einen offenen Dialog, welcher auch das Verhandeln von Grenzen und Tabus beinhaltet. Das allein ist schon vonnöten, um sich der künstlerischen Umsetzung betreffender Szenen überhaupt anzunähern bzw. dann in die intensive Arbeit zu gehen.

Wichtig ist die Kommunikation im Vorfeld, mit der ganz konkreten Frage, was geht und was nicht. Das ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich und lässt sich eben nicht verallgemeinern, was ein Hashtag aber tut: er fasst zusammen.

Fragen an Dieter Jaenicke, Intendant, HELLERAU – Europäisches Zentrum der Künste Dresden:

Wie intensiv beschäftigt Sie bzw. Ihre Kompanie die #MeToo-Debatte ? Sind Ihnen ältere/aktuelle Fälle an Ihrem Haus / in Ihrer Kompanie bekannt, wie wurde ggf. damit umgegangen? 

Die Feminismus-Debatte im weiteren Sinne und in diesem Rahmen natürlich die #MeToo-Debatte wird bei uns im Haus intensiv und engagiert geführt, sowohl formell als auch informell geführt. Die Berechtigung und Notwendigkeit des Schutzes vor sexueller Belästigung, Übergriffen und sexueller Gewalt ist natürlich unstrittig, die Methoden und Positionen der feministischen Kontext-Debatten werden allerdings gerade bei weiblichen Mitarbeiterinnen durchaus kontrovers diskutiert.

Es gab bei uns bei einer Veranstaltung einen Vorfall einer sexuellen Belästigung durch einen temporären Mitarbeiter in einem Bundesprogramm bei uns im Haus. Der Vorfall und die notwendigen Konsequenzen wurden sehr offen und transparent im gesamten Team diskutiert. Der Mitarbeiter wurde fristlos beurlaubt (die Frage der Kündigung obliegt der Institution, die das Bundesprogramm betreut). Allerdings hat es sich hier nicht um den Missbrauch aus einer Machtposition heraus (die hatte diese Mitarbeiter nicht) im Sinne der #me.too-Debatte gehandelt. Ansonsten sind hier im Hause keine Fälle von Belästigung, Übergriffen oder sexueller Gewalt bekannt.

Wir selbst – also HELLERAU EZK – werden im März mit „dgtl fmnsm“ eine Veranstaltungsreihe zum Thema „digital feminism“ im Programm haben. Das sehr ambitionierte Projekt ist von einer jungen Kuratorin und Aktivistin aus unserem Haus gemeinsam mit lokalen und internationalen Partnerinnen und Netzwerken entwickelt und vorbereitet worden.

Welche Schutz- bzw. Präventionsmechanismen existieren an Ihrem Haus/ In ihrer Kompanie, um sexuellen Missbrauch von Tänzerinnen und Tänzern zu verhindern? Wurden diese Mechanismen im Zuge der aktuellen Debatte überprüft bzw. verändert? 

Es gibt keine besonderen Schutz- oder Präventionsmechanismen. Künstler*innen-Gaderoben und –Umkleiden sind selbstverständlich nur für internes Personal zugänglich. In einem überschaubaren Team mit einer hohen Sensibilität für die aktuellen Diskurse und die Grundrechte jedes Menschen unterliegen die Arbeits- und Produktionszusammenhänge einer hohen Transparenz. Außer dem genannten Fall ist keiner im Haus bekannt; und die damalige sofortige Reaktion hat das Bewusstsein der Problematik im gesamten Team nochmals geschärft. Wir hoffen, dass die bei uns herrschende Transparenz und Diskussionsfreudigkeit dazu beitragen, dass, sollte es zu entsprechenden Vorfällen oder Regelverletzungen kommen, sich die betroffenen Personen an die Leitung wenden.

Gibt es vertrauliche Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner im Hinblick auf diese Problematik in den jeweiligen Kompanien und Institutionen, an wen richten sich Tänzerinnen oder Tänzer aus der freien Szene? 

Dies ist nicht formell geregelt, aber da jede Produktion im Hause sehr individuell von den zuständigen Mitarbeiterinnen betreut wird, die darüber hinaus mit den meisten Künstler*innen und Tänzer*innen über Jahre entwickelte vertrauensvolle Beziehungen entwickelt haben, gäbe es immer sofort Ansprechpartner*innen.

Wo verläuft die Grenze zwischen künstlerischem Anspruch und missbräuchlicher Missachtung tänzerischer Persönlichkeiten im Hinblick auf immer wieder zu beobachtende Nacktheit im zeitgenössischen Tanz?

Dies ist natürlich eine Frage, die von den Choreograph*innen und künstlerischen Leiter*innen der Tanz-Compagnien und Projekte mit den Tänzer*innen geklärt werden muss. Aus vielen Gesprächen wissen wir und gehen wir davon aus, dass niemand zu Nacktheit gezwungen wird oder die Anforderung von Nacktheit bei Vertragsabschluss eindeutig geklärt ist (und wer bei Dave St.Pierre, Lia Rodrigues oder Olivier Dubois tanzt, weiß von vornherein, das dies eine selbstverständliche Anforderung ist). Hier sollte aber eine tatsächlich wichtige Debatte geführt werden (die bei uns im Hause diverse Male intern und öffentlich geführt wurde), nämlich: wer den Beruf des Tänzers, der Tänzerin ergreift, weiß, dass er/sie ihren Körper als Medium des künstlerischen Ausdrucks oder noch profaner als Arbeitswerkzeug einsetzt. Dies kann in einer freiheitlichen und modernen  Gesellschaft die Nacktheit nicht ausschließen und tabuisieren (wie dies in vielen autoritären Gesellschaften der Fall ist), sonst sind wir nicht mehr weit vom nächsten Schritt entfernt, nämlich den Tanz ganz zu verbieten (wie das in einigen islamischen Ländern der Fall ist) und dann sind wir bei einem islamistischen Körper-, Sexual- und Geschlechter-Verhältnis und -Verständnis und dem Ende des Tanzes überhaupt angelangt.

Es sei noch ein persönliches Statement gestattet:

Wie schon erwähnt, werden die #MeToo-Debatte und die begleitenden Feminismus-Debatten bei uns im Haus zumindest informell intensiv und kontrovers diskutiert. So zum Beispiel die Frage inwieweit die #MeToo-Debatte auch zu Überreaktionen, nicht legitimierten Vorverurteilungen und einer Tendenz zu einem erneuten Ausschluss jeglicher Erotik aus dem öffentlichen Leben führt, also zu einer gesellschaftlichen Bewegung führen könnte, die nicht mehr Freiheit und Gleichberechtigung, sondern mehr Unfreiheit und Prüderie schafft. Die Debatte um den Gomringer-Text an der Wand der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin wird in einem Künstlerischen Produktionshaus wie unserem natürlich auf den Gängen, in den Büros und in den Kantinen mit aller Heftigkeit geführt. Die entscheidende Frage ist doch, ob hier die feministische Debatte nicht tatsächlich zu einer „geistigen Bücherverbrennung“ führt. Ich persönlich finde, dass diese Frage sehr ernsthaft und konsequent geführt werden müsste, was sich offensichtlich vor allem Männer aus Angst vor shit-storms und anderen Reaktionen nicht mehr trauen. Kaum jemand unterstellt Gomringer ja ernsthaft sexistische Absichten, behauptet wird, dass sein Text sexistisch-patriarchalisch verstanden werden könnte. Wenn aber potentielle Lesarten und Verständnisweisen von ein paar harmlosen Zeilen Poesie schon zum öffentlichen Bücherverbot in Form von Übermalung führen ist das aus meiner Sicht mehr als bedenklich. Und als halber Brasilianer fürchte ich, dass der bis heute meist-gespielte und gehörte song der Welt – „The Girl from Ipanema“ dann folgerichtig demnächst ein universelles Aufführungsverbot bekommt.

15.02.2018Features, Interviews