Die Säge am „Bäumchen“

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Die Säge am „Bäumchen“

»Strom«. Foto: Elena Yarovaya

Die Dresdner St.-Pauli-Ruine ruht im Winterschlaf. Das Tanztheater Derevo steht vor seinem Zyklus »Zwischen den Zeiten«. Da werden die beiden Ensembles von einer eiskalten Entscheidung überrascht. Die Stadt streicht für beide Häuser die Institutionelle Förderung. Wobei über ein Haus im eigentlichen Sinne nur St. Pauli verfügt, eben die Backsteinruine im Hechtviertel. Derevo („Das Bäumchen“) stammt aus St. Petersburg und residiert seit Jahren im Festspielhaus Hellerau.

Dort ist es längst eine schöne Tradition geworden, die letzten Dezembertage mit einer Art Best-of zu bespielen, das auch diesmal wieder mit einer Uraufführung garniert sein soll. Deren Titel »Der Strom« bekommt nun eine ganz andere Bedeutung: die Tänzerinnen und Tänzer um Derevo-Gründer Anton Adasinsky fühlen sich plötzlich nicht mehr im Fluss der Zeit, sondern scheinen sich gegen den Strom behaupten zu müssen.

Adasinsky ist entsetzt, zumal er von diesem städtischen Vorhaben nur durch Zufall erfahren haben will, durch den Anruf eines Bekannten. Daraufhin entwarf er umgehend einen Offenen Brief, in dem darauf hingewiesen wird, dass die komplette Streichung der jährlichen Förderung in Höhe von 20.000 Euro bedeuten würde, dass Derevo ab dem 1. Januar auf der Straße stünde. Schließlich müssten Miete von Büro und Probenraum in Hellerau bezahlt werden, was unter diesen Gegebenheiten nicht möglich sei. Die Einnahmen der insgesamt sechs Aufführungen »Zwischen den Zeiten« gingen wie stets ans Festspielhaus.

Unterm Strich würde dieses Geld ebenso wie die Mieteinnahmen von knapp 800 Euro pro Monat künftig der sich um den Titel einer Kulturhauptstadt bewerbenden Stadt Dresden fehlen. Verloren ginge aber auch ein Stück internationaler Ausstrahlung, denn Derevo ist im In- und Ausland eine begehrte Company, die mit ihrer einzigartigen Ästhetik ein stetig wachsendes Publikum fasziniert.

Just hier sieht die Stadtverwaltung jedoch einen Kritikpunkt: Derevo sei ein Petersburger Ensemble, das in der Partnerstadt Dresden lediglich Gastspiele zeige und darüber hinaus nicht ausreichend eine „Weiterentwicklung der Ästhetik und Formensprache“ betreibe. Für Isolde Matkey, die langjährige Managerin der Gruppe, völlig unverständlich: „Ich begleite Derevo seit Beginn ihrer Aktivitäten in Dresden. Sie haben ein ganz neues Genre in die Stadt gebracht – nicht Pantomime, nicht Tanz, nicht Clownerie, sondern eine Ausdrucksform, die nur mit Körpern ergreifende Geschichten erzählt. Derevo war eine der ersten Gruppen, die professionell aufgestellt waren und in selbstständigen Strukturen gearbeitet haben. Mit ihrem Umzug nach Hellerau hatten sie endlich auch eine Bühne, um ihre Stücke vor großem Publikum zu zeigen. In den vergangenen Jahren dürften sie allein hier in der Stadt an die 50.000 Besucher erreicht haben. Nationale und internationale Gastspiele kommen noch hinzu.“

Darüber hinaus ist Derevo immer wieder auch im Dresdner Stadtgebiet, etwa mit der »Weißen Festung« am Zwingerteich, mit einzigartigen Aktionen zu erleben gewesen. Und da das „Petersburger Ensemble“ als UG (haftungsbeschränkte Unternehmergesellschaft) seinen Sitz in Dresden hat, zahlt es hier natürlich auch seine Steuern. Kaum vorstellbar, dass darauf in Zukunft verzichtet werden soll.

Und St. Pauli? Die Saison der Theaterruine währt von April bis Ende Oktober und soll in diesem Jahr sehr erfolgreich gewesen sein. Längst ist die Spielstätte mit ihrem äußerst engagierten Ensemble ein fester Anziehungspunkt für weit mehr Menschen als nur die Kulturinteressierten im Kiez. Gewiss wird der Winterschlaf auch dort nicht bis zum vorweihnachtlichen »Hechtzauber« am 16. und 17. Dezember ungestört anhalten. Mensch, Dresden! Sind das die Signale, die die Stadt in Richtung Kulturhauptstadt ausrichten sollen?

28.11.2017Features